Gertrud Pickhan über begeisterte Revolutionstouristen

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100 Jahre Oktoberrevolution : Diktatur über das Proletariat – und alle anderen
Gertrud Pickhan.
Gertrud Pickhan.Foto: Promo/Helen Nicolai

Unsere gegenwärtige Wahrnehmung der Machtergreifung der Bolschewiki ist wesentlich geprägt durch das Wissen um die weitere Entwicklung des durch sie ins Leben gerufenen neuen Staates, insbesondere die menschenverachtende Politik Stalins und das unrühmliche Ende der Sowjetunion.

Auf das zeitgenössische Publikum im Westen übte die Oktoberrevolution jedoch eine große Faszination aus. In den Jahren nach 1917 entstand ein regelrechter „Revolutionstourismus“ auf der Suche nach einem neuen Gesellschaftsmodell. Unter den Reisenden finden sich so prominente Namen wie Bertrand Russel, Walter Benjamin und Joseph Roth, in der Herrschaftszeit Stalins dann G.B. Shaw, Andre Gide und Lion Feuchtwanger.

Die umfangreiche Literatur zu ihren Reiseberichten war lange geprägt durch die Denkmuster des Kalten Krieges und attestierte all denen, die die Sowjetunion als ernst zu nehmende Alternative zu Kapitalismus und bürgerlicher Demokratie sahen, mentale Verwirrung und vermeidbare Fehleinschätzungen.

Zumindest auf dem Papier ein emanzipatorischer Anspruch

Will man die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen besser verstehen, ist zunächst einmal das Trauma des Ersten Weltkriegs zu nennen. Die meisten der Russlandreisenden hatten die Gräuel des Kriegsgeschehens erlebt und bei nicht wenigen herrschte der Eindruck vor, die westlichen Staaten hätten aus diesem Krieg keine Lehren gezogen, während die Oktoberrevolution zeigte, dass die Etablierung eines anderen Gesellschaftssystems, das zumindest auf dem Papier einen emanzipatorischen und egalitären Anspruch hatte, möglich war.

Zudem brachen die meisten europäischen Demokratien in den 1930er Jahren als Folge eines „latenten Bürgerkriegs“ (Andreas Wisching) zusammen. Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbarer, warum die Wahrnehmung vieler Zeitgenossen (es waren fast ausschließlich Männer, die reisten und darüber schrieben) durch ein polarisierendes Denkmuster von liberaler Schwäche und kommunistischer Stärke geprägt waren.

Joseph Roth war die Gleichmacherei ein Graus

Ein sehr differenziertes Bild der frühen Sowjetunion zeigt sich dagegen bei Joseph Roth, der 1926 in der Frankfurter Zeitung über seine Russlandreise schrieb. Vor der Reise hatte Roth noch Hoffnungen in das „neue Russland“ gesetzt. Die erzwungene Eindeutigkeit und Gleichmacherei, die er in Russland erlebte, waren ihm aber ein Graus und führten ihn zu dem Schluss: „Der Mensch wird zum bewussten Kollektivismus erzogen. Man sagt ihm aber nicht, dass außerdem noch eine Weisheit Platz hat, eine Weltanschauung nicht von einem Punkt aus aufgebaut wird, sondern von vielen tausenden, dass man nicht stehend das Leben begreift, sondern wandernd, immer wieder stehen bleibend.“ Mit seiner 1926 in der Sowjetunion gewonnenen Erkenntnis, dass Diversität und Pluralismus für das menschliche Miteinander unabdingbar sind und Demokratie ein ständiger Prozess ist, war Joseph Roth seiner Zeit weit voraus.

Gertrud Pickhan ist Professorin für Geschichte an der Freien Universität Berlin.

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