Anders als in Europa : Studie findet keine Hinweise auf Insektensterben in den USA

In den USA geht es Blattlaus und Co. laut einer Erhebung gut. Doch die Ergebnisse könnten täuschen.

Eine grün und gelb gefärbte Kleine Goldschrecke sitzt an einem Grashalm.
In Deutschland sind die Bestände der Kleinen Goldschrecke zurückgegangen. In den USA ergeht es Insekten angeblich besser.Foto: Martin Fellendorf/Universität Ulm

Es ist eine beachtliche Datenbasis: Amerikanische Forschende haben mehr als 5300 Langzeit-Studien ausgewertet, in denen über einen Zeitraum von vier Jahren bis zu 36 Jahren die Vielfalt und Häufigkeit von Insekten und anderen Gliederfüßern erhoben wurde. Die Daten stammen von 68 Standorten in den USA – von naturnahen Gebieten bis zu landwirtschaftlich genutzten Flächen.

Im Fachmagazin „Nature Ecology & Evolution“ publiziert das Forschungsteam jetzt sein überraschendes Ergebnis: An den untersuchten Standorten gebe es keine Hinweise auf Insektensterben.

Zwar beobachten sie bei einigen Arten und Standorten Rückgänge in Vielfalt und Häufigkeit, bei anderen aber stabile Bestände oder Zuwächse. In der Summe seien die Netto-Trends nicht von Null zu unterscheiden.

„Die Stabilität der US-Populationen von Gliederfüßern ist beruhigend“, schreibt das Team um Michael Crossley von der University of Georgia in Athens. Er schränkt die Aussagekraft der Studie jedoch auch ein.

Subtile, nicht erfasste Veränderungen in der Artenzusammensetzung könnten die von Insekten erbrachten Ökosystemleistungen durchaus gefährden. Es sei weiterhin notwendig, die Bestandsentwicklungen kontinuierlich zu beobachten.

Grundlegende ökologische Aufgaben

Vor dem Hintergrund vergleichbarer Studien aus Europa erscheint das Ergebnis des Forschungsteams dennoch zu gut um wahr zu sein. Verschiedene Erhebungen belegen einen dramatischen Rückgang von Gliederfüßern in der alten Welt.

Dazu zählen neben der riesigen Gruppe der Insekten auch Krebs- und Spinnentiere sowie Tausendfüßer. Aufgrund ihrer Bedeutungen für den Lebensraum Land und das moderne Wirtschaftssystem finden die Studien viel Beachtung.

Gliederfüßer übernehmen grundlegende ökologische Aufgaben. Sie zersetzen pflanzliches und tierisches Material und speisen die Abbauprodukte in Stoffkreisläufe ein. Außerdem sind sie Nahrungsgrundlage für viele andere Tierarten.

Die wirtschaftlich unmittelbar bedeutende Schlüsselfunktion von Insekten ist das Bestäuben von Blüten. Sie erhalten damit die Vielfalt von Pflanzen und sichern die Welternährung.

Nach Angaben des internationalen Biodiversitätsrats IPBES hat sich die landwirtschaftliche Produktion von pflanzlichen Lebensmitteln, die auf Tierbestäubung angewiesen sind, in den letzten fünf Jahrzehnten vervierfacht. Die Sicherung der Ernährung einer vorerst weiterwachsenden Weltbevölkerung hängt zunehmend von Bestäubern ab. Der Nahrungsservice kann auch nicht einfach von Honigbienen in menschlicher Obhut übernommen werden. Von wildlebenden Insekten besuchte Pflanzen tragen deutlich mehr Früchte.

Die Erträge von Nutzpflanzen, die auf Bestäuber angewiesen sind, schwanken von Jahr zu Jahr stärker, als die von Nutzpflanzen, die ohne Bestäuber auskommen. Auch der langjährige Ertragszuwachs der bestäubten Nutzpflanzen fällt geringer aus. Die Ursachen für beides sind laut IPBES nicht klar.

1,1 Milliarden Euro Ernteverluste

Lokale Studien weisen aber darauf hin, dass der Ertrag von vielen Nutzpflanzen sinke, wenn Vielfalt und Häufigkeit der Bestäuber abnehmen. Würden in Deutschland die Bestäubungsleistungen der Insekten ausfallen, wären der Obst- und Gemüseanbau, aber auch großflächig angebaute Ackerkulturen von Raps, Sonnenblume oder Ackerbohne betroffen. Die Erträge – laut Bundesamt für Naturschutz Ernten im Wert von mehr als 1,1 Milliarden Euro – würden einbrechen.

Dieses Szenario erscheint keineswegs unrealistisch. 2017 legte der Entomologische Verein Krefeld alarmierende Ergebnisse vor. Die Insektenkundler berichteten im Magazin „Plos One“, dass die Biomassen der Insektenarten seit 1990 um durchschnittlich mehr als drei Viertel zurückgegangen sind.

Eine 2019 veröffentlichte Studie der TU München zeigte, dass allein im vergangenen Jahrzehnt die Insektenvielfalt um etwa ein Drittel abgenommen hat. Die Forschenden hatten zwischen 2008 und 2017 Insektengruppen in Brandenburg, Thüringen und Baden-Württemberg erfasst und ihre Studienergebnisse in der Fachzeitschrift „Nature“ vorgestellt. Das internationale Team wies nach, dass nicht nur einzelne Artengruppen betroffen sind, sondern einen Großteil aller Insekten. Hotspots des Insektensterbens seien vor allem Wiesen in stark landwirtschaftlich genutzter Umgebung.

„Solche Flächen scheinen jedoch in der US-Studie weitgehend zu fehlen“, sagt Thomas Schmitt. Der Direktor des Senckenberg Deutschen Entomologischen Instituts in Müncheberg weist darauf hin, dass Insektenpopulationen in der Intensivlandwirtschaft schon vor längerer Zeit so stark dezimiert wurden, dass es im Untersuchungszeitraum kaum zu Einbrüchen kommen könne. Dafür kam die aktuelle Datenerhebung schlicht zu spät.

Allerweltsarten und Schädlinge

Experten benennen weitere Gründe dafür, die Ergebnisse zu hinterfragen. „Die Studie ist meiner Ansicht nach kein gutes Beispiel wissenschaftlicher Praxis“, kritisiert Christoph Scherber, Ökologe vom Institut für Landschaftsökologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Die Untersuchungsstandorte in den USA seien nicht für Insektenstudien angelegt gewesen. Entsprechend uneinheitlich seien die gewonnen Daten wie Zählungen von Mückenlarven, Krabbengängen, Heuschrecken in Keschern, Zecken auf dem Arm, Flusskrebsen, Stadtmoskitos und Insekten unter Steinen in Fließgewässern, sagte Scherber dem Science Media Center Germany. Dabei werde die Messung der Häufigkeit von Gliederfüßern mit Messungen ihrer Aktivität vermischt, worauf auch die Autoren hinweisen. „An jedem Standort wurde etwas anderes gemessen“, sagt Scherber.

Zudem ist bekannt, dass durch Verlust von Pflanzenarten Allerweltsarten und Schädlinge zunehmen während seltenere Arten abnehmen. Werden solche Ergebnisse verrechnet, ergibt sich ein stabiles Bild, in dem sich die tatsächlichen Veränderungen nicht zeigen.

„Mit 60 Prozent besteht der größte Anteil der Zeitreihen aus Aufnahmen von Blattlaus-Populationen, die als Schädlinge in der Getreideregion der USA erfasst werden“, sagt Carsten Brühl vom Institut für Umweltwissenschaften der Universität Koblenz-Landau. Es sei beachtlich, dass ihre Anzahl trotz massiven Pestizid-Aufwands in der Landwirtschaft nicht zurückgegangen sei, aber Rückschlüsse auf die Stabilität der Insektenpopulationen in den USA könnten daraus nicht gezogen werden.

„Eine wirkliche ökologische Interpretation des Zustandes der Insektenbestände in den USA ist durch die vorgelegte Arbeit nur eingeschränkt möglich“, resümiert Schmitt. Er sieht die Gefahr, dass die Ergebnisse von Leugnern der Biodiversitäts-Krise missbraucht werden könnten. „Das wollen die Autoren der Studie sicherlich nicht“, sagt Schmitt. (mit smc)

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!