Monica Rüthers über die Rezeption der Revolution

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100 Jahre Oktoberrevolution : Diktatur über das Proletariat – und alle anderen
Monica Rüthers.
Monica Rüthers.Foto: Promo

Der Niedergang des Zarenreiches zog sich von den frühen 1900er bis in die 1920er Jahre hin. Aber die Bolschewiki erhoben ihren Staatsstreich erfolgreich zum Gründungsmythos. Der „Große Oktober“ stand fortan für die Utopie einer lichten Zukunft, in der soziale Gerechtigkeit und Überfluss herrschen würden, und für den Kampf selbstloser Gründerfiguren, vor allem Lenins.

Stalin stellte sich selbst als großen Führer ins Zentrum. Zwanzig Jahre nach der Revolution beanspruchte die UdSSR 1937 bei der Pariser Weltausstellung einen Platz unter den Industrienationen und ließ die Monumentalstatue „Arbeiter und Kolchosbäuerin“ von der Spitze des Pavillons aus die Zukunft erobern. Der Zweite Weltkrieg kostete die Sowjetunion 27 Millionen Tote. Im Hungerjahr 1947 lebten die Sowjetbürger nicht wie Sieger, der schleppende Aufbau wurde Saboteuren angelastet.

Die ständigen Reformen ermüdeten die Menschen

Nach Stalins Tod 1953 denunzierte Nikita Chruschtschow Führerkult und Terror. Seine Devise war die „Erneuerung des Sozialismus“: Zurück zu den Werten der Revolution und zu Lenin! Die ständigen Reformen ermüdeten die Menschen jedoch.

Unter Leonid Breschnew war Stabilität populär, nicht Revolution. Das Trauma des Krieges verblasste. 1965 führte Breschnew mit einer pompösen Militärparade auf dem Roten Platz den 9. Mai als „Tag des Sieges“ ein. An diesem Tag steckten sich die Veteranen ihre Orden an und wurden bejubelt. Der gemeinsam errungene Sieg über den Faschismus gedieh zum zweiten Gründungsmythos. Zuletzt pries Michail Gorbatschow 1987, am 70. Jahrestag, seine Perestroika erfolglos als Revolution. In den 1990er Jahren suchte Boris Jelzin nach einer neuen „Russischen Idee“ jenseits der Sowjetgeschichte. Nicht so Wladimir Putin. Er begann seine Geschichtspolitik mit einer Auswahl positiver Erinnerungsorte und verknüpfte sie nach und nach zu einer tausendjährigen Folge glorreicher Taten.

Heute sind revolutionäre Umstürze negativ besetzt

Der Sieg im Zweiten Weltkrieg als Teil des familiären Erinnerns vieler Menschen stiftet bis heute Gemeinschaft. Revolutionäre Umstürze hingegen sind negativ besetzt. In dieser Lesart betrogen die Bolschewiki das Land um den Sieg im Ersten Weltkrieg und führten es in einen blutigen Bürgerkrieg. 2004 wurde der Feiertag am 7. November abgeschafft. Allerdings kann die Regierung den 100. Jahrestag der Revolution 2017 nicht ignorieren. So stehen in der offiziellen Rhetorik Versöhnung und nationale Eintracht im Mittelpunkt.

Monica Rüthers ist Professorin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Hamburg und derzeit Fellow am Historischen Kolleg in München.

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