Wirtschaft : „Wir brauchen Menschen mit Mut zur Wahrheit“

Utz Claassen, Chef des Energiekonzerns EnBW, über harte Sanierer, ängstliche Politiker und sein Reformprogramm für Deutschland

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Herr Claassen, sind Sie ein Nörgler?

Ich denke nicht – wieso?

Sie sagen, Deutschland sei ein Sanierungsfall. Dabei erleben wir den stärksten Aufschwung seit Jahren.

Das ist gut, aber man muss realistisch sein: Der Durchschnitt der Welt wächst doppelt so stark, die besten Länder viermal so stark. Um die Arbeitslosigkeit nachhaltig abzubauen, müssten wir auf Jahre im Mittel um 2,5 bis drei Prozent zulegen. Momentan schaffen wir jedoch in der Spitze nur 2,7 Prozent. Es gibt also nur bedingt Grund zum Feiern.

Immerhin wächst die Bundesrepublik stärker als das vermeintliche Vorbild USA.

Das ist eine Momentaufnahme. Über einen längeren Zeitraum sind die USA im Schnitt deutlich stärker gewachsen. Zudem müssen wir uns inzwischen indischer Intelligenz, indischen Löhnen, indischem Fleiß und indischen Arbeitszeiten stellen. Für China gilt dasselbe. Deshalb wäre es grundlegend falsch, wenn wir das Reformtempo jetzt herunterfahren.

Dieses Land kommt offenbar mit der Globalisierung besser zurecht als viele andere Industriestaaten, sonst wären wir nicht Exportweltmeister.

Viele lassen sich davon blenden. Wichtig ist die Wertschöpfung im eigenen Land. Wir profitieren von der Infrastruktur, die unsere Eltern und Großeltern aufgebaut haben. Wir sind dabei, ihr Erbe aufzuzehren, und das unserer Kinder gleich mit. Unser gesellschaftliches Wohlstandsniveau ist ökonomisch nicht mehr hinterlegt. Auf der arabischen Halbinsel sind mehr als 1000 Milliarden Euro cash für Investitionen frei. Bei uns dagegen ist der Staat in Summe mit weit mehr als 1000 Milliarden Euro verschuldet, weniger als zehn Prozent des Bundeshaushalts fließen in Zukunftsaufgaben. Wir werden unseren Lebensstandard so kaum halten: mit den höchsten Löhnen, den kürzesten Arbeitszeiten, den längsten Ferien und einer der niedrigsten Geburtenraten. Bei aller Tüchtigkeit unserer Beschäftigten stößt das System an seine Grenzen.

Sie gelten als Sanierer. Ein Land ist aber kein Konzern – Sie können keine Bürger entlassen und keine Sparten dichtmachen.

Das will auch niemand. Ich habe den spanischen Autobauer Seat, den Labortechnikhersteller Sartorius und den Energiekonzern EnBW saniert. Als Faustregel galt für mich: Wenn das Verschuldungsniveau höher liegt als der Jahresumsatz, ist eine Sanierung aus eigener Kraft kaum noch möglich. In der Bundesrepublik hat die Verschuldung mittlerweile weit den „Jahresumsatz“, also die Summe der Steuereinnahmen eines Jahres, überschritten. An nachhaltigen Schuldenabbau führt kein Weg vorbei.

Sie sind nicht der Erste, der dies fordert. Warum passiert hier so wenig?

Weil wir nicht die Kraft zu notwendigen Umschichtungen haben. Und oft nicht mal den Mut zur klaren Analyse. Erinnern Sie sich an den Proteststurm, als Angela Merkel Deutschland als Sanierungsfall bezeichnet hatte? Die Wahrheit ist offenbar manchmal politisch nicht korrekt und vielleicht auch nicht von allen gewollt.

Die letzte Bundestagswahl hat gezeigt, dass die Bürger auf Reformen keine Lust mehr haben.

Man muss erklären, dass jeden Tag Produktion aus diesem Land verschwindet. Als ich mein erstes Kofferradio bekam, dominierten Marken wie Saba, Telefunken, Grundig, Nordmende den Markt. Heute kommt Unterhaltungselektronik praktisch nur noch aus Fernost. Als ich im Studium war, galt Deutschland als Apotheke der Welt. Heute sitzen die größten Pharmakonzerne der Welt in den USA, in Großbritannien, Frankreich und in der Schweiz. Und wenn wir nicht aufpassen, werden Airbus-Flugzeuge irgendwann in Schanghai gefertigt, statt in Toulouse oder Hamburg.

Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer Ihres Sanierungsplans?

Jeder Euro für vermeidbare Transferleistungen fehlt für Investitionen in die Zukunft. Auf Dauer produziert man damit mehr Ungleichheit, nicht weniger. Der ganze Umverteilungsapparat verschlingt Unmengen an Geld. Im Grunde genommen sollten sehr wohl Versorgungsbedürftige, nicht jedoch alle Versorgungsfähigen vom Staat Geld bekommen. Dann könnten wir mehr für Forschung, Ausbildung und Entwicklung ausgeben.

Klingt nicht nach Wahlkampfknüller.

Heute verschweigen die Politiker vieles um des lieben Friedens willen. Die Agenda 2010 wurde trotzdem durchgesetzt – sicher ein wichtiger Beitrag zum erlebten Aufschwung.

Die SPD hat sich bis heute von den Folgen nicht erholt.

Politiker und Manager sollten zuallererst das tun, was der Sache dient – unabhängig von eigenen Karriereinteressen. Wer nur auf Wählerstimmen schielt, schadet dem Land. Gerhard Schröder hat bei der Agenda 2010 den Notwendigkeiten höhere Bedeutung eingeräumt als der persönlichen Machtsicherung.

Sie als Vorstandschef setzen doch ihre Vertragsverlängerung auch nicht mit einem riskanten Deal aufs Spiel.

Ich habe nur deshalb drei Unternehmen erfolgreich saniert, weil ich mich nie gefragt habe, ob eine Maßnahme populär oder opportun ist. Ich habe mich immer an den Erfordernissen orientiert.

Wir brauchen also mehr Sanierer wie Utz Claassen.

Nein, wir brauchen mehr Menschen mit Mut zur Wahrheit.

Sind nur die Politiker schuld an den Problemen – oder auch die Manager?

Wir haben generell ein etwas verklemmtes Verhältnis zu Erfolg und Misserfolg. Ein Manager, der bei zehn Projekten sechsmal erfolgreich war und vier in den Sand gesetzt hat, also 6:4 spielt, hat in unserer Kultur oftmals weniger Chancen als jemand, der zehnmal nicht unangenehm auffällt, aber stets nur 0:0 spielt. Dabei gewinnen doch alle lieber, als Unentschieden zu spielen.

Energiekonzerne stehen in dem Ruf, die Preise hoch zu halten, Rekordgewinne einzufahren und den Wettbewerb zu bremsen. Sind nicht auch hier Reformen nötig?

Unsere Gewinne sind auskömmlich, aber nicht übermäßig hoch – das Geschäft ist ja sehr kapitalintensiv. Wettbewerb gibt es. Wir haben ihn mit Yello angeschoben. Gleichwohl sind auch bei uns Reformen und Modernisierungen nötig. Wir waren als Branche sehr strukturkonservativ und haben im letzten Jahrzehnt tendenziell auch zu wenig in Innovationen investiert. Weitere Reformmöglichkeiten betreffen die Anreizregulierung und die Europäisierung des Marktes.

Bekommen wir mehr Wachstum, wenn Deutschland Vorreiter beim Klimaschutz wird?

Der Klimaschutz ist überlebensnotwendig, und er bringt technischen Fortschritt. Momentan erleben wir aber eine umfassende Einmischung des Staates ins Private. Die Bürger werden gemahnt, nicht mehr zu fliegen, das Auto stehen zu lassen, nichts Ungesundes zu essen, nicht mehr zu rauchen oder keine Glühbirnen zu benutzen. Das darf nicht so weit gehen, dass der Staat die letzten Bereiche des Privatlebens bestimmt und kontrolliert. Wir sind auf dem Weg in die totale Lifestyle-Regulierung – das ist das Gegenteil einer freiheitlichen Gesellschaft.

Ohne staatliche Eingriffe hätten die Energiefirmen ein neues Kohlekraftwerk nach dem anderen gebaut – in Berlin soll es wieder eines geben.

Ich wäre froh, wenn wir darüber nicht nachdenken müssten, weil bestehende Kernkraftwerke weiterlaufen könnten. Wir haben als Gesellschaft die Kühnheit, 30 Milliarden Euro volkswirtschaftlichen Vermögens vorzeitig außer Betrieb nehmen zu wollen. Obwohl wir wissen, dass die Kernkraft 150 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr vermeidet. Damit erzwingen wir Investitionen in neue Kohlekraftwerke und beklagen dann zugleich zusätzliche Klimagase. Das ist ein gutes Beispiel für die mangelnde Faktenorientierung politischer Entscheidungsprozesse.

Die erneuerbaren Energien sollen ausgebaut, die Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Was heißt das für die Strompreise?

Die Strompreise ergeben sich aus mehreren Faktoren. Auf jeden Fall werden die Erzeugungskosten durch den Kernkraftausstieg deutlich ansteigen, und zwar im deutlich zweistelligen Prozentbereich.

Haben Sie eine Alternative?

Wir müssen die Restlaufzeiten für die Kernkraftwerke verlängern. Wenn wir acht oder zehn Jahre später aus der Kernkraft aussteigen, bekommen wir Spielraum für die Weiterentwicklung erneuerbarer Energien. Dafür legen wir uns nicht voreilig auf eine Erweiterung fossiler Strukturen fest, die dann Jahrzehnte am Netz sind, und schaffen stattdessen einen wirklichen Übergang zu regenerativen Strukturen.

Das Interview führte Carsten Brönstrup.

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