Wegwerf-Gesellschaft : So lassen sich Lebensmittelabfälle vermeiden

Tonnenweise Essen landet täglich im Müll. Einige Läden und Smartphone-Apps geben Resten eine zweite Chance.

Bei der richtigen Lagerung im Kühlschrank können sich Lebensmittel noch Tage länger halten
Bei der richtigen Lagerung im Kühlschrank können sich Lebensmittel noch Tage länger haltenFoto: Becker/dpa

Die Zahlen sind beschämend: Schätzungsweise elf Millionen Tonnen Lebensmittel landen hierzulande jedes Jahr im Müll. Einen Großteil davon verursachen Privathaushalte, im Schnitt werfen Verbraucher pro Tag rund 150 Gramm in die Tonne. Dabei ließen sich viele Abfälle vermeiden, wie eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) aus dem Jahr 2017 zeigt. Fast die Hälfte der entsorgten Lebensmittel hätten die Studienteilnehmer noch weiterverwenden können.

Smartphone-App soll beim Kochen helfen

Gemeinsam mit den Ländern will das Bundeslandwirtschaftsministerium das ändern. Bis 2030 will es die Lebensmittelverschwendung im Einzelhandel und bei Verbrauchern halbieren sowie Abfälle bei der Ernte, in der Produktion und bei der Lieferung verringern. Doch während Deutschlands Nachbarn reihenweise Anti-Wegwerf-Gesetze verabschieden, lautet das Prinzip hierzulande: Freiwilligkeit und Aufklärung statt Verbote. Ein Beispiel ist die Smartphone-App „Zu gut für die Tonne“, betrieben vom Landwirtschaftsministerium. Sie enthält hunderte Rezepte von Sterneköchen und Promis wie Johann Lafer oder Daniel Brühl, mit denen sich aus typischen Essensresten noch ganze Menüs kochen lassen. Die App gibt außerdem Tipps zur richtigen Aufbewahrung von Lebensmitteln oder zum Einkauf. Gemessen an den Download-Zahlen ist „Zu gut für die Tonne“ die erfolgreichste App der Bundesregierung, wie Bundesagrarministerin Julia Klöckner immer wieder betont.

Lebensmittel aus Tauschaktionen

Mancherorts ist der Ideenreichtum aber schon deutlich weiter. Wer seine Reste zum Beispiel selbst nicht verwerten will, kann sie verschenken - etwa über die Plattform foodsharing.com, die von Ehrenamtlichen betrieben wird. Registrierte Nutzer können hier überschüssige Lebensmittel in Körben zusammenstellen und anderen Mitgliedern anbieten. Gleichzeitig lassen sich aber auch die Körbe der anderen durchstöbern und bei Bedarf abholen. Eine Karte zeigt dem Nutzer, welche Lebensmittel in seiner Nähe gerade angeboten werden. 20.000 Tonnen sollen so in über einer Millionen Tauschaktionen schon gerettet worden sein. Die Initiative entstand vor fünf Jahren in Berlin, mittlerweile haben sich 200.000 Nutzer in ganz Europa registriert. Mitmachen ist kostenlos.

Und auch in Supermärkten und Restaurants wächst das Bewusstsein, unverkäufliche Produkte nicht gleich wegzuwerfen. Das macht sich etwa Sirplus zunutze, ein Berliner Reste-Markt mit inzwischen drei Standorten in Charlottenburg, Steglitz und Kreuzberg. Das Konzept: Was sonst in den Müll wandern würde, kauft Sirplus seinen Partnermärkten wie Metro und Real für kleines Geld ab - und bietet es in seinen Läden und im Internet wieder an. Dazu gehören beispielsweise Produkte, bei denen das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Die können Supermärkte nämlich nicht mehr verkaufen, sind meistens aber trotzdem noch unversehrt.

Auch Supermärkte beteiligen sich

Auch frisches Obst und Gemüse, das für die Supermarkttheken zu krumm oder zu hässlich war, bekommt bei Sirplus eine zweite Chance. Dem Unternehmen sei es dabei wichtig, dass die geretteten Lebensmittel nicht den gemeinnützigen Organisationen weggenommen werden, sagt Gründer und Geschäftsführer Raphael Fellmer. So kaufe Sirplus nur, was von den Tafeln zuvor nicht schon abgeholt worden ist.

Auf ein ganz ähnliches Konzept setzen die Macher der App „Too Good To Go“, zu deutsch: zu gut, um es wegzuwerfen. Rund 2400 Restaurants, Bäckereien, Cafés und Supermärkte bieten über das Smartphone-Programm übrig gebliebenes Essen zum vergünstigten Preis an, wie etwa Sushi, Suppen oder Salate. Nutzer können in der App sehen, welches Geschäft in der Nähe noch Portionen übrig hat - und diese dann selbst abholen.

Über eine Million Menschen machen den Gründern zufolge schon mit. Besonders aktiv: die Berliner. Allein in der Hauptstadt beteiligen sich 370 Partnerläden am Konzept, rund 120.000 Mahlzeiten wurden hier schon vermittelt. Die App selbst ist kostenlos, die Mahlzeiten kosten im Durchschnitt drei Euro und sollen dabei im Vergleich zum Originalpreis mindestens um die Hälfte günstiger sein. Pro verkaufte Portion bekommen die Macher eine Provision von etwas mehr als einem Euro. Der Hauptgrund für die App sei aber nach wie vor ein ganz idealistischer: „Unsere eigentliche Mission ist es, unser Geschäft überflüssig zu machen“, sagt Geschäftsführerin Mette Lykke. „Denn erst, wenn es keine Lebensmittelverschwendung mehr gibt, ist unsere Mission erfüllt.“

Containern ist meistens Diebstahl

Um diese Mission zu erreichen, wählen manche einen radikaleren Ansatz. In meist nächtlichen Aktionen nehmen sogenannte Mülltaucher wieder heraus, was Supermärkte tagsüber in ihre Abfallcontainer werfen. Die gängige Bezeichnung für solche Aktionen: Containern. Doch das ist nach deutschem Recht häufig illegal. „Dem Supermarktbetreiber ist es meistens nicht egal, ob bei ihm containert wird, da potenzielle Kunden verloren gehen“, sagt Rechtsanwalt Marcel Tomczak. Daher seien die Tonnen meistens verschlossen. „Bei den Lebensmitteln in solchen Abfallcontainern handelt es sich juristisch um fremde Sachen.“ Wer sie mitnimmt, begehe Diebstahl, sagt Tomczak.

Es können empfindliche Geldstrafen oder in besonders schweren Fällen sogar Freiheitsstrafen drohen. Klettern die Mülltaucher auf dem Weg zur Tonne noch über Zäune, kommt Hausfriedensbruch hinzu.
Doch auch wenn Tonnen frei zugänglich sind, ist die Sache nicht ganz klar. Juristisch ist umstritten, ob der Supermarktbesitzer mit dem Wegwerfen indirekt auf seinen Besitzanspruch verzichtet. Eines kommt Mülltauchern aber zugute: „Das Containern genießt eine große gesellschaftliche Akzeptanz“, weiß Tomczak. „Dass es strafbar sein soll, wenn weggeworfene Lebensmittel aus einem Abfallcontainer mitgenommen werden, ist für viele unverständlich.“

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