Antiker Walfang : Blubber für die alten Römer

Bislang vermutete man, kommerzielle Waljagd gebe es maximal seit 1000 Jahren. Es scheinen aber mindestens 1000 mehr zu sein.

Waldorf. In der antiken römischen Siedlung Baelo Claudia (nahe Tarifa in Andalusien) wurde neben Fisch wohl auch Wal verarbeitet.
Waldorf. In der antiken römischen Siedlung Baelo Claudia (nahe Tarifa in Andalusien) wurde neben Fisch wohl auch Wal verarbeitet.Foto: D. Bernal-Casasola, University of Cadiz

Menschen machten anscheinend bereits zur Zeit der Römer vor etwa 2000 Jahren Jagd auf Wale. Das vermutet ein internationales Forscherteam nach der Untersuchung von jahrtausendealten Walknochen, die an der Straße von Gibraltar und in der nordspanischen Region Asturien gefunden wurden. Grauwale und Nordkaper schwammen demnach vermutlich zum Kalben ins Mittelmeer. Sie bewegten sich nahe der Küsten und könnten von römischen Waljägern erlegt worden sein, schreiben die Wissenschaftler in den «Proceedings B» der britischen Royal Society. Mittel, Motivation und Möglichkeiten dazu seien vorhanden gewesen.

Walknochen

Bislang glaubte man, dass baskische Walfänger ab etwa 1000 nach Christus die ersten waren, die in kommerziellem Ausmaß solche Tiere erlegten und die Entwicklung einer globalen Walfangindustrie anstießen. Diese letztlich zum Niedergang sehr vieler Arten führte. Der bis 18 Meter lange Atlantische Nordkaper (Eubalaena glacialis) lebt heute nur noch vereinzelt im westlichen Nordatlantik. Der kleinere Grauwal ist im Atlantik ganz verschwunden (Eschrichtius robustus) findet sich nur noch im Pazifik.

Die Wissenschaftler um Ana Rodrigues von der Universität Montpellier untersuchten nun insgesamt zehn vermutete Walknochen aus römischen und vor-römischen archäologischen Stätten an der Straße von Gibraltar, in Südspanien und Nordmarokko. Außerdem analysierten sie ein Schulterblatt aus Asturien, das ebenfalls vermutlich zu einem Wal gehörte. Sie bestimmten die Artzugehörigkeit und das Alter der Knochen, unter anderem mit einer DNA-Analysemethode und per Radiokarbondatierung.

Geburtstourismus

Neun Knochen stammten tatsächlich von Walen: drei von Grauwalen, drei von Nordkapern, die übrigen von Finnwal, Grindwal und Pottwal. „Unsere Ergebnisse belegen, dass der Lebensraum von Grauwalen und Nordkapern sich historisch bis in die Straße von Gibraltar am Eingang zum Mittelmeer erstreckte“, schreiben die Wissenschaftler. Die Tiere seien vermutlich häufig dort vorgekommen, ansonsten hätte man sie kaum unter den insgesamt sehr seltenen Walknochenfunden aus jener Zeit gefunden.

Vermutlich seien die Tiere zum Gebären in die Region gekommen. Die Studie zeige, „dass diese beiden Arten einst Teil des Ökosystems Mittelmeer waren und das geschützte Becken wahrscheinlich zum Kalben nutzten», so Ko-Autorin Camilla Speller von der University of York.

An der Straße von Gibraltar lagen zur Zeit des Römischen Reiches wichtige Fischverarbeitungsanlagen, vor allem für große Arten wie Thunfisch. Davon zeugen etwa 200 Ruinen von Verarbeitungsstätten, die entlang der Küsten Europas und Afrikas liegen. Schon früher hätten Forscher vermutet, dass dort auch Walfleisch und Blubber (also Walfett) gepökelt wurde, berichtet das Team. Dieser Verdacht erscheine nun auch ökologisch plausibel.

Die zum Walfang nötige Technologie dürfte vorhanden gewesen sein. Römische Texte beschreiben den Fang von „See-Monstern“ von Ruderbooten aus, die Jagd mit Harpunen und Leinen. Produkte wie Fleisch oder Öl wurden entlang der üblichen Handelsrouten in weite Teile des römischen Imperiums geliefert.

Wale als Nährstoffimporteure

Der Walfang - sollte er tatsächlich in größerem Ausmaß stattgefunden haben - habe die Bestände der beiden Arten vermutlich beeinträchtigt. Vor allem erwachsene Weibchen – die Garanten des Fortbestands der Population – seien wohl gefangen worden. Mit dem Verschwinden der Tiere dürfte sich das Ökosystem insgesamt maßgeblich verändert haben, schreiben die Wissenschaftler weiter.

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Ein Beispiel: Schwertwale, die zeitgenössischen Berichten zufolge früher Jagd auf Walkälber machten, jagen heute in der Region vornehmlich Blauflossenthun. Auch die Produktivität des Ökosystems könnte früher deutlich höher gewesen sein, weil die Wale aus ihren nördlicher gelegenen Nahrungsgründen Nährstoffe mitbrachten, die sie dann im Mittelmeerraum ausgeschieden haben könnten. Anja Garms (dpa)

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