• 100.000 Altenheimbewohner leiden an Depression: Hilfsbedürftig, aber nicht hoffnungslos

Sitztanz, Rätselnachmittage und Singen

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100.000 Altenheimbewohner leiden an Depression : Hilfsbedürftig, aber nicht hoffnungslos
Jana Hauschild

Ein Jahr ist sein Umzug in das Seniorenstift her. Seit etwa einem halben Jahr besucht ihn jede Woche Eva-Marie Kessler für die Psychotherapiestunde. Ihr hat er das erste Mal in seinem Leben von den schlimmen Kriegserlebnissen berichtet, die ihn bis heute beschäftigen. Schuldgefühle, Verluste und Einsamkeit waren häufig Themen in den Sitzungen. Kühn hat diese Zeit gutgetan: „Frau Kessler hat mir Mut gemacht. Durch sie habe ich mich getraut, endlich Bekanntschaften mit anderen Bewohnern zu schließen“, sagt er. Sitztanz, Rätselnachmittage und Singen: Fast jeden Tag besucht er Veranstaltungen, wo er schwatzt und lacht.

Auch den Alten hilft eine Psychotherapie

Dass Psychotherapie auch jenseits des Rentenbeginns wirksam ist, zeigte unter anderem eine Übersichtsstudie von deutschen und britischen Forschern. Sie analysierten 57 Studien, für die Psychotherapie mit Probanden im Durchschnittsalter von 72 Jahren durchgeführt wurde. Vor allem Senioren mit Depressionen half die Behandlung sehr gut. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Effektivität von Psychotherapie nicht mit steigendem Alter abnimmt“, schreiben sie.

Ebenso berichten Forscher aus anderen Ländern inzwischen von erfolgreichen Psychotherapien in Altenpflegeeinrichtungen. Eine polnische Studie zeigte, was schon vier Wochen Gruppenpsychotherapie bewirken können: Die über 70-jährigen Frauen litten unter orthopädischen oder chronischen Erkrankungen sowie Folgen eines Schlaganfalls. Nach der Behandlung war ihre Gemütslage deutlich aufgehellt. Auch ihre Physiotherapie schien besser zu wirken, wenn die betagten Damen psychologische Hilfe erhalten hatten. Eine weitere Untersuchung mit Altenheimbewohnern in Taiwan deutet darauf hin, dass selbst bei Betagten mit kognitiven Einschränkungen Psychotherapie greift. Die 61 Probanden waren an Demenz erkrankt, mit milden bis moderaten Symptomen. Zwölf Wochen lang nahmen sie an einer Gruppenbehandlung teil. Danach waren sie weniger depressiv und verhielten sich weniger apathisch.

Man müsse andere Maßstäbe ansetzen, um den Erfolg einer Psychotherapie bei Älteren einzuschätzen, betont Kessler. „Natürlich gibt es Patienten, die nach der Therapie keine Symptome mehr zeigen. Aber es ist schon ein großer Erfolg, wenn die Patienten lernen, trotz körperlicher Einschränkungen und damit verbundener negativer Gefühle Momente von Wohlbefinden zu erleben“, sagt sie. Viele hätten unter den schwierigen Lebensbedingungen und wegen Erkrankungen ihr Selbstwertgefühl verloren. Durch die Therapie würden viele wieder erleben, dass sie wertvoll sind und Bedeutung für andere haben. Auch wenn sie in einem Heim lebten und auf Hilfe angewiesen seien.

„Wenn man älter wird und die Behinderung zunimmt, fällt vieles schwer“, sagt ihr Patient Kühn. Kleinigkeiten erschüttern ihn schneller, etwa wenn ein Gerät nicht funktioniert. Das stört ihn, tagelang. Doch seit der Behandlung ist er gelassener, fühlt sich wohler. „Ich war mir gar nicht sicher, ob eine Psychotherapie mir was bringt. Aber ich wollte es ausprobieren. Ich bin heute dankbar dafür und wünsche mir, dass solch eine Behandlung in allen Altersheimen möglich ist“, sagt er. Kühn schätzt, dass 98 Prozent seiner Mitbewohner solch eine psychologische Unterstützung brauchen. So wie er. Das Gefühl, dass die Wände auf ihn zukämen, habe er durch die Behandlung zwar nicht verloren. Doch sie würden sich nun viel langsamer bewegen.

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