Vorreiter Dänemark : So lebt es sich in einem Land, das vollständig digitalisiert ist

Eine neue Adresse mitteilen, die Scheidung einreichen – fast alles können die Bürger in Dänemark digital erledigen. Unproblematisch ist das nicht.

Digital in Kopenhagen: Auch vom Smarthpone lassen sich in Dänemark die Behörden leicht erreichen.
Digital in Kopenhagen: Auch vom Smarthpone lassen sich in Dänemark die Behörden leicht erreichen.Foto: Francis Joseph/imago

Jonathan Jørgensen leitet ein IT-Unternehmen und reist für Termine quer durch Dänemark. Die Briefe der Behörden liest er im Hotel, sind ja digital. Als die Familie Dag umzieht, brauchen die beiden Söhne Plätze in Krippe und Kindergarten. Sahra Dag sucht sich online Einrichtungen in der Nähe aus und bekommt ihren Zweitwunsch. Lise Parnow beendet bald ihr Arbeitsleben, füllt den Rentenantrag zu Hause am Computer aus. Ganz einfach, sagt sie. Dauert eine halbe Stunde.

Dänemark ist eines der digitalsten Länder Europas. Liegt Deutschland bei internationalen Vergleichen bloß im Mittelfeld, steht Dänemark oft an der Spitze. Inzwischen reichen die 5,8 Millionen Bürgerinnen und Bürger fast 90 Prozent ihrer Anträge an die öffentliche Verwaltung online ein. Ganz gleich, ob es sich um einen neuen Reisepass handelt – oder die Scheidung. Auch deswegen, weil es Pflicht ist. Wer auf Papier besteht, muss einen triftigen Grund nennen.

Merete Elisabeth Røder arbeitet im Bürgeramt Frederiksberg, einer Kommune im Großraum Kopenhagen. „Die Dänen haben ein großes Vertrauen in den Staat“, erklärt sie an einem Vormittag im Mai. „Auch deswegen war es möglich, die Digitalisierung so voranzutreiben.“ Anders als in Deutschland sehen die Menschen laut Umfragen eher die Vorteile im Wandel. „Die junge Generation erwartet doch, dass alles schnell, alles online funktioniert“, sagt Røder. „Da kommt Langeweile auf, wenn sie drei Minuten warten müssen.“

Mit dem Personal des Bürgeramtes sprechen die Besucher viel weniger als früher. Der Raum ist recht leer. Keine Schlangen mehr, keine Wartezeiten. Der Termin: daheim gebucht. Für einen Pass gibt der Kunde an einem Automaten selbst seine Daten ein. Foto machen, Fingerabdruck scannen. Erst am Ende prüft ein Mitarbeiter alles. Den Pass hat der Kunde dann in zwei Wochen. Muss es schnell gehen, in vier Tagen.

Mitarbeiter sind oft in Fortbildungen

Die Dänen sind auch nicht so skeptisch, weil die Digitalisierung hier eine lange Geschichte hat. Ölkrise, Staatsschulden, die 70er Jahre waren hart für das Land. Deswegen begann Premierminister Paul Schlüter 1983 damit, die Verwaltung zu modernisieren. Effizienter sollte sie werden, günstiger, und das mithilfe neuer Technologien. Richtig los ging es mit dem neuen Jahrtausend. 2001 wurde festgelegt, dass die digitale Signatur den gleichen Status hat wie die handschriftliche Unterschrift – auch bei Mails an Behörden. Seitdem wurden mehr als 100 Dienstleistungen digitalisiert.

Für manche Mitarbeiter war die mentale Umstellung anfangs heftig, erzählt Merete Elisabeth Røder. Einige verloren ihren Job oder gingen früher in den Ruhestand. Um 20 bis 25 Prozent wurde Personal im direkten Service abgebaut, schätzt sie. In ganz Dänemark hat sich die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Sektor seit 2008 leicht von 711 865 auf 713 582 erhöht. Allerdings sind niedrig qualifizierte Jobs verloren gegangen, während mehr Aufgaben für Höhergebildete entstanden sind. Nicht die einzige Veränderung.

Für die, die blieben, gab und gibt es Seminare. „Irgendwer ist immer in einer Fortbildung“, sagt Røder. Technische und soziale Fähigkeiten sind zu erlernen. Beschäftigte müssen weniger manuell ausfüllen und mehr beraten. Außerdem müsse er heute eher Generalist als Spezialist sein. Dass sich jemand nur um Pässe kümmert, komme nicht mehr vor. „Hat der Bürger drei Anliegen, will er zu einem Ansprechpartner gehen und da alles erledigen“, sagt Røder.

Der Job im Bürgeramt ist komplexer geworden, fordert permanentes Hinzulernen und zügiges Handeln. Mails müssten innerhalb von 24 Stunden beantwortet und das Anliegen des Bürgers in 14 Tagen bearbeitet werden. Führungskräfte können am Computer sehen, wer wie lange für seine Aufgaben braucht. Über eine App checken die Mitarbeiter morgens ein, vor der Raucherpause und am späten Nachmittag aus. Wegen der Versicherung heißt es, nicht zur Kontrolle.

Gemacht wird, was Kosten einspart

Seit 2007 bekommen die Dänen wichtige Informationen von der Stadt, Mahnungen und Erinnerungen an Impftermine nicht mehr in den Briefkasten, sondern an ihr digitales Postfach zugeschickt. Mit dem 15. Lebensjahr sind sie genauso wie Unternehmen verpflichtet, dieses zu nutzen. Der großen Mehrheit gefällt das. Seit 2010 haben die Menschen außerdem eine elektronische Identifikationsnummer: die „NemID“ – was übersetzt so viel wie „einfache ID“ bedeutet. Die neue Adresse mitteilen, seine Steuererklärung machen, ein Unternehmen anmelden: Auf dem digitalen Bürgeramt Borger.dk können die Dänen so gut wie alles bequem vom Sofa aus erledigen. In wenigen Minuten. 97 Prozent nutzen ihren digitalen Zahlencode regelmäßig.

Die großen Strategien entwickelt eine dänische Digitalisierungsbehörde, die im Finanzministerium angesiedelt ist. Ergibt die Idee Sinn? Spart sie Gelder ein? Dann wird sie womöglich landesweit umgesetzt. Bereits bei der Gesetzgebung ist es inzwischen zwingend, dass alles, was von der Politik beschlossen wird, digital umsetzbar ist. Was in Dänemark noch vor Ort und mit Stift abläuft? Die Abgabe der Wahlstimme.

Unproblematisch ist all das nicht. Der Staat arbeitet mit Banken, Versicherungen und Unternehmen zusammen. Mit der NemID beantragen die Dänen Kindergeld, überweisen Geld, buchen Arzttermine. All ihre Daten sind verknüpft. Der Bürger ist quasi gläsern. „Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Digitalisierung als Katalysator für Wachstum. Die Wirtschaft soll in erhöhtem Umfang Zugriff auf öffentliche Daten erhalten, um neue Geschäftsideen und Innovation zu begünstigen“, heißt es auf einer Internetseite der Dänischen Botschaft – ohne dass jemand aufschreckt. Von der Digitalisierungsbehörde wie von den Gewerkschaften heißt es zwar: es müsse durchaus aufgepasst werden, dass es zu keinem Missbrauch kommt. Die Bedenken scheinen dennoch viel geringer zu sein als anderswo.

„Klar gab es immer mal kontroverse Diskussionen“, sagt Majbrit Berlau, stellvertretende Vorsitzende des dänischen Gewerkschaftsbundes. „Etwa darüber, ob der Arbeitgeber die Gesundheitsdaten eines Bewerbers einsehen kann.“ Wer definiert die Algorithmen? Wem vertraut der Chef im Zweifel eher? Dem Algorithmus oder dem Mitarbeiter? Solche Fragen würden immer wieder debattiert werden. Die Digitalisierung sei zum obersten Thema der Gewerkschaften geworden.

Der DGB kritisiert den Zwang in Dänemark

Was Berlau nicht erwähnt: Laut Nina Rasmussen von der Universität Kopenhagen wurde am 30. April beschlossen, dass mit einem Algorithmus potenzielle Langzeitarbeitslose identifiziert werden sollen. In Österreich gibt es bereits ein ähnliches Programm: Der Arbeitsmarktservice – vergleichbar mit der deutschen Bundesagentur für Arbeit – soll auf diesem Weg die Chancen von Arbeitslosen auf einen neuen Job berechnen lassen. Je nachdem werden ihm einfache oder hochwertige Weiterbildungen angeboten. Oder keine.

Elke Hannack, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, kritisiert das: „Letztlich gilt, nicht alles, was machbar ist, darf auch gemacht werden. Menschliche Vorurteile dürfen sich nicht in einem Algorithmus wiederfinden, der dann Menschen diskriminiert, etwa Ältere, Frauen oder Langzeitarbeitslose.“ Wie digital Dänemark ist, hat sich Hannack mit einer Delegation vor zwei Wochen angesehen. „Hochinteressant“ fand sie die Eindrücke. Kurze Wartezeiten, zufriedenere, weniger gestresste Bürger und Beschäftigte im öffentlichen Dienst würde sich die Gewerkschafterin auch in Deutschland wünschen. So wie ein eigenständiges Digitalministerium.

Negativ sei Hannack der Zwang aufgefallen, alle Online-Angebote nutzen zu müssen. Den Umgang mit Daten findet Hannack „eher sorglos“. Sie mahnt: Menschen dürften durch die Technik nicht ersetzt, sondern nur unterstützt werden. Anders als in Dänemark sollte sich der deutsche Staat außerdem nicht von Privatunternehmen abhängig machen.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

71 Kommentare

Neuester Kommentar