Arnd Bauerkämper über die Russen in der russischen Revolution

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100 Jahre Oktoberrevolution : Diktatur über das Proletariat – und alle anderen
Arnd Bauerkämper.
Arnd Bauerkämper.Foto: Bernd Wannenmacher

Mit den unzufriedenen Bauern und Soldaten, die sich 1917 nach Frieden beziehungsweise nach Land sehnten, verfügte die Oktoberrevolution in Russland zwar über eine gesellschaftliche Basis. Für den Staatsstreich war aber letztlich die Entschlossenheit einer kleinen Gruppe von Bolschewiki um Lenin entscheidend, den Griff nach der Macht zu wagen. Systematische Gewalt gegen politische Gegner setzte spätestens schon mit der Gründung der Tscheka im Dezember 1917 ein, ohne dass der umfassende Terror im Stalinismus (seit den späten zwanziger Jahren) damit vorgezeichnet war.

Die Neue Ökonomische Politik, die 1922/23 den „Kriegskommunismus“ ablöste, führte vor allem in der Wirtschaft nochmals eine wirtschaftliche Lockerung und politische Öffnung herbei, allerdings im Rahmen des bolschewistischen Regimes.

Wenig untersucht ist die gesellschaftliche Wahrnehmung des Kommunismus

Die Interpretationen und Wahrnehmungen der unterschiedlichen Ausprägungen kommunistischer Herrschaft durch verschiedene Gesellschaftsgruppen sind aber bislang wenig untersucht worden. Im Gegensatz zur Erinnerungskultur in der UdSSR (bis 1991) spielt die Oktoberrevolution heute in Russland ebenso wie der Erste Weltkrieg nur eine untergeordnete Rolle.

Leider ist auch das Gedenken an die Opfer der kommunistischen Diktatur – vor allem des Stalinismus – seit den 1990er Jahren an den Rand gedrängt worden. Organisationen, die (wie „Memorial“) an das Leid erinnern, verdienen deshalb jede Unterstützung. Auch mit vergleichenden Studien zu den Auswirkungen der Oktoberrevolution auf andere Staaten könnte das Ereignis als historischer Ort klarer profiliert werden.

Arnd Bauerkämper, Professor für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Freien Universität Berlin, arbeitet derzeit an einem Kooperationsprojekt mit Natalia Rostislavleva (Russische Staatliche Geisteswissenschaftliche Universität, Moskau) über Sicherheit und Humanität in Russland und Deutschland im Ersten Weltkrieg. Derzeit ist er Gerda-Henkel-Gastprofessor am Deutschen Historischen Institut London und an der London School of Economics.

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