Altersforschung : Nicht nur Reiche können gesund altern

Gesund zu altern, das halten manche für eine Sache der "Selbstoptimierung". Das lässt sozial Benachteiligte aber außen vor, zeigt eine Tagesspiegel-Diskussion.

Um den richtigen Weg zu einem gesunden Altern lieferten sich unter anderem Sven Voelpel von der Jakobs Universität Bremen (ganz rechts) und Raimund Geene von der Berlin School of Public Health (Mitte) eine lebhafte Diskussion auf dem Tagesspiegel-Fachforum "Gesundheit".
Um den richtigen Weg zu einem gesunden Altern lieferten sich unter anderem Sven Voelpel von der Jakobs Universität Bremen (ganz...Foto: Tsp/Dominic Blewett

Gesund zu bleiben und dabei ein hohes Alter zu erreichen, das wünscht sich wohl jeder Mensch. Fragt sich nur, wie. Bücher, die einem den rechten Weg zum Ziel weisen sollen, füllen ganze Bibliotheken. Mal ist es die richtige Ernährung, mal das rechte Maß an Bewegung oder Entspannung oder auch viel Chi plus Gong. Von jedem etwas – „von allem was die Forschung über das Altern weiß“ – findet sich in der Alternsphilosophie Sven Voelpels: „Entscheide selbst, wie alt du bist“ lautet der Titel des Buches des Professors für Betriebswirtschaftslehre der Jacobs Universität Bremen und Gastredners beim „Fachforum Gesundheit“ im Tagesspiegel-Haus. Voelpel zufolge kann jeder selbst entscheiden, wie er altert.

Wenig Einsatz, viel Effekt

Nur „ganz, ganz wenig Einsatz“ brauche es dafür, sagte der gertenschlanke und – wie er selbst mehrfach erklärt – stets wegen der vielfältigen Aufgaben als Dozent, Autor und Direktor des WISE Demographie Netzwerks an Zeitnot leidende 44-Jährige. So habe er etwa trotz vollen Terminkalenders seine Fitness optimiert, während er alle zwei Tage mit seinen Kindern auf dem Spielplatz war: 20 Minuten Kniebeugen und Klimmzüge. Da die Muskeln die Belastung nach 48 Stunden Pause „überkompensieren“, habe er seine Muskelkraft „wahnsinnig schnell“ gesteigert. „Nach ein paar Wochen konnte ich Klimmzüge mit einer Hand machen“, sagt Voelpel. „Und das beste: Bei Klimmzügen kann ich sogar noch mit dem Headset telefonieren und die Leute merken das gar nicht, weil man dabei nicht außer Atem kommt.“

Mit Smartphones und anderen digitalen Techniken, mit denen sich Schritte, Herzschlag oder andere Körperfunktionen und Verhaltensweisen messen lassen, hätten Menschen heute „immense Möglichkeiten gegenzusteuern“. So könne man drohenden Krankheiten nicht nur mit Medikamenten begegnen, sondern auch über Ernährungs- und Verhaltensänderungen vorbeugen. „Meine These ist: Das Alter ist abgeschafft“, sagte Voelpel. Man habe es selbst in der Hand.

Die Finanzen bestimmen mit, wie alt Menschen werden

„Auf den Großteil der Bevölkerung passt diese Selbstoptimierungsstrategie nicht“, widersprach der Gesundheitswissenschaftler Raimund Geene von der Berlin School of Public Health. Nur wenige – meist privilegierte – Menschen seien überhaupt in der Lage, sich vorbeugend um ihre Gesundheit zu kümmern. „Bedauerlicherweise hängt es noch immer mit den finanziellen Verhältnissen zusammen, wie lang ein Mensch lebt.“ Studien belegen das. „Deshalb ist Selbstoptimierung auch wissenschaftlich nicht tragfähig“, sagte Geene. Wer Optimierungsstrategien propagiere, diskriminiere außerdem all jene, die diese Möglichkeiten nicht haben. „Das Prinzip heißt: Blaming the victim: Früh Alternde oder frühe Pflegefälle seien selbst schuld, weil sie sich besser um ihre Gesundheit hätten kümmern können“, sagte Geene. Idealvorstellungen von Hundertjährigen zu skizzieren, erzeuge sozialen Druck und werte die ohnehin schon Benachteiligten weiter ab. „Es geht eben nicht darum, ob ich das Richtige esse oder wie viel ich mich bewege, sondern wie jemand sozial eingebunden ist“, sagte Geene. Man müsse den Menschen Möglichkeiten und Hilfen anbieten, damit sie gesünder leben können.

Lebenswelten verändern statt Individuen unter Druck setzen

Das deutsche Präventionsgesetz lege daher den Schwerpunkt nicht auf individuelles Verhalten, sondern auf die Veränderung der Lebenswelten. Nicht erst in den Pflegeeinrichtungen, sondern schon in Betrieben, Schulen und Kitas müsse es Angebote für eine gesündere Lebensweise geben, sagt Geene. In vielen Betrieben funktioniere das bereits. „Aber je schlechter die Bezahlung ist, umso schlechter ist die Gesundheitsförderung“, sagte Geene. „Genau dort müssen wir hin, dort gibt es die größten Präventionspotenziale.“ Die Hoffnung sei, dass dann auch bald sozial Benachteiligte so lange gesund leben, wie es finanziell bessergestellte Schichten längst tun.


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