20 Jahre Bolgogna-Prozess : Hochschulsysteme werden strenger kontroliiert

Qualität von Bachelor und Master: Die 48 Teilnehmerstaaten am Bologna-Prozess wollen Fortschritte im europäischen Hochschulraum besser sichern.

International Day an der Europa-Universität Viadrina.
Anerkennend. International Day an der Europa-Universität Viadrina.Foto: Patrick Pleul/picture alliance/dpa

Wird heute in Deutschland öffentlich über „Bologna“ diskutiert, geht es häufig noch immer um vollgestopfte Lehrpläne, eine zu hohe Prüfungslast und zu wenig Wahlfreiheit für die Studierenden. „Eine Karikatur des Bologna-Prozesses“ nennt Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, diesen Diskussionsstand nach dem Start vor zwanzig Jahren. Die Klage, dass akademisches Wissen und intellektueller Tiefgang in den Bachelor- und Masterstudiengängen auf der Strecke blieben, sei gerade wieder in einer Bundestagsdebatte zu hören gewesen. „Es ist noch immer eine erzieherische Aufgabe, zu vermitteln, worum es wirklich geht“, sagte Schütte am Montag bei der Nationalen Bologna-Konferenz in Berlin.

Was im Umweltforum in Friedrichshain von Hochschulvertretern, Wissenschaftsministerialen und europäischen Kollegen und Kolleginnen besprochen wurde, kann populäre Bedenken gegen die angebliche Verflachung des Wissens in den gestuften Studiengängen mit ihren Lern-Modulen allerdings kaum zerstreuen. Die Curricula werden unter der Überschrift „Qualitätssicherung“ überprüft. Dabei geht es darum, dass Agenturen und zunehmend auch die Hochschulen selber Studiengänge in einem geregelten Verfahren nach äußeren Qualitätskriterien akkreditieren.

Länder, die Ziele verfehlen, werden benannt

Aber immerhin – bei der internationalen Bologna-Konferenz in Paris im Mai dieses Jahres haben sich die mittlerweile 48 Teilnehmerstaaten des europäischen Hochschulraums darauf geeinigt, solche zentralen Selbstverpflichtungen verbindlicher als jemals zuvor auch zu überwachen. Und sie wollen die Länder beim Namen nennen, die sie verfehlen.

Wie das aussehen könnte, demonstrierte Una Strand Vidarsdottir vom Wissenschaftsministerium Islands, die in einer Bologna-Arbeitsgruppe zum Thema „Nicht-Erfüllung“ mitwirkt. Im Schnelldurchlauf zeigte sie Tabellen, in denen für Kernbereiche wie Einführung gestufter Studiengänge“ (Bachelor, Master, Promotion), Einführung der ECTS-Punkte, gegenseitige Anerkennung von Studienleistungen und Qualitätssicherung nach dem Ampelsystem grüne, gelbe und rote Balken vergeben werden.

Während etwa in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden alles hell- bis dunkelgrün ist, sticht Großbritannien, das zu den Gründungsnationen des europäischen Hochschulraums gehört, mit roten Balken heraus: „Nicht-Erfüllung“ bei den ECTS-Punkten und bei der Anerkennung von Studienleistungen, die in anderen Ländern erworben wurden. Belarus ist bei der Qualitätssicherung tief im roten Bereich, Lettland bei der Dreistufigkeit der Studiengänge, Mazedonien bei der Anerkennungs-Verpflichtung.

Was tun bei Verstößen gegen die Wissenschaftsfreiheit?

Ob die defizitären Länder zu größeren Anstrengungen gezwungen werden könnten, sei umstritten, sagte Strand Vidarsdottir. Vereinbart sei vorerst, ihnen ein deutliches Feedback zu geben, sie zu einem neuen Peer-Verfahren einzuladen, in dem erfolgreiche Länder weniger erfolgreiche beraten – und jeweils ein Update zum Erreichten zu veröffentlichen.

Doch im europäischen Hochschulraum wird gleichwohl weiterhin „die sanfte Macht des Wissens“, wie Georg Schütte sie nannte, regieren: Die Teilnahme ist freiwillig und die Nicht-Erfüllung der Kriterien wird nicht zum Ausschluss aus dem lockeren Staatenbund des Bologna-Prozesses führen.

Das gilt erst recht für die Selbstverpflichtungen, die über die seit 20 Jahren geltenden „Key Commitments“ hinausgehen. Das sind zum einen die Grundprinzipien des europäischen Hochschulraums, von denen 1998/99 niemand gedacht hätte, dass sie jemals infrage gestellt werden könnten, wie Monika Gross, Präsidentin der Berliner Beuth-Hochschule und Vizepräsidentin der Hochschulrektorenkonferenz sagte: Wissenschaftsfreiheit und demokratisch verfasste Hochschulen. Bei der Pariser Bologna-Konferenz wurde darauf verzichtet, Länder, die heute dagegen verstoßen, konkret zu benennen. Doch es liegt auf der Hand, dass Ungarn und die Türkei dabei sind. „In der Krise der EU und des europäischen Kontinents wächst dem Bologna-Prozess eine bedeutsamere Rolle zu als ursprünglich intendiert“, sagte Gross.

Deutschland als "moralische Anführerin in Europa"

Deutschland könne dabei eine besondere Rolle spielen, betonte David Crosier von Eurydice, dem Informationsnetz zum Bildungswesen in Europa. Es sei seit der Flüchtlingskrise von 2015/16 „eine moralische Anführerin in Europa und sollte es bleiben“. Ist also alles im grünen Bereich, wenn die internationalen Bologna-Akteure auf Deutschland blicken? Nicht ganz, schränkte Crosier sein Lob für das „Referenz-Land“ ein. Bei der „sozialen Dimension“ – 2003 in die erweiterten Kriterien aufgenommen – sieht es nicht so gut aus. Nur acht Prozent der Studierenden hierzulande stammen aus bildungsfernen Elternhäusern, in Frankreich sind es neun, in Großbritannien 15 und in Italien 20 Prozent.

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