100 Jahre Völkerbund : Alle Staaten ohne Unterschied

Die erste Verfassung für die Welt: Vor 100 Jahren entstand der Völkerbund. Nun werden alle historischen Dokumente digitalisiert.

Im Genfer Palast der Nationen saß einst der Völkerbund. Die Kugel erinnert an US-Präsident Wilson, der den Bund initiierte.
Im Genfer Palast der Nationen saß einst der Völkerbund. Die Kugel erinnert an US-Präsident Wilson, der den Bund initiierte.Foto: imago/imagebroker

Ein vergilbtes Blatt Papier. Oben links steht in großen Buchstaben „Auswärtiges Amt“. Unter dem ersten A klafft ein kleines, zerfranstes Loch. Der Eingangsstempel ist vom 21. Oktober 1933, aber kaum noch zu erkennen. Ausgefertigt wurde das Dokument am 19. Oktober 1933 in Berlin. Der Text kommt knapp daher, kühl: „Herr Generalsekretär! Namens der Deutschen Regierung beehre ich mich, Ihnen mitzuteilen, dass Deutschland hiermit seinen Austritt aus dem Völkerbund gemäß Artikel 1 Absatz 3 der Satzung erklärt. Genehmigen Sie, Herr Generalsekretär, den Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung.“

Die Unterschrift stammt von Konstantin von Neurath, dem Außenminister der Hitler-Regierung. Adressiert ist der Brief an den Generalsekretär des Völkerbundes, Joseph A. Avenol in Genf. Eine Begründung für den deutschen Abschied liefert von Neurath nicht. „Das Austrittsschreiben aus Berlin ist sicher eines unserer wichtigsten Dokumente, aber nur eine von rund 15 Millionen Seiten aus der Zeit des Völkerbundes“, sagt Francesco Pisano, der Direktor der Bibliothek der Vereinten Nationen in Genf. Sie befindet sich im Gebäude des früheren Völkerbundes, dem Palais des Nations. „Wir hüten hier einen riesigen Schatz, eine geschlossene Sammlung von internationalen Dokumenten aus den Jahren 1919 bis 1946“, erläutert Pisano.

Pisano und sein Team wollen diesen Schatz allen Menschen zugänglich machen. Der gesamte Bestand des vor 100 Jahren gegründeten Völkerbundes soll bis 2022 digitalisiert sein. Aus dem Archiv des Genfer Völkerbundpalastes geht es rein ins Internet – möglich macht das ein privater Mäzen, der anonym bleiben will. „Wir haben es mit einer Aktenstrecke von 2,7 Kilometer zu tun“, erläutert der Bibliothekar. Das 2017 gestartete Projekt sei das größte seiner Art in Europa und koste einige Millionen Euro. In Zukunft brauchen Forscher also nicht mehr persönlich im Genfer Völkerbundpalast zu erscheinen, um in die Tiefen der Geschichte vorzudringen.

Die Satzung des Völkerbundes gehörte zum Versailler Vertrag, der vor einem Jahrhundert, am 28. Juni 1919, im Spiegelsaal des Schlosses unterschrieben wurde. Formal begann die Existenz des Völkerbundes am 10. Januar 1920. Der Völkerbund und seine Satzung waren eine historische Premiere: Erstmals schufen Staaten eine Art Verfassung für die Welt. Sie wollten der gefährlichen Anarchie ein Ende setzen und den Frieden sichern. Angesichts der Schrecken des Ersten Weltkrieges hatte vor allem US-Präsident Woodrow Wilson auf den Völkerbund hingearbeitet. Als Wilson der Pariser Friedenskonferenz im Februar 1919 einen Entwurf präsentierte, rief er voller Pathos aus: „A living thing is born.“ Doch dem Konstrukt war nur ein kurzes Leben beschieden. Nach rund zwanzig Jahren starb der Völkerbund im Feuer des Zweiten Weltkrieges.

Die USA schloss sich dem Verband nie an

Als ein gravierendes Manko erwies sich von Beginn an die Unvollkommenheit des Völkerbundes. Insgesamt schlossen sich 63 Länder dem Bund an, viele davon traten aber wieder aus. Niemals in der kurzen Geschichte des Bundes engagierten sich in ihm alle Großmächte. Der Weltkriegsverlierer Deutschland durfte zunächst nicht mitmachen, das bolschewistische Russland war auch nicht willkommen und ausgerechnet die USA verzichteten von selbst auf eine Mitgliedschaft. Der Senat in Washington lehnte Wilsons Völkerbund ab. Wilson, der verbitterte „Vater des Völkerbundes“, schrieb am 2. Oktober 1923, wenige Monate vor seinem Tod, bewegende Zeilen an den ersten Generalsekretär des Staatenverbandes, Eric Drummond. „Ich persönlich habe keinen Zweifel, dass keine Nation, die eine befriedigende Rolle in der Welt spielen will, lange außerhalb des Bundes bleiben kann“, prophezeite Wilson. Der Ex-US-Präsident sollte sich täuschen. Sein eigenes Land schloss sich dem Verband nie an.

Auch der Wilson-Brief liegt im Original im Genfer Archiv und wird online erscheinen. „Durch die Digitalisierung schützen wir die einmaligen Schriftstücke vor dem langsamen Zerbröseln“, erläutert Blandine Blukacz-Louisfert, die Direktorin des Projektes. In den vergangenen Jahrzehnten hätten viele Menschen die Dokumente angeschaut und angefasst, somit schreite auch der Verschleiß voran. Viele Papiere sind zerfleddert, zerknüllt. Besonders stark nagt der Zahn der Zeit an den Landkarten, die von den Siegermächten nach dem Ersten Weltkrieg neu gezeichnet wurden. Etliche der Abbildungen gerieten in Vergessenheit, wurden lieblos in enge Schubladen gequetscht.

„Wir machen jetzt jedes einzelne Dokument fertig für die Digitalisierung“, sagt Adriana Kolar und hält ein Sitzungsprotokoll des Völkerbundrates von 1924 in der Hand. Die Archivarin säubert mit Schwamm und Pinsel Seite für Seite des Schriftstückes, dann glättet sie das Papier mit einem für die Konservierung entwickelten Bügeleisen. Nach der Behandlung sehen nicht wenige Dokumente aus wie neu. Den nächsten Stopp legt das Material in einem Raum im Erdgeschoss des Völkerbundpalastes ein. Dort stehen fünf hochmoderne Scanner, wo laut der französischen Firma Arkhênum, die den lukrativen Auftrag erhalten hat, jeden Tag rund 15 000 Blatt Papier gescannt werden.

Eine neue Hoffnung auf Weltfrieden

Mit den Prunkstücken der Kollektion gingen die Archivare in den vergangenen 100 Jahren äußerst behutsam um. So ist das Original des Vertragswerkes von Locarno aus dem Jahr 1925 in einem transparenten Behälter aufbewahrt, der nur für besondere Anlässe geöffnet werden darf. Locarno ebnete den Weg für die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund und leitet die kurze Hochphase der Genfer Institution ein. Am 8. Februar 1926 richtete Reichsaußenminister Gustav Stresemann einen Brief an den „sehr ehrenwerten“ Generalsekretär Drummond, um die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund zu beantragen. „Ich bitte Sie, diesen Antrag baldmöglichst auf die Tagesordnung der Bundesversammlung setzen zu wollen“, heißt es in dem Gesuch, das online gestellt wird.

Am 8. September 1926 war es so weit. Deutschland trat in den Völkerbund ein, es erhielt einen ständigen Sitz im Völkerbundsrat. Stresemann reiste nach Genf, die Delegierten begrüßten ihn mit lebhaftem Beifall. Der Außenminister aus Berlin erhielt die Zustimmung zumal der kleinen Staaten, als er in seiner Rede sagte: „Nur auf der Grundlage einer Gemeinschaft, die alle Staaten ohne Unterschied in voller Gleichberechtigung umspannt, können Hilfsbereitschaft und Gerechtigkeit die wahren Leitsterne des Menschenschicksals werden.“ Für wenige Jahre schien es, dass der Völkerbund seinen eigenen Ansprüchen gerecht werden könne.

Doch in den dreißiger Jahren setzte der Niedergang des Völkerbundes ein. Auf die Aggressionspolitik des militaristischen Japan, des faschistischen Italien und vor allem des nationalsozialistischen Deutschland reagierte die Genfer Institution zu ängstlich, zu hilflos. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges erlosch die Existenzberechtigung des Völkerbundes. Im Palais des Nations, in das der Völkerbund 1936 gezogen war, herrschte bei den wenigen verbliebenen Funktionären eine gespenstische Stimmung. Nach dem Krieg wurden am 26. Juni 1945 in San Francisco die Vereinten Nationen gegründet. Mit diesem Zusammenschluss entstand eine neue Hoffnung auf Weltfrieden. Die Versammlung des Völkerbundes konnte auf ihrer letzten Sitzung am 18. April 1946 nur noch die Auflösung beschließen. Das Vermögen, die Gebäude und die Dokumente gingen an die Vereinten Nationen.

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