Wie China die Wirtschaft neustartet : „Der Wunsch nach neuen Autos ist ungebrochen“

Jiang Youwei, Oberbürgermeister der chinesischen Industriemetropole Shenyang, berichtet im Interview, wie das Comeback nach der Corona-Epidemie gelingen kann.

Frank Sieren
Shenyang ist ein Industriezentrum. BMW betreibt hier sein weltweit zweitgrößtes Werk.
Shenyang ist ein Industriezentrum. BMW betreibt hier sein weltweit zweitgrößtes Werk.Foto: imago images/Xinhua

Herr Jiang, haben Sie das Virus besiegt?
Von einem Sieg kann noch nicht die Rede sein. Wir haben noch mit dem Import von Infektionen aus dem Ausland zu kämpfen, und hier und da flammen die Infektionen im Land wieder auf. Aber in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft wird die Epidemie zu Ende sein.

 Shenyang steckt in einem tiefgreifenden Strukturwandel wie ihn auch das Ruhrgebiet durchgemacht hat. Die Autoindustrie ist 2019 um über neun Prozent geschrumpft, dann kam die Coronakrise. Wie kommen Sie da wieder raus?
Ja, es war eine sehr schwere Prüfung und Shenyang hat eine harte Zeit durchgemacht, wie derzeit die Menschen in anderen Teilen der Welt. Aber alle großen Industrieunternehmen haben inzwischen die Arbeit und Produktion wieder aufgenommen, die Lage wird täglich besser. Die Autoindustrie hat bereits am 17. Februar wieder angefangen zu produzieren. Am 14 März ist der erste Zug wieder von Shenyang nach Enns in Österreich gefahren. Aber die Folgen der Krise belasten uns noch sehr.

Wie geht es den Mittelständlern?
Über sie machen wir uns derzeit am meisten Sorgen. Mittelständler sind ein wichtiger Teil unserer Lieferketten. Sie sind anfälliger für solche Krisen. Wir haben einen Rettungsplan entwickelt und tun unser Bestes. Es dauert allerdings ein wenig länger als bei den großen Unternehmen.

Was ist dabei am wichtigsten?
Wir setzen neue Richtlinien um. Dazu gehören Steuersenkungen, Vorzugszinsen, Beschäftigungshilfen und Konsumförderung. All das senkt die Finanzierungs- und Betriebskosten der kleineren und mittleren Unternehmen. Schließlich müssen die Lieferketten wieder funktionieren. 

Jiang Youwei ist seit 2016 Oberbürgermeister von Shenyang im Nordosten Chinas, einem der Industriezentren der Volksrepublik.
Jiang Youwei ist seit 2016 Oberbürgermeister von Shenyang im Nordosten Chinas, einem der Industriezentren der Volksrepublik.Foto: Tsp

Warum glauben Sie, dass die Probleme in der chinesischen Autoindustrie nur vorübergehend sind?
Der technologische Fortschritt in Richtung E-Auto und autonomes Fahren wird bald greifen. Der Markt bereinigt sich. Manche Unternehmen sind nun gezwungen, umzubauen. Andere gehen bankrott. Außerdem wirken die Unterstützungsmaßnahmen. BMW hat zwei Wochen nach dem Hochlauf ein Jubiläum gefeiert: Drei Millionen BMW wurden bis dato in China produziert. Darauf sind wir stolz. Und am 1. April wurde planmäßig mit dem Bau eines neuen BMW-Werks begonnen, was deutlich zeigt, wie groß das Vertrauen in den chinesischen Markt sowie in den Standort Shenyang ist.

Schon vor der Krise wurden weniger Autos gekauft.
Das hat mit kurzfristigen wirtschaftlichen Schwankungen zu tun und mit der Umstellung auf das E-Auto. Bei so einem tiefgreifenden Prozess warten die Menschen erst einmal ab. Mittelfristig jedoch ist der Wunsch nach mehr Konsum und einem neuen Auto ungebrochen. Auf dem Land ist es das erste Auto, in der Stadt ein besseres.

Das sieht aber derzeit nicht so aus.
Dennoch sind wir zuversichtlich, weil wir diesen riesigen Markt haben. 2018 gab es in China im Durchschnitt erst 172 Autos pro 1000 Einwohnern. Der Weltdurchschnitt hingegen liegt bei 380. In Deutschland sind es 611. In den USA sogar über 800. Da ist in China noch Luft nach oben und die Coronakrise ist in dieser Entwicklung nur ein kleiner Einschnitt. Gleichzeitig fördert die Zentralregierung die E-Autoindustrie.

. Seit fast zwei Jahrzehnten baut BMW in Shenyang einen Großteil seiner Fahrzeugpalette von der 5er Serie und dem X3 abwärts.
. Seit fast zwei Jahrzehnten baut BMW in Shenyang einen Großteil seiner Fahrzeugpalette von der 5er Serie und dem X3 abwärts.Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb

Warum vertrauen Sie der nationalen Steuerung mehr als dem freien Wettbewerb?
Man braucht beides nebeneinander. Der Staat muss neue Entwicklungen wie die Elektromobilität erst einmal koordiniert anschieben. Sonst wird das nichts. Er muss zum Beispiel die Entwicklung der Batterieindustrie oder der Ladestationen fördern, aber auch den Kauf der E-Autos. Später erst greifen die Marktkräfte. In den nächsten drei bis fünf Jahren wird sich die chinesische Autoindustrie in einer Geschwindigkeit verändern wie nie zuvor.

Ist das nicht Wettbewerbsverzerrung?
Nein, denn wir erhöhen gleichzeitig den Wettbewerbsdruck. Wir öffnen zum Beispiel den Automarkt für internationale Hersteller weiter. BMW hat als erster ausländischer Hersteller in China die Genehmigung bekommen, seinen Joint-Venture-Anteil auf 75 Prozent zu erhöhen.

Hält China das mit seinen 1,4 Milliarden Menschen aus, wenn 600 bis 800 Autos auf 1000 Einwohner kommen?
Die Zahl ist zu hoch. Die chinesische Autodichte wird sich irgendwo zwischen 400 und 500 Fahrzeugen einpendeln. Aber das dauert noch. Die Zentralregierung rechnet bis 2025 mit einer Dichte von 260 Fahrzeugen.

In Peking stehen die Autos Ende April schon wieder im Stau.
In Peking stehen die Autos Ende April schon wieder im Stau.Foto: dpa

Wie sieht denn dann das neue Auto aus?
Das neue Auto ist elektrisch, intelligent, vernetzt und es wird geteilt. Bei den E-Autos in China dringen wir zügig zu neuen Innovationsstufen vor. In den Bereichen Batterien, dem E-Motor und vor allem auch in der Motorsteuerung. Ich glaube, das Elektroauto bringt dramatische Veränderungen in unseren Alltag. Autonomes, intelligentes Fahren wird sehr bald zum Alltag in China. Und alles wird miteinander vernetzt sein.

Und wie schnell bekommen Sie diese Mobilitätswende hin?
Wir setzen vor allem auf 5G. Das 5G-Netzwerk ermöglicht es uns, das autonome Fahren voranzutreiben. Wir haben bereits Testregionen, in denen wir 5G für Autos ausprobieren. Aber wir können 5G auch benutzen, um Fabriken zu steuern und die Produktion mit den Zulieferketten zu verbinden. Die intelligente Produktion wird die Autoproduktion revolutionieren. Und wir sind vorn dabei.

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