Arabischer Frühling heute : Hoffnung auf die Revolution der Werte

Islam und Demokratie müssen sich nicht ausschließen, sagen deutsche Orientexperten. Über ihre Hoffnungen und Befürchtungen gut zwei Jahre nach dem Beginn Arabischen Frühlings diskutierten sie jetzt in Berlin.

Losgelassen. Jugendliche in Kairo tanzen den „Harlem Shake“.
Losgelassen. Jugendliche in Kairo tanzen den „Harlem Shake“.Foto: dpa

Die Länder des Arabischen Frühlings finden keinen Frieden. Tunesien und Ägypten werden weiter von blutigen Zusammenstößen zwischen Anhängern der islamistischen Regierungen, der Opposition und Sicherheitskräften erschüttert. Massenvergewaltigungen von Frauen am Rande des Tahrir-Platzes stellen das friedliche Miteinander der Geschlechter in der Protestbewegung radikal infrage. Und in beiden Ländern wollen Islamisten den jungen Leuten nicht nur den öffentlich getanzten Harlem-Shake verbieten. Doch die Menschen in der Region und auch der Westen sollten die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht aufgeben, sagte Friederike Pannewick, Arabistin an der Universität Marburg, am Montagabend in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

„Die Revolution der Werte“, die von der jungen Generation getragen wird, sei unumkehrbar, erklärte Pannewick bei einer Diskussion, zu der unter anderem die Max-Weber-Stiftung für Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland eingeladen hatte. Es habe sich eine neue Generation herausgebildet, die sich von den herrschenden Institutionen und Normen der Vätergeneration mehr und mehr distanziere, Freiheit und Selbstverantwortung des Individuums einfordere.

Dies stellt Pannewick für die kreative Szene auch jenseits der beiden Kernländer des Arabischen Frühlings fest. Selbst in der scheinbar ausweglosen Bürgerkriegssituation in Syrien prägten Straßenkünstler, Poster-Maler und Internetpoeten – „junge Leute im ästhetischen Fieber“ – vielfach das Bild. Pannewick hält diese Befreiungsbewegung, die auch die Loslösung von Familien- und Stammesstrukturen sowie von konfessionellem und moralisch-normativem Denken zum Ziel habe, für nachhaltig. Denn diese Forderungen hätten junge Künstler schon seit den 1990er Jahren vielerorts erhoben.

Ähnlich hoffnungsvoll sieht Stefan Leder, Leiter des Orient-Instituts Beirut, die Umbrüche in der arabischen Welt. Dass sich die Menschen seit 2011 ohne Angst vor mörderischer Unterdrückung politisch artikulieren können, auf der Straße und in neuen sozialen Medien, seien „Früchte eines Umbruchs mit bleibenden Folgen“. Gleichzeitig aber seien die Menschen aus der Sicherheit und der Erstarrung der Diktaturen in eine politische, soziale und ökonomische Unsicherheit entlassen worden. Die dominierende Rolle des politischen Islam polarisiere die Gesellschaften. Die einzige Chance der liberalen Parteien, an Geltung zu gewinnen, seien starke Bündnisse und überzeugende Programme. Vor allem aber müsse nach der Phase der politischen Auseinandersetzung auf der Straße endlich auch die ernsthafte parlamentarische Arbeit beginnen.

„Die politische Kultur hat sich schneller entwickelt als die politischen Systeme“, konstatierte Kai Hafez, Kommunikationswissenschaftler an der Uni Erfurt und Orientexperte. Der Westen müsse den „jungen islamischen Demokratien“ zugestehen, dass Prozesse des politischen Wandels auch dort Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte brauchten. Es gebe keinen Grund, nach der Euphorie des Anfangs die Islamisierung oder gar Iranisierung heraufzubeschwören.

Die in Ägypten und Tunesien etablierten Verfassungen bedeuteten keinen Gottesstaat, sie seien „im Kern republikanisch“, sagte Hafez. Auch im Westen seien Demokratie und Säkularismus nicht immer gleichzeitig verwirklicht worden. Als große Gefahr sieht Hafez jedoch, dass die arabischen Gesellschaften den Weg Indiens einschlagen könnten, wo trotz eines demokratischen Systems wirtschaftliche Krisen und soziale Ungleichheit auch nach Jahrzehnten nicht bewältigt werden.

Die islamistischen Regierungen in Tunesien und Ägypten sind für Georges Khalil, den wissenschaftlichen Koordinator des Berliner Forums Transregionale Studien, durch die „Wiederkehr des Politischen und des Sozialen“ herausgefordert. Jetzt, da sie an der Macht sind, würden sie an ihrer konkreten Politik gemessen. Stefan Leder hält eine Demokratie mit den Islamisten für möglich: wenn sie sich „in das politische Alltagsgeschäft einbinden lassen“. Der Westen könne das unterstützen, indem er die Pluralität immer wieder einfordere.

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