Wirtschaft : VW setzt auf Umwelt

Europas größter Autokonzern will nun auch Hybridfahrzeuge anbieten und damit richtig Geld verdienen

Henrik Mortsiefer

Wolfsburg - Volkswagen reagiert auf die Klimadiskussion und plant umweltschonendere Fahrzeuge. Neben den bereits für dieses Jahr geplanten Hybridversionen der großen Geländewagen Audi Q7 und VW Touareg sollen nun „in kurzer Zeit“ auch für die wichtigsten VW-Baureihen Golf und Polo solche Modelle auf den Markt kommen. Dies stellte der neue Konzernchef Martin Winterkorn am Freitag auf der Bilanzpressekonferenz in Wolfsburg in Aussicht. Hybridautos kombinieren herkömmliche Antriebe mit einem Elektromotor, sind dadurch vor allem im Stadtverkehr sparsamer und stoßen deutlich weniger CO2 aus. VW hat wie alle anderen deutschen Hersteller in diesem Marktsegment großen Nachholbedarf. Dass die deutsche Automobilindustrie beim Thema Klimaschutz und CO2-Reduzierung als „Sündenbock in der Öffentlichkeit“ fungiere, kritisierte Winterkorn. „Das können wir so nicht stehen lassen.“ Bei sparsamen und umweltschonenden Autos dürften keine Abstriche bei Agilität und Fahrspaß gemacht werden. Dies „würde jedes noch so technisch ausgeklügelte, sparsame Fahrzeug zum Ladenhüter machen“, meinte der frühere Audi-Chef. In der sparsamen „Bluemotion“-Baureihe verkauft VW seit vergangenem Jahr den Polo. Auf dem Genfer Autosalon stellte der Konzern in diesen Tagen den Passat „Bluemotion“ vor, der auf 100 Kilometern nur 5,1 Liter Diesel verbrauchen soll. 2007 soll VW laut Winterkorn mindestens 20 000 Autos aus dieser Reihe absetzen. Der VW-Chef kündigte außerdem an, Volkswagen werde einen Kleinstwagen unterhalb des Fox-Modells entwickeln (siehe Kasten).

Mit einer zweiten Überraschung versetzte Winterkorn Anleger und Analysten in Hochstimmung: 2008 wolle Volkswagen ein Vorsteuerergebnis von „mindestens 5,1 Milliarden Euro“ erzielen. Bisher war Winterkorn deutlich zurückhaltender gewesen. Zudem will VW profitabler werden. Angestrebt wird „mittelfristig“ eine Kapitalrendite von neun Prozent (2006: 5,8 Prozent), wie Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch sagte. „VW kann und muss auch eine zweistellige Schlagzahl schaffen“, fügte er hinzu. Dazu sei aber kein neues Sparziel nötig. Das „For-Motion“ genannte Sanierungsprogramm, das den Abbau von 20 000 Stellen in den sechs deutschen Werken vorsieht, reiche aus. Die Börse honorierte dies am Freitag: Die VW-Aktie stieg zeitweise um über drei Prozent auf ein Allzeithoch von 103,80 Euro. Laut Personalvorstand Horst Neumann wurden 7000 Stellen bereits abgebaut. 5000 weitere würden in den Jahren 2007 bis 2009 hinzukommen. Dies sei über Altersteilzeitregelungen sozialverträglich möglich. Ende 2006 beschäftigte VW weltweit 325 000 Mitarbeiter.

„Wir müssen mit weniger Mitteln mehr erreichen“, gab Vorstandschef Winterkorn die Losung aus. In seiner neuen Struktur, die auf die Eigenständigkeit der sieben Konzernmarken VW, Audi, Skoda, Seat, Bugatti, Bentley und Lamborghini setzt, erhalte Volkswagen „eine neue Identität“. Winterkorn zeigte sich zuversichtlich, „die Auslieferungen an Kunden im laufenden Jahr leicht steigern zu können und somit auch die Umsatzerlöse von 2006 zu übertreffen“. Im vergangenen Jahr hatte VW erstmals mehr als 100 Milliarden Euro umgesetzt – genau 104,9 Milliarden Euro (plus 11,6 Prozent) – und weltweit so viele Fahrzeuge ausgeliefert wie nie zuvor: 5,73 Millionen (plus 9,4 Prozent).

Für die ersten zwei Monate nannte Winterkorn am Freitag ein Absatzplus für den Konzern von 8,3 Prozent auf 862 000 Fahrzeuge. Im vergangenen Jahr konnte vor allem die Markengruppe Volkswagen (VW, Skoda, Bentley, Bugatti) deutlich zulegen. Das operative Ergebnis habe sich von 516 Millionen Euro auf 1,42 Milliarden Euro nahezu verdreifacht.

Insgesamt erzielte der Konzern ein operatives Ergebnis vor Sondereinflüssen von 4,4 Milliarden Euro. Allerdings drückten hohe Aufwendungen insbesondere für den Personalabbau den Ertrag bereinigt auf 2,0 Milliarden Euro (2005: 2,5 Milliarden Euro).

Für das laufende Jahr hat sich der VW-Vorstand trotz der laufenden Sanierung ehrgeizige Expansionsziele gesetzt. Vor allem in China und auf dem problematischen US-Markt, wo 2006 operativ ein Verlust von gut 600 Millionen Euro auflief, will VW „die gewünschten Positionen zurückerobern“. Mit Aussagen zur angestrebten Lkw-Fusion der Marken VW, MAN und Scania hielt sich VW zurück, nachdem die Wolfsburger den Anteil an Scania von 18,7 Prozent auf 20,03 Prozent aufgestockt hatten. Die Frage, ob er als künftiger Aufsichtsrat bei Scania genug Sachverstand mitbringe, beantwortete Winterkorn so: „Ich habe seit mehr als zehn Jahren einen Lkw-Führerschein.“

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