Apps für die Gesundheit : Was taugen Apps gegen Schlafstörungen?

Wächter über den Schlaf: Fast jeder Erwerbstätige schläft schlecht oder zu wenig. Den Markt der Müden schwemmen nun Apps.

Zu wenig Schlaf macht krank.
Zu wenig Schlaf macht krank.Foto: Karolin Krämer/dpa

Schlaf ist wichtig, ohne Schlaf geht es nicht, so viel ist sicher. Dabei ist wissenschaftlich nicht einmal sicher geklärt, weshalb die regelmäßige und oft auch nicht ganz ungefährliche Bewusstlosigkeit von Mensch und Tier so unabdingbar ist. Neuere Ergebnisse legen nahe, dass im Schlaf Stoffwechselprodukte der Nervenzellen aus dem Hirn gewaschen werden und dass nur in diesem Zustand Erinnerungen sinnvoll gespeichert oder auch gelöscht werden können. Funktioniert beides, Müllabfuhr und Konsolidierung des Speichers nicht richtig, drohen Konsequenzen. Diese sind auch in Studien nachgewiesen, von psychischer Unausgeglichenheit über Erinnerungsprobleme bis hin zu handfesten körperlichen Leiden wie etwa Bluthochdruck oder Anfälligkeit für Übergewicht.

30 Prozent der Erwerbstätigen leiden unter Schlafproblemen

In Zeiten von Smartphone und Homeoffice nehmen Schlafprobleme offenbar zu. Einer repräsentativen Studie der DAK von 2016 zufolge leiden in Deutschland 80 Prozent der Erwerbstätigen unter schlechtem oder zu wenig Schlaf. Dass sich hier auch ein beachtlicher Markt eröffnet, haben viele Unternehmen erkannt. Ausgerechnet auf Smartphones soll man die Lösung installieren können: Schlaftracker-Apps, Programme, die unsere Nächte angeblich genau analysieren. Halten sie, was sie versprechen?

Zu den einfachsten Varianten zählt Schlafenszeit, eine Funktion, die in die Uhrzeit-App von Apples iOS integriert ist. Stellt man sich hier eine Einschlafzeit ein, erinnert das iPhone oder iPad einen daran, ins Bett zu gehen und weckt zur gewünschten Zeit. Die Daten werden automatisch an Apples Health-App übertragen und protokolliert. So erstellt iOS ein Profil der Schlafmenge. Und diese Information kann tatsächlich hilfreich sein.

Zwischen 22 und 24 Uhr ist die beste Zeit, zu Bett zu gehen

„Die richtige Menge Schlaf ist entscheidend“, sagt Ingo Fietze, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Charité Berlin. Gesund seien „im Schnitt sieben Stunden pro Nacht oder rund 50 Stunden in der Woche, dauerhaft unter sechs Stunden zu schlafen, ist ungesund.“ Natürlich komme es aber auch auf die „Schlafeffizienz“ an, also ob man wirklich gut schläft oder eher ständig aufwacht oder halbwach im Bett liegt. „Am besten, man legt sich zwischen 22 und 24 Uhr ins Bett“, sagt der Professor. In dieser Phase sinke die Körpertemperatur und der Hormonhaushalt sei günstig, um einzuschlafen. Eine Schlaferinnerung sei da durchaus sinnvoll.

Die Qualität der Nachtruhe hängt neben der Menge vor allem von den Schlafstadien ab – dem Traumschlaf und dem Tiefschlaf. Beim gesunden Nachtschlaf wechseln sich diese Stadien vier bis sieben Mal pro Nacht ab. Vom Schlafstadium hängt zum Beispiel ab, wie viel man sich nachts bewegt: Im Traumschlaf ist der Körper großteils völlig erschlafft, damit wir unsere Träume nicht ausagieren. Im Tiefschlaf dagegen wälzen wir uns schon mal hin und her.

Moderner "Hokuspokus"

Mit dem Beschleunigungsmesser des Smartphones messen Apps wie Sleep Better von Runtastic oder Sleep Cycle Alarm Clock (iOS und Android) die Bewegungen, die der Körper auf die Matratze überträgt. Dazu muss das Gerät neben den Kopf gelegt werden. Aus diesen Bewegungsdaten versprechen die Apps nicht nur die genaue Schlafmenge ableiten zu können, sondern auch die Schlafphasen. Das soll Rückschlüsse auf die Schlafqualität erlauben. Fietze allerdings nennt das „Hokuspokus“. Der Bewegungssensor des Handys reiche für so eine Messung nicht aus. Für eine zuverlässige Bestimmung der Schlafstadien brauche man drei Messwerte: der Hirnströme sowie der Bewegungen der Augen- und der Kiefermuskulatur. Zwar könne man mit einem einfachen Bewegungssensor feststellen, dass sich der Schläfer bewegt. In welchem Stadium er gerade ist, lasse sich allein daran aber nicht ablesen.

Die beiden Apps sollen aus den Bewegungen auch eine optimale Aufwachzeit berechnen. Ihr Wecker vermeidet es nach Aussage der Hersteller, im Tiefschlaf zu klingeln. Stattdessen geht der Alarm auch mal vor der gewünschten Weckzeit los, bis zu 30 Minuten. Auch hier winkt Fietze ab. Es sei „Unsinn“, wenn Schlaf schon Mangelware ist, sich auch noch früher wecken zu lassen. Zwar sei es tatsächlich schwieriger, in Gang zu kommen, wenn man aus dem Tiefschlaf geweckt wird. Aber in den frühen Morgenstunden lägen die Tiefschlafstadien ohnehin zu 95 Prozent hinter einem. Man sollte also lieber alle Schlafzeit ausschöpfen, die man bekommen kann.

Eine Feng Shui App für die richtige Lage im Bett

Die Versprechen der App-Anbieter gehen noch deutlich weiter. Es gibt etwa den Feng Shui Sleeping Compass (Android) für die richtige Ausrichtung des Körpers, oder Sleep Bot (iOS & Android) und Pillow (iOS), die zusätzlich auch die Geräuschkulisse im Schlafzimmer analysieren. Auch Blaulicht-Filter wie Nightshift (iOS, integriert) oder Twilight (Android) sind im Angebot. Sie dimmen vor dem Einschlafen blaue Farbtöne auf dem Display, auf das man besser einschlafe.

„Das Problem bei all diesen Interventionen ist, dass es keinen wissenschaftlichen Nachweis für ihren Nutzen gibt“, sagt Fietze. Jeder Schläfer sei anders, die optimalen Umstände, um ein- und durchzuschlafen, seien individuell. Es gehe vor allem darum, diese optimalen Umstände zu finden. Selbst wenn das bedeute, dass der Fernseher läuft oder man ein Hörbuch hört, „dann ist das kein Problem“.

Eine Funktion aber findet der Schlafexperte sinnvoll: Schnarch-Tracker. Apps wie SnoreReport (iOS) und SnoreLab (iOS & Android) registrieren das Schnarchen und erstellen Profile. „Schnarchen an sich ist kein Problem“, sagt Fietze. Schädlich seien die Atemaussetzer, die bei manchen Menschen damit einhergehen. „Eine App kann helfen, diese Aussetzer zu entdecken“, sagt Fietze. Allerdings muss darauf dann eine echte Diagnose im Schlaflabor – und möglicherweise eine Therapie – folgen.

Daten über den eigenen Schlaf senden? Besser noch mal drüber schlafen

Viele der Apps verarbeiten die Daten nicht lokal auf dem Handy, sondern schicken Schnarcher, andere intime nächtliche Geräusche und auch Daten, die Hinweise auf die individuelle Gesundheit enthalten können, auf zentrale Server. Ob man dem Service und der Datensicherheit traut, darüber sollte man also auch eher noch einmal schlafen, bevor man eine solche App zu nutzen beginnt.

Entscheidend ist also das, was schon galt, als es noch keine Smartphones gab: genug zu schlafen und die eigenen optimalen Schlafbedingungen zu finden. Aber auch: sich nicht zusätzlich zu stressen, weil die App „Du schläfst schlecht“ sagt. Eine Studie, 2017 publiziert im „Journal of Clinical Sleep Medicine“, jedenfalls kam zu dem Schluss, dass dieser Effekt Nutzern tatsächlich schaden kann.

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