• Aufmerksamer und erregter: Menschen reagieren stärker auf schlechte Nachrichten als auf gute

Aufmerksamer und erregter : Menschen reagieren stärker auf schlechte Nachrichten als auf gute

Forscher haben weltweit untersucht, was positive und negative Meldungen ins uns auslösen. Ein Ergebnis überrascht – und könnte Folgen für die Medien haben.

Auch in Zeitungen überwiegen häufig "bad news".
Auch in Zeitungen überwiegen häufig "bad news".Foto: Oliver Berg/dpa

Ob Zeitung, Twitter-Timeline oder Tagesschau: Oft dominieren schlechte Nachrichten. Ein Grund dafür ist, dass viele Menschen dazu neigen, auf negative Meldungen stärker zu reagieren als auf positive. Diesen Effekt haben Forscher jetzt erstmals kulturübergreifend bei mehr als tausend Menschen aus 17 Ländern untersucht – und weitgehend bestätigt. Das berichtet ein Team um den Kommunikationswissenschaftler Stuart Soroka von der Universität Michigan in Ann Arbor im Fachblatt "PNAS".

Der Trend zu negativen News ist stärker geworden

Das Phänomen, negative Informationen stärker zu gewichten als positive, nennt man „Negativity Bias“, also Negativitätsverzerrung. Ob die Ursache dafür in der Evolution liegt (zum Beispiel höhere Überlebenswahrscheinlichkeit, wenn man wusste, dass der Urzeitkollege auf der Jagd von einem Raubtier gefressen wurde) oder eher kulturell begründet ist, weiß man nicht genau.

Heute hat es jedoch großen Einfluss darauf, welche Nachrichten Zeitungs- und Fernsehredaktionen auswählen. Der Trend, die Welt als einen schlimmen Ort darzustellen, ist Studien zufolge in den vergangenen Jahren noch deutlicher geworden. Als mögliche Folgen einer solchen vorwiegend negativen Berichterstattung bei den Konsumenten nennen die Forscher fehlendes politisches Wissen, Rückzug und Apathie.

Obwohl man schon länger um das Problem mit dem Negativity Bias und den Medien weiß, stammt der Großteil der Studien zum Thema entweder aus Großbritannien oder den USA. Zudem wurden in solchen Untersuchungen meist Reize verwendet, die weit an der Realität vorbeigingen.

Fernsehen schauen mit Sensoren

Das wollten Soroka und seine Kollegen – Patrick Fournier von der Universität Montreal sowie die Kommunikationswissenschaftlerin Lilach Nir von der Hebrew University in Jerusalem – ändern. Sie überprüften anhand von realen Nachrichtenbeiträgen, wie 1156 Probanden aus sechs verschiedenen Kontinenten auf positive und negative Meldungen reagierten. Dafür mussten die Testpersonen in zufälliger Reihenfolge sieben Videos des TV-Senders BBC World News anschauen. Zwei davon bezogen sich auf das eigene Land. Positive Beiträge handelten zum Beispiel davon, wie Gorillas aus dem Zoo in die Wildnis freigelassen wurden, in einem negativen Beitrag ging es etwa darum, wie eine Stadt in Peru niederbrannte.

Während die Versuchsteilnehmer die Filme anschauten, maßen die Wissenschaftler über Sensoren an den Fingern der Probanden die Leitfähigkeit von deren Haut und die Variabilität ihrer Herzfrequenz. Diese Werte dienen auch in anderen Untersuchungen als Maß für die physiologische Reaktion auf Reize von außen. Dabei geht es darum, aktivierende und beruhigende Einflüsse des sympathischen und parasympathischen Nervensystems abzubilden, also unbewusste Körperreaktionen auf wahrgenommene Stimuli.

Foto: Quelle: Stuart Soroka, Patrick Fournier, Lilach Nir

Das Ergebnis: Durchschnittlich variierte die Herzfrequenz der Probanden stärker, während sie negative News schauten. Auch die Änderungen in der Leitfähigkeit der Haut waren bei schlechten Nachrichten größer als bei guten. Basierend auf bisherigen Erkenntnissen interpretieren die Forscher die Resultate so, dass die Testpersonen im Durchschnitt negative Informationen aufmerksamer und psychisch erregter verfolgten. Sie schreiben: "Diese Studie zeigt direkt, dass Menschen auf der ganzen Welt durch negative Nachrichtenbeiträge stärker aktiviert werden."

Für Unterschiede zwischen einzelnen Ländern finden die Wissenschaftler in ihren Daten aber keine Erklärung. Zumindest länderspezifische Faktoren wie die Freiheit der Medien oder das politische System in einem bestimmten Land hätten ihrer Analyse zufolge keine Auswirkungen darauf, wie die Teilnehmer reagierten.

Zumal sich die Reaktionen der Versuchspersonen auch innerhalb von Ländern deutlich unterschieden. Die Wissenschaftler deuten das so, dass nicht alle Medienkonsumenten sich besonders zu negativen Meldungen hingezogen fühlen. Vielmehr könne es ein großes und bisher unterschätztes Publikum auch für positive Nachrichten geben, schreiben sie.

Versuchspersonen wählen unter Zeitdruck negative Meldungen

Oliver Quiring überraschen die Ergebnisse "ganz und gar nicht". Man wisse seit Langem, dass negative Nachrichten deutlich mehr Aufmerksamkeit erregten als positive, sagte der Kommunikationswissenschaftler von der Universität Mainz dem Tagesspiegel. Es sei aber "beeindruckend, dass es dem Team um Soroka gelungen sei, das Phänomen in einer internationalen Studie kulturübergreifend zu erhärten". Das mache die Untersuchung aus wissenschaftlicher Sicht sehr wertvoll – auch wenn die Anzahl der Teilnehmenden in einzelnen Ländern recht klein gewesen sei und somit womöglich nicht repräsentativ.

Insgesamt seien die Ergebnisse aber plausibel. Auch für Deutschland zeigten Studien immer wieder, dass Versuchspersonen unter Zeitdruck eher negative, überraschende oder sensationelle Nachrichten auswählten. "Für den Journalismus heißt das: Negatives wird eher wahrgenommen und verkauft sich deshalb auch besser", sagt Quiring.

Eine mögliche Lösung: konstruktiver Journalismus

Die neue Studie aus den USA deutet nun allerdings darauf hin, dass es sich individuell deutlich unterscheidet, wie stark jemand auf "bad news" reagiert. Quiring findet das nachvollziehbar: "Es gibt eine Grenze, ab der man keine Lust mehr hat, auch noch die nächste Schreckensnachricht zu konsumieren – nur um am nächsten Tag festzustellen, dass die Welt doch wieder nicht untergegangen ist."

Er plädiert daher für einen konstruktiven Journalismus, der sauber recherchiert, gut argumentiert, Lösungsvorschläge bietet – und dabei auch positiv sein kann. Das heiße nicht, dass man die Nachrichten mit lauter unrelevanten Meldungen füllen sollte.

Vielleicht können die Ergebnisse aber dazu anregen, das schreiben auch die Autoren der Studie, das fragwürdige journalistische Motto „If it bleeds, it leads“ (etwa: „Wenn Blut im Spiel ist, zieht es“) noch einmal gründlich zu überdenken.

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