Ekaterina Makhotina über die rhetorische "Konterrevolution" von heute

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100 Jahre Oktoberrevolution : Diktatur über das Proletariat – und alle anderen
Ekaterina Makhotina.
Ekaterina Makhotina.Foto: Promo

Es mag erstaunen, wie wenig Aufmerksamkeit der russischen Revolution im Jahr ihres hundertsten Jubiläums in Russland gewidmet wird. Für den Kreml ist es offenbar ein unbequemes Jubiläum. Ganz ignorieren könnte man es aber auch nicht, denn sonst würde man den Roten Oktober, mit seiner ganzen symbolischen Kraft den heutigen Kommunisten überlassen. Als Vladimir Putin sich schließlich zu einer Aussage durchgerungen hatte, wurde die geschichtspolitische Richtung deutlich: Der Slogan „Die Revolution darf sich nicht wiederholen!“ wird die Leitlinie für die Revolutionserinnerung stellen.

Der Kreml beteuert Versöhnung und nationale Eintracht als wichtigste Lehre der Revolution. Es ist festzustellen: In der Geschichtspolitik wird der revolutionäre Prozess auf den bolschewistischen Staatsstreich 25./26. Oktober in Petrograd reduziert – und der Erfolg der Bolschewiki sehr unbestimmt mit der Spaltung der Eliten erklärt. Nicht die Gründe für die Revolution werden aktiv in Erinnerung gerufen, sondern ihre Folgen: der Bürgerkrieg.

Offizielle Verdrängungspolitik und gesellschaftliches Desinteresse

Die tagespolitische Aktualität liegt auf der Hand, wenn der russische, blutige Bürgerkrieg in einem Atemzug mit den „Farbrevolutionen“ in vielen der ehemaligen Sowjetrepubliken, vor allem mit dem Majdan in der Ukraine, genannt wird. Mit dem Begriff der Revolution sollen Schreckensszenarien von Chaos, Bürgerkrieg und Blutvergießen im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert werden.

Wichtig ist: Es geht dem Kreml nicht primär um Verdammung des Kommunismus (die Sowjetzeit wird seit Jahren nicht mehr negativ gedeutet), sondern um Verdammung der Revolution als politische Praxis. Das Beschweigen der Revolution und ihrer welthistorischen Bedeutung geht mit einer rhetorischen „Konterrevolution“ zusammen: Nicht die soziale Gerechtigkeit und Demokratie – Werte des Oktobers – werden als Ideale der Gegenwart hochgehalten, sondern Patriotismus und traditionelle Werte.

Die offizielle Verdrängungspolitik verbindet sich mit dem Desinteresse der Gesellschaft an der Russischen Revolution und an der Geschichte allgemein. Bereits vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion verkam die Oktoberrevolution zu einem starren Ritual, das gehorsam, aber unaufrichtig begangen wurde. In den 1990ern trauerte kaum jemand dem Revolutionsgedenktag hinterher. Mit der Vision der sozialen Gerechtigkeit kann die Mehrheit der jungen, konsumorientierten, am schnellen Gewinn interessierten Russen heute nur wenig anfangen.

"Mathilda" treibt die Menschen mehr um als die Revolution

Von den vielen Dimensionen der Revolutionsgeschichte zieht in den Oktobertagen 2017 nur die eine starke Aufmerksamkeit auf sich: das Liebesleben des Zaren Nikolais II. Die Russisch-Orthodoxe Kirche wollte den Kinostart des Films „Mathilda“ von Alexei Utschitel, der eine Liebesbeziehung des Thronnachfolgers Nikolai Romanov mit der Balletttänzerin Mathilda Kseszinskaja zeigt, verhindern: eine Entweihung und Verleumdung des heiligen Zaren mögen die Geistlichen und ultra-orthodox Gesinnten im Film erkennen. Die umstrittene „Mathilda“ illustriert sehr gut, dass eine Zarenliebschaft das Feuilleton und die Gesellschaft mehr umtreibt, als die Revolution.

Ekaterina Makhotina lehrt Osteuropäische Geschichte an der Universität Bonn.

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