Über harte Arbeit im Logistikzentrum und millionenschwere Fördergelder

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Zalando-Chef Gentz im Interview : "Die Retourquoten sind uns egal"
Nach der Party. Im Oktober 2014 ging Zalando in Frankfurt an die Börse. Dort ist das Unternehmen derzeit rund sechs Milliarden Euro wert.
Nach der Party. Im Oktober 2014 ging Zalando in Frankfurt an die Börse. Dort ist das Unternehmen derzeit rund sechs Milliarden...Foto: dpa

Was würden Günter Wallraff und sein Team heute vorfinden, wenn sie sich in eines Ihrer Logistikzentren einschleichen?

Jobs in der Logistik sind harte Arbeit. Aber alle verdienen über dem Mindestlohn. An vielen Standorten haben wir sehr viel Gutes geschaffen: In unserem Zentrum in Erfurt wurden etwa 1000 Menschen eingestellt, die vorher langzeitarbeitslos waren. In Brandenburg 500. Es hat sich aber einiges verbessert. Heute verantworten wir die Logistik selbst und wir kontrollieren unsere Partner stärker, das war etwas, das wir erst lernen mussten.

Was haben Sie sonst noch gelernt?

Alles. Wir sind vor sechseinhalb Jahren mitten in die Finanzkrise hinein gestartet. Damals hat uns jeder Investor gesagt: Kommt mit dem Geld zurecht, es gibt nicht mehr. Wir saßen in einem ganz kleinen Büro in der Torstraße und haben vor allem viel Energie darauf verwendet, keinen Cent auszugeben. Wir haben nur ganz vorsichtiges Marketing betrieben, den Kundenservice selbst gemanagt, Pakete eigenhändig zur Post gebracht. Das war Fluch und Segen zugleich: So haben wir uns sehr tief mit den Details auseinandergesetzt.

Im Februar 2010 haben Sie drei Millionen Euro Umsatz gemacht, im Mai schon 30.

Das war die anstrengendste und heikelste Phase. Plötzlich brannte es an allen Ecken! Wir haben eine ganze Reihe von Dingen unterschätzt: die Komplexität der Logistik, die des Einkaufs. Und es dauerte, ehe wir gemerkt haben, dass es beim E-Commerce vor allem um Technik geht. Zalando ist inzwischen das größte Technologieunternehmen in Berlin, wir suchen händeringend Software-Ingenieure und -Entwickler. Wenn man jetzt darüber nachdächte, Zalando aufzubauen, würde man es von Anfang an als Plattform aufziehen. Unser größter Konkurrent ist Facebook.

"Man kann diskutieren, ob Fördergelder richtig sind"

Wie behalten Sie im Blick, was sich in Berlins Gründerszene tut?

Das Entscheidende ist das persönliche Netzwerk. Nach fast sieben Jahren in Berlin kenne ich mich hier sehr gut aus. Wir haben mehrere tausend Mitarbeiter, die super vernetzt sind. Natürlich versuchen wir, die größten Talente zu uns zu holen.

Kürzlich haben Oppositionspolitiker kritisiert, dass Zalando seit 2010 mehr als zehn Millionen Euro Fördergelder erhalten hat.

Man kann jetzt die Diskussion führen, ob solche Fördergelder richtig sind oder falsch. Fakt ist: Uns standen Fördergelder zur Verfügung und die haben wir legal genutzt. Deswegen kann man uns keinen Vorwurf machen. Wenn man sich die vielen Arbeitsplätze anguckt, die wir geschaffen haben, kann das Geld allerdings nicht so falsch investiert sein.

"Wir werden kein Amazon"

Insgesamt sind in Berlin 3500 Menschen bei Zalando beschäftigt, in der neuen Zentrale in Friedrichshain über 1000. Sie sind 31 Jahre alt. Worauf achten Sie als Chef?

Wir bemühen uns, nicht zu viele Ansagen zu machen oder Regeln aufzustellen. Uns ist wichtig, dass Innovationen von den Mitarbeitern entwickelt werden. Wir brauchen Leute, die Dinge hinterfragen und sich am Puls der Zeit bewegen. Gerade in einer schnelllebigen Welt wie dem Onlinehandel muss ein Unternehmen anpassungsfähig bleiben. Unser oberstes Gebot ist: Treat every day as the first day.

Erst waren Sie ein Schuhhändler, jetzt ein Modeunternehmen ...

Ja, weil die Nachfrage da war. Lange haben wir uns aus gutem Grund auf Deutschland konzentriert, dann das Modell im holländischen Markt versucht, und als das gut lief, auf andere übertragen. Jetzt entdecken wir, wie viel mächtiger wir als internationaler Anbieter sind – Marken wie Topshop aus Großbritannien und Gap aus den USA konnten wir nur gewinnen, weil wir ihnen den kompletten europäischen Markt eröffnen.

... ist Zalando übermorgen ein Allrounder wie Amazon?

Nein. Der Modemarkt ist der größte Einzelhandelsmarkt weltweit. Auch der mit den höchsten Margen. Darauf konzentrieren wir uns.

Das Gespräch führte Maris Hubschmid

DER GRÜNDER

Robert Gentz (31) ist einer von drei Geschäftsführern von Zalando. Er studierte BWL in Karlsruhe und sammelte Erfahrungen bei der Boston Consulting Group, Morgan Stanley und Daimler Chrysler. Ein erstes Unternehmen scheiterte: Unibicate, ein soziales Netzwerk für Mexiko. 2008 starteten Gentz und sein Studienkollege David Schneider mit Kapital der drei Samwer-Brüder Zalando in Berlin.

DAS UNTERNEHMEN

Vom Online-Schuhhändler hat sich Zalando zum größten Modeversand Europas entwickelt. Das Unternehmen beschäftigt heute mehr als 7000 Mitarbeiter. Nach einem Umsatzplus von 26 Prozent auf 2,21 Milliarden Euro verdiente Zalando im vergangenen Jahr 83 Millionen Euro, unter dem Strich 47,1 Millionen. 2013 hatte das Unternehmen noch 114 Millionen Euro Verlust gemacht. Vorstände sind Robert Gentz, David Schneider und Rubin Ritter.

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