An vielen Lehrstühlen herrscht das Prinzip Sonnenkönig: Wer die Professur inne hat, verteilt seine Gunst nach Belieben.

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Akademische Karrieren : Prekäre Arbeitsverhältnisse an Universitäten nehmen zu

»Das Ganze funktioniert, weil die jungen Wissenschaftler ein hohes Maß an Idealismus mitbringen«, sagt der HIS-Forscher Georg Jongmanns. »Hinzu kommt eine enorme Leidensfähigkeit, weil sie für ihr Ziel, als Wissenschaftler leben und arbeiten zu können, sehr viel auf sich nehmen.« So herrscht an vielen Lehrstühlen das Prinzip Sonnenkönig: ein Professor, um den sich ein Dutzend und mehr von ihm abhängige Wissenschaftler gruppieren. Was die Sache für die Wissenschaftler noch frustrierender macht: Während sie an den Hochschulen zittern müssen, sind die meisten Hausmeister oder Sachbearbeiter praktisch unkündbar. Und Karl Benn bekäme als 44-Jähriger keinen Kredit für das neue Auto, ohne seine Eltern als Bürgen zu benennen. Er sagt: »Ich bin meinem Traum gefolgt. Mein Fehler war, dass ich so lange an ihm festgehalten habe.« Er wollte Antworten auf die große Frage: Wie entwickelt sich Leben? Er hat tierische Nervenzellen erkundet, nebenher Generationen von Studenten durch ihre Praktika begleitet und sich über die Theorie zur Bildung von Proteinen den Kopf zerbrochen. Worüber er sich zu spät Gedanken gemacht hat, war die Zwölfjahresregel.

Die übrigens existiert viel länger als das Zeitvertragsgesetz. Sechs Jahre vor und sechs Jahre nach der Promotion dürfen Wissenschaftler befristet angestellt werden, in der Medizin sogar neun Jahre. Doch das neue Gesetz hat weitere Verschärfungen gebracht: Mitarbeiter in Drittmittelprojekten können noch länger befristet beschäftigt werden, und dann ist da die neue Kinderregel, von der Benn profitiert. Wenn man es so nennen möchte: Denn was kurzfristig ein Strohhalm ist, verlängert die Leidenszeit für viele nur. »Wir haben es mit einer politischen Abwägung zu tun«, sagt Georg Jongmanns. »Dabei wird die Priorität auf den wissenschaftlichen Fortschritt gelegt, nicht auf das Eröffnen von Karrierechancen für möglichst viele.« Das funktionierte so lange, wie die Befristungen nicht auf Kosten der wissenschaftlichen Qualität gingen. Genau das aber habe sich geändert, sagt Ministerin Bauer: »Wenn jemand einen Vertrag mit sechsmonatiger Laufzeit bekommt, kann man kaum verlangen, dass er sich genauso beherzt in seine Arbeit stürzt wie jemand, der sich nicht die ganze Zeit um seine Karriere sorgen muss.«

SPD und Grüne fordern, die Tarifsperre aufzuheben, auch CDU und FDP werkeln an einem Konzept. Vorige Woche hat sich der Wissenschaftsausschuss des Bundestages mit dem Problem beschäftigt – zur Freude von GEW-Mann Keller, der seit einem Jahr mit seinem "Templiner Manifest" Unterschriften für gerechtere Arbeitsbedingungen sammelt. Mehr als 7.500 hat er schon. »Es ist nicht so, dass wir Befristungen von vornherein ablehnen«, sagt er. Die seien unvermeidbar, solange Forschung in Projekten organisiert sei. »Was wir fordern, ist eine Mindestlaufzeit, das Zerstückeln in Kleinstlaufzeiten muss verboten werden.« Genauso wichtig sei es, zusätzlich wieder mehr Dauerstellen zu schaffen. »Derzeit kennt das Wissenschaftssystem nur Nachwuchs und Professur. Nichts dazwischen.«

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