Arbeit von Studierendenvertretungen : Langes Warten auf den Sitz im Krisenstab

Berliner Studierendenvertreter berichten über ihre Arbeit im Digitalsemester – und fordern mehr Mitbestimmung in den Corona-Krisenstäben ihrer Unis.

Juliane Sprick
Studierende sitzen bei einer Prüfung in einer Messehalle an Einzeltischen.
Alle Prüfungsversuche im Coronasemester sollten als Freiversuche gewertet werden, fordert der RefRat der HU.Foto: Federico Gambarini/dpa

Das Digitalsemester ist nicht nur für Lehre und Verwaltung eine Herausforderung. Auch studentische Vertreter und Vertreterinnen – etwa in den Fachschaften oder den Studierendenparlamenten – haben mit den Folgen der Coronakrise zu kämpfen. Durch digitale Sitzungen, Briefwahlen und Online-Sprechstunden sind sie jedoch weiterhin funktionsfähig.

„Die Kerngeschäfte gehen weiter“, sagt Juliane Ziegler. Sie ist Referentin der Studierendenvertretung RefRat an der Humboldt-Universität (HU). Trotz Coronakrise treffen die meisten studentischen Gremien weiter. Aber nicht mehr wie früher in ihrem Büro – sondern digital per Videokonferenz.

Zieglers Kollege Gabriel Tiedje vom Asta der Technischen Universität (TU) berichtet, dass sie dort zunächst sogar öfter getagt haben als sonst: „Die Situation war neu und wir mussten Lösungen finden.“ Auch an der HU war der Bedarf an Kommunikation hoch: „Dieses Semester war bisher davon geprägt, den Informationsfluss zu sichern“, sagt Ziegler.

Beratung am liebsten per Telefon oder E-Mail

Das heißt: Digitale Meetings über die Videokonferenz-Plattform Jitsi und regelmäßige Online-Sprechstunden für Studierende. Auch der Asta der TU nutzt Jitsi: „Zuvor haben wir solche Programme eigentlich nicht gebraucht. Aber die Umstellung ging relativ leicht“, erklärt Tiedje. Ganz ruckelfrei läuft es aber dann doch nicht. Denn: „Das Programm stürzt während der Sitzungen auch mal ab.“

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Nur einige der Studierendenvertreterinnen haben auch in der Zeit des Corona-Notbetriebs in den Asta-Büros gearbeitet: Nicht alle Akten seien von zu Hause zugänglich oder digitalisiert – „aus datenschutzrechtlichen Gründen“, sagt Tiedje. Für die Kommunikation mit den Studierenden nutzen sie hauptsächlich E-Mails oder das Telefon. Demnächst sollen einige Beratungsangebote des TU-Asta wieder analog angeboten werden. Das eigene Plenum bleibe aber wahrscheinlich digital – da sei man sich im Kollektiv noch nicht ganz einig.

Unsere Berichte zur Corona-Lage an den Hochschulen

Die Jura-Fachschaftsinitiative der Freien Universität (FU) nutzt das ihnen zur Verfügung gestellte Tool Cisco Webex, erzählt die Sprecherin Miriam Süttmann. Sie freut sich, dass ihre Kommilitoninnen zahlreich an den Sitzungen teilnehmen: „Auch wenn das natürlich eine andere Atmosphäre ist, als wenn wir uns im echten Leben sehen und gemütlich beisammensitzen.“ Die Sitzungen seien dennoch recht produktiv – auch wenn die Moderation in der digitalen Runde gar nicht so einfach sei.

Als eine Herausforderung bewerten die Studierendenvertretungen zudem die Kommunikation mit den Hochschulen. „Es gab keine Gesprächsangebote bis Mitte April, keine Berichte aus dem Pandemiestab oder gar Einladungen“, kritisiert Juliane Ziegler vom RefRat der HU. Doch inzwischen seien beispielsweise ein Gespräch mit dem Präsidium und Einladungen in verschiedene Arbeitsgemeinschaften zustande gekommen.

Der RefRat forderte unter anderem, dass alle Prüfungsversuche als Freiversuche behandelt werden und wünscht sich Alternativen zu Präsenzprüfungen. Dabei berufen sich die Vertreter auf eine Online-Umfrage etwa zu Problemen bei der Studienfinanzierung und in der digitalen Lehre.

Andere Erfahrungen an der Freien Universität

„Was die Studienbedingungen angeht, liegt es in der Hand Hochschulen, diese zu verbessern. Was die Finanzierung angeht, liegt die Aufgabe bei Bund und Ländern, endlich eine vernünftige Unterstützung für alle Studierenden in Not zu schaffen“, sagt Ziegler.

Für den Asta der TU lief es ähnlich: „Seit ein paar Wochen sitze ich im Krisenstab der Uni“, sagt Tiedje. Der Krisenstab existiert aber bereits seit Anfang März.

Anders lief es bei der Jura-Fachschaftsinitiative der FU. „Es hat sich ganz gut eingependelt“, sagt die frühere Sprecherin Viktoria Wollenberg. Die Zusammenarbeit mit ihrem zuständigen Fachbereich sei fast enger als zuvor: „Mittlerweile fragen sie uns konkret nach Informationen aus der Studierendenschaft.“ Die situationsbedingten Regelungen für Hausarbeiten und Prüfungen seien jedenfalls sehr studierendenfreundlich.

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Miriam Süttmann sieht die Coronakrise auch als Chance, Dinge neu auszuprobieren. Und so arbeitet sie bereits an digitalen Angeboten für die Erstiwoche im kommenden Wintersemester.

Die Studierendenparlamente (StuPa) gehen unterschiedlich mit der Krise um. Das HU-StuPa etwa schob die erste Sitzung lange nach vorne: „Das StuPa hat nicht sofort getagt, weil es online schwierig zu organisieren war“, sagt der Parlamentarier João Fidalgo. Bei der ersten Sitzung nach den Wahlen wird traditionell das Präsidium gewählt. Im Mai wusste Fidalgo noch nicht, ob das StuPa dafür einen Raum bekommt, oder online tagen muss.

Die erste StuPa-Sitzung fand schließlich am 18. Juni digital über Zoom statt. Eine geheime Wahl wurde durch Abstimmungen im Chat, aber Wahlen per Brief im Nachgang der Sitzung garantiert. Eine Rückkehr in den Normalbetrieb sei noch nicht absehbar, sagt Fidalgo.

Präsenz-StuPa mit Mundschutz und Abstand

Das StuPa der Freien Universität hat hingegen gezeigt, wie es auch in den nächsten Monaten laufen könnte. Bereits Ende Mai wurde im Audimax getagt – mit Abstand und Mundschutz. Die 60 Parlamentarier*innen wählten die Asta-Vertreterinnen und -vertreter und beschlossen den Haushalt. Jedoch im Eiltempo, wie die Studierendenzeitung „Furios“ berichtete. Das heißt: Lange Debatten gab es keine. Vielmehr wurde in Blöcken abgestimmt, ohne weitergehende Diskussionen – und damit eher untypisch für StuPa-Sitzungen.

Corona hat gezeigt: Trotz der Hygienebestimmungen konnten die studentischen Gremien ihre Arbeit weitestgehend fortführen. „Es ist wichtig, dass wir als Vertreter*innen der größten Personengruppe in das Krisenmanagement integriert werden“, sagt Juliane Ziegler vom RefRat.

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