Zukunft des Journalismus : Die Trennung zwischen Redaktion und Anzeigenabteilung muss scharf sein

Die Unabhängigkeit von Redaktionen wird durch neue Geschäfts- und Werbemodelle von Medienunternehmen auf die Probe gestellt. Ein Kommentar.

Auf einem Schild einer Demonstrantin steht das Wort "Lügenpresse".
Auf einem Schild einer Demonstrantin steht das Wort "Lügenpresse".Foto: Bernd Wüstneck/dpa

Wie bigott sind Journalisten? Diese Frage beschäftigt Leser, Zuschauer und Nutzer von Zeitungen, TV-Sendern und Websites wieder heftig. Sie fragen sich, wie ein Journalist das Fleischessen kritisieren kann, wenn unter dem Kommentar die Anzeige einer Supermarktfleischtheke steht. Oder wie man einen SUV-Eigentümer kritisieren kann, wenn der Hersteller dieser Autos mit seiner Werbung den Sender am Leben hält. Sie fragen zu Recht. Die Unabhängigkeit von Redaktionen einzufordern und zu verteidigen ist Sache der Journalisten – und der Leser und Nutzer.

Aus journalistischer Perspektive ist es kein Widerspruch, Anzeigen von Fleischherstellern zu haben und dennoch gegen übermäßigen Fleischkonsum zu argumentieren. Es ist vielmehr ein Ausdruck der Freiheit. Auch wenn der Anzeigenleiter drohen sollte – die Inhalte bestimmen die Journalisten. Leser sollten im Gegenteil misstrauisch werden, wenn sich alles zu geschmeidig fügt: im Text ein Loblied auf die Kreuzfahrt, unten die Anzeige dazu. Die Trennung zwischen Redaktion und Anzeigenabteilung muss scharf sein.

Allgemeingültige Antworten gibt es noch nicht

Dennoch ist offensichtlich, dass sich gerade etwas verschiebt: Welche Rolle spielt die Redaktion in neuen Geschäftsmodellen von Medienunternehmen? Wie trennen Influencer Werbung und redaktionelle Inhalte? Wo verlaufen die Grenzen zwischen Erlaubtem und Anstößigem bei Leserreisen, Konferenzen, Sponsoring? Die Regeln für diese neuen Geschäftsfelder werden gerade erst verhandelt. Die klassische Werbung schrumpft, Leser und Nutzer sind nicht bereit, viel mehr (oder überhaupt) zu bezahlen.

Doch wenn Unternehmen eine Konferenz finanzieren und die Meinung der Vorstandschefs von der Redaktion gefeiert wird, müssen Fragen gestellt werden. Wenn der kreuzfahrtkritische Redakteur beim Käptn's-Dinner auf Hoher See mitplaudert, fragen die Leserreisenden zu Recht, was das soll. Sie haben Erholung und keine Bußprozession gebucht. Allgemeingültige Antworten gibt es noch nicht. Deshalb sind Kritik und Nachfragen besonders wichtig: Vertrauen ist gut, Transparenz ist immer besser.

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