Archäologie : Jungsteinzeit-Bauherren mit „Knick in der Pupille“

Einem Kieler Archäologen fielen in urgeschichtlichen Fundstätten immer wieder seltsame Regelmäßigkeiten auf. Jetzt hat er eine Erklärung gefunden.

Hausgrundrisse der Ausgrabung der Siedlung Vráble, Slowakei.
Hausgrundrisse der Ausgrabung der Siedlung Vráble, Slowakei.Foto: Nils Müller-Scheeßel

Der Archäologe Nils Müller-Scheeßel wunderte sich. Immer öfter. Er wusste, dass eisenzeitliche und jungsteinzeitliche Bauherren keine genauen Messapparaturen hatten, um Gräber oder Häuser genau in Linie errichten zu können.

Aber was ihm immer wieder auffiel, war, dass zeitlich nacheinander und räumlich nebeneinander angelegte Grabstätten oder Gebäudereste nicht mal ein bisschen nach links, mal ein bisschen nach rechts abwichen, sondern sich eine klare Tendenz zeigte: Das jüngere Haus oder Grab driftete aus Sicht des älteren immer ein bisschen nach links.

Müller-Scheeßel, der an der Uni Kiel arbeitet, und seine Kollegen fanden in ihrem Hauptuntersuchungsgebiet in der Südslowakei mit einer Kombination althergebrachter und neuer archäologischer Methoden immer mehr Hinweise auf diese Art von Regelmäßigkeit.

Zu diesen Methoden gehören magnetische Aufnahmen aus der Luft, die, ohne je etwas ausgraben zu müssen, Rückschlüsse auf die Häusergrundrisse früherer Siedlungen zulassen, und Datierungsverfahren, die man braucht, um sicher zu sein, in welcher zeitlichen Abfolge etwa die Häuser einer Siedlung errichtet wurden.

Der Kohle gewichen

Die Siedlungen der Linearbandkeramischen Kultur dort zeigen fast durchweg genau diese regelmäßigen Abweichungen bei den Hausgrundrissen oder den Spuren der neben den Häusern angelegten Gruben. "Man sieht das aber auch an sehr vielen anderen Siedlungen", so Müller-Scheeßel.

Ein eindrückliches Beispiel sei etwa die Linearbandkeramik-Kultur-Siedlung bei Erkelenz-Kückhoven im Rheinland gewesen. Sie ist gut dokumentiert, es gibt sie aber nicht mehr, weil sie einem Braunkohletagebau weichen musste.

Per Magnetfeldmessung detektierbare Spuren einer Siedlung. Die meisten repräsentieren Längsgruben, die es entlang der Häuser gab.
Per Magnetfeldmessung detektierbare Spuren einer Siedlung. Die meisten repräsentieren Längsgruben, die es entlang der Häuser gab.Foto: Nils Müller-Scheeßel

"Ich habe nach einer Erklärung gesucht, die auf einer allgemeinen menschlichen Eigenschaft beruht", sagt Müller-Scheeßel. Irgendwann stieß er auf die Beschreibung einer solchen offenbar ziemlich universellen menschlichen Eigenschaft namens "Pseudoneglect".

Sie besteht darin, dass Menschen offenbar die linke Seite ihres Sichtfeldes bevorzugen. Zeigt man ihnen etwa in einem Experiment eine Linie und sie sollen sich festlegen, wo deren Mitte ist, schätzen die meisten links von der Mitte. Warum das so ist, weiß kein Psychologe und kein Hirnphysiologe so genau. Vermutet wird eine Asymmetrie der Verarbeitung optischer Eindrücke im Gehirn.

Vom Fund zum wissenschaftlichen Werkzeug

Stand ein Jungsteinzeitmensch an der Ecke eines älteren Hauses und legte von dort aus, ordnungsliebend wie schon Jungsteinzeitmenschen waren, fest, wo die Ecke des neuen Hauses sein sollte, lag er nach Müller-Scheeßels Daten im Schnitt etwa drei Grad links daneben.

Die Ergebnisse zeigen nicht nur, dass unsere Vorfahren bei solchen linear angelegten Siedlungen mit Linksdrall bauten – und Pseudoneglect liefert nicht nur eine plausible Erklärung dafür. Müller-Scheeßel glaubt vielmehr, dass er seine Ergebnisse im Umkehrschluss dafür nutzen kann, anhand von Magnetfeldaufnahmen die Entwicklung archäologischer Fundstätten über die Jahrzehnte und Jahrhunderte rekonstruieren zu können.

Denn aus der Orientierung der Häuser oder Gruben könne man ja nun ableiten, in welcher Abfolge sie entstanden sein müssen, je linksverdrehter desto später. "Wenn möglich, sollte die Sequenz noch unabhängig überprüft werden", schränkt der Archäologe aber ein – also mit klassischen archäologischen Methoden, für die man graben, bohren und Isotope analysieren muss.

Man stehe zwar noch ganz am Anfang. Doch Müller-Scheeßel, der gemeinsam mit Kollegen diese Befunde jetzt im Fachmagazin "Plos One" veröffentlicht, glaubt, dass das Prinzip weit über die von ihm bisher untersuchten Siedlungen hinaus anwendbar ist, etwa für Siedlungen aus der Eisenzeit, aber auch in anderen Gegenden der Welt. Es gebe natürlich "auch Fälle, wo das Prinzip nicht greift, etwa wenn Siedlungen radial organisiert sind."

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: