Volkswagen und Amazon verbünden sich : "Industrie-Cloud" soll Produktivität steigern

Überraschende Zusammenarbeit zweier Weltkonzerne: VW beauftragt Amazon, um im großen Maßstab in der Produktion auf Clouddienste umzusteigen.

Jana Kugoth
Ein aufgeschnittener Volkswagen Tiguan GTE mit Hybridantrieb auf der Hannover Messe 2018.
Ein aufgeschnittener Volkswagen Tiguan GTE mit Hybridantrieb auf der Hannover Messe 2018.Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Es ist weiteres ein Mammutprojekt, das sich Volkswagen vorgenommen hat: Der Automobilhersteller aus Wolfsburg will eine „Volkswagen Industrial Cloud“ aufbauen, die die Maschinen und Anlagen der 122 Werke des Automobilgiganten weltweit vernetzen können soll. Dafür hat sich der Autobauer einen mächtigen Partner an Bord geholt: den Techriesen Amazon. Das gab der Autobauer am gestrigen Mittwoch bekannt. Volkswagen und der US-Konzern, der vor allem für seine Internet-Handeslplattformen bekannt ist, beschlossen demnach eine mehrjährige Partnerschaft.   

Unlängst hatte Volkswagen angekündigt, bis 2025 die Produktivität im gesamten Produktionsnetzwerk – außer in China – um 30 Prozent steigern zu wollen. Konzernchef Herbert Diess hatte in der vergangenen Woche auf einer Betriebsversammlung in Wolfsburg gesagt, VW sei „im Wettbewerbsvergleich in unseren Fabriken und in der Verwaltung langsamer und weniger produktiv“.

Die Partnerschaft bei den Cloud-Diensten solle helfen, Abläufe und Prozesse in der Fertigung zu verbessern, um die Produktivität der Werke zu steigern, heißt es. Auf Servern im Netz sollen Maschinen und Daten vernetzt und von überall zugänglich gemacht werden. Bisher unterschieden sich die Systeme in Teilen von Standort zu Standort. Würden dagegen die Daten aus allen Werken zusammengeführt, sei der Materialfluss leichter zu steuern und Lieferengpässe oder Störungen früher zu erkennen. „Wenn demnächst ein Lkw im Stau steht, ein Bauteil fehlerhaft ist oder eine Maschine ausfällt, wissen sofort alle Beteiligten Bescheid“, nennt Volkswagen-Produktionsleiter Gerd Walker ein Beispiel, von Wolfsburg über Shanghai bis Chattanooga in den USA.

Experten-Teams von Volkswagen und Amazon Web Services mit insgesamt 220 Spezialisten sollen ab sofort in VW-IT-Entwicklungszentren in Dresden, München und Wolfsburg arbeiten. Dafür seien bereits 140 Projekte definiert. In Berlin planen die Unternehmen ein gemeinsames „Industrial Cloud Innovation Center“. Die Volkswagen Industrial Cloud sowie erste konkrete Dienste und Funktionen sollen Ende 2019 in Betrieb gehen. Langfristig solle auch die globale Lieferkette von Volkswagen mit über 30.000 Standorten von mehr als 1500 Zulieferern und Partnern Teil der Cloud werden.

Führend bei Cloud-Technik in der Produktion

Volkswagen kooperiert bei Cloud-Diensten auch mit Microsoft, um seine Autos voll zu vernetzen. Die „Automotive Cloud“ soll nicht nur in Deutschland zum Einsatz kommen, sondern auch in China und den USA. Vorgesehen ist dieser Cloud-Dienst vor allem für die vollelektrische Modellfamilie ID, deren erstes Fahrzeug 2020 in Europa auf den Markt kommen soll.

Auf die Frage, warum man zwei verschiedene Anbieter für Cloud-Dienste wählt, bleibt das Unternehmen vage: Man wolle die „individuellen Stärken beider Cloud-Provider“ nutzen, heißt es. Amazon sei führend im Bereich von Cloud-Technologien im Produktionsumfeld. Tatsächlich hat Amazon laut den Analysten von Gartner einen weltweiten Marktanteil von 52 Prozent, Microsoft Azure folgt abgeschlagen mit 13 Prozent.

Eine Besonderheit der neuen „Industrial Cloud“ von Volkswagen: Sie soll als offene Plattform angelegt werden, die auch für andere Automobilhersteller zugänglich sein wird. Wenn die eigenen Fabriken untereinander vernetzt sind, sollen in einem zweiten Schritt die Zulieferer, und drittens auch andere Autobauer eingebunden werden.

Auch an anderer Stelle setzt Volkswagen-Chef Diess auf Kooperationen, etwa die angedachte Partnerschaft mit Ford beim Bau von kleinen Nutzfahrzeugen. Auf dem Genfer Autosalon hatten die Wolfsburger außerdem bekanntgegeben, ihren Elektrobaukasten MEB für externe Hersteller öffnen zu wollen. Erster Partner ist das Aachner Elektro-Auto-Startup e.Go. Der MEB soll sich nach dem Willen des Autobauers zum Industriestandard entwickeln. „Ich denke, wir sind hier, was Kosten und Skalierbarkeit angeht, Champions in der Branche“, sagte VW-Chefstratege Michael Jost kürzlich im Tagesspiegel-Interview. Einen ähnlichen Anspruch verfolgt der Konzern offenbar auch im Bereich des Cloud-Computings.

Die Kooperation zwischen Volkswagen und Amazon zeigt einen Trend: Die Automobilhersteller setzen bei der Software auf die Expertise von US-Unternehmen, während im Bereich Hardware neue Partnerschaften mit chinesischen Herstellern geschlossen werden. Daimler-Chef Dieter Zetsche gab auf einem Kongress im Februar bekannt, gemeinsam mit Microsoft eine Cloud- und Datenplattform aufzubauen. Sie soll bei der Analyse zur Fahrzeugwartung und -entwicklung zum Einsatz kommen. BMW arbeitet im Bereich von Cloud-Diensten ebenfalls mit Microsoft und Amazon zusammen, heißt es auf Nachfrage.

Cloud-Anbieter stehen immer wieder wegen massiver Datenschutzbedenken in der Kritik. Denn sobald die Daten auf den Servern liegen, geben die Kunden ein Stück Kontrolle darüber ab. Volkswagen muss sich darauf verlassen, dass Amazon die Daten weitestgehend gegen Hackerangriffe absichert und Back-ups erstellt, sodass sie bei einer Störung nicht verloren gehen. Die Daten, die in der Industrial Cloud abgespeichert werden, will der Autobauer nach eigenen Angaben nochmals selbst absichern. Wer Einblick in die Daten bekomme, entscheide Volkswagen selbst, heißt es.

Mit Blick auf die Sicherheit sagt Jörg Schwenk, Leiter des Lehrstuhls Netz- und Datensicherheit an der Ruhr-Universität Bochum: „Wenn Cloud-Lösungen in der Produktion eingesetzt werden müssen, so sind Marktführer wie Amazon sicher die beste Wahl, weil sie größtmögliche Sicherheit bieten.“ Europäische oder deutsche Lösungen seien keinesfalls weniger anfällig für Angriffe: „Wenn wir hier vergleichende Studien durchgeführt haben, war eher das Gegenteil der Fall“, so der Experte. (Mit dpa, Reuters)

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