Ausstellung : Wie die Vermessung der Welt begann

Steinzeitliche Neurochirurgie und römische Autobahnen: Die Berliner Ausstellung „Jenseits des Horizonts“ zeigt die großen Zivilisationsleistungen der antiken Völker.

Das Hodometer. Nachbau eines römischen Messwagens. Die römischen Meilen wurden mithilfe eines Zahnkranzes und Kugeln gezählt.
Das Hodometer. Nachbau eines römischen Messwagens. Die römischen Meilen wurden mithilfe eines Zahnkranzes und Kugeln gezählt.Foto: Collezione N. Firenze, Mod. Gabriele Niccolai

„Um Fahrwege anzulegen, in menschenleeren Gegenden Poststationen einzurichten, habt Ihr den ganzen Erdkreis vermessen, Flüsse mit Brücken überspannt und Berge durchstochen.“ Als große Zivilisationstat lobte der aus Kleinasien stammende Rhetor Aelius Aristides im Jahr 143 n. Chr. vor Kaiser Hadrian den römischen Straßenbau. Das Netz römischer Reichsstraßen – in Komfort und Nutzen unseren Autobahnen vergleichbar – war im finalen Ausbauzustand etwa 80 000 Kilometer lang.

Jenseits des Horizonts ging es bereits vor zweitausend Jahren weiter: real, symbolisch, metaphysisch. „Jenseits des Horizonts. Raum und Wissen in den Kulturen der Alten Welt“ heißt auch die große Ausstellung im Pergamonmuseum, die das jetzt um eine weitere Forschungsphase verlängerte Berliner Exzellenzcluster Topoi erarbeitet hat. Seit 2007 forschen unter seinem Dach etwa 220 Wissenschaftler aus über 30 Fachdisziplinen über verschiedenste Verbindungen zwischen Raum und Wissensproduktion in der Antike. „Jenseits des Horizonts“ unternimmt den Versuch, aus den Studierzimmern der Altertumswissenschaften herabzusteigen in die Museumssäle. Schließlich beteiligen sich an Topoi neben der Freien Universität und der Humboldt-Universität sowie weiteren Kooperationspartnern auch die Staatlichen Museen zu Berlin.

Beherzt nutzen die Kuratorinnen der Ausstellung, Astrid Dostert und Gabriele Pieke, den Zugriff auf die Bestände etlicher Institutionen. Das Straßenbauthema etwa wird durch den Nachbau eines römischen Messwagens illustriert, der mittels eines hölzernen Zahnkranzes nach jeder römischen Meile (1481 Meter) eine Kugel in einen Zählkasten expedierte. Dass Geräte wie der Messwagen oder ein ebenfalls nachgebautes Groma – zur Bestimmung rechtwinkliger Achsenkreuze im Gelände – nicht nur der Landesverschönerung, sondern knallharten militärischen Zwecken dienten, geht beim Staunen über ingenieurtechnische Leistungen leicht unter. Auch die Ausstellung lässt den strategischen Aspekt der Raumbeherrschung weitgehend unbeachtet.

„Jenseits des Horizonts“ widmet sich eher dem zivilen interkulturellen Vergleich. Wie man Land vermisst und Vieh zählt, um Steuern erheben zu können; wie man den Lauf von Sonne, Mond und Sternen beobachtet, um einen Kalender zu berechnen; wie man den eigenen Körper ausforscht, um den Sitz von Krankheiten oder gar der Seele ausfindig zu machen; wie man sich das Wohlwollen der Götter sichert: Vieles lässt sich sowohl im Zweistromland, in Ägypten wie in den antiken Kulturen des Nordens beobachten.

In dieser vergleichenden Perspektive liegt allerdings auch die Crux des anspruchsvollen Ausstellungsunternehmens. Wer die 16 Säle im Nordflügel des Pergamonmuseums ohne Audioguide durchstreift und sich auf die notgedrungen recht allgemeinen Lesetexte verlässt, wird trotz schönster Rauminszenierungen oft nicht entscheiden können, ob hier antike Äpfel mit antiken Birnen verglichen werden. Allein die unterschiedlichen Jenseitsvorstellungen all dieser Kulturen, die ausdrücklich Teil der Betrachtung sind, verhindern schnelle Synthesen.

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Eine Konzeptausstellung nennt der Wissenschaftshistoriker Gerd Graßhoff, einer der beiden Sprecher von Topoi, die Präsentation, die keine Leistungsschau des Exzellenzclusters sein will, sondern eher essayistisch dessen begriffliche Zentralgestirne Raum und Wissen umkreist. Gleichwohl fließen aktuelle und sehr handfeste Forschungsergebnisse ein, wenn im ersten Raum die Baugeschichte auf dem Palatin in Rom rekonstruiert wird, der exemplarisch für den dynamischen Charakter architektonischer Rauminszenierungen steht. In Kapiteln wie diesem – eine Computersimulation macht’s möglich – gelingt der Präsentation große Anschaulichkeit.

Empfehlenswert ist auch das Begleitbuch, das keine Expertenaufsätze aneinanderreiht, sondern vom Bestsellersachbuchautor Ralf-Peter Märtin in einen angenehm lesbaren Fließtext verwandelt worden ist. Hier gewinnt „Jenseits des Horizonts“ Modellcharakter für künftige Großprojekte wie das Humboldtforum. Die Zukunft zeitgemäßer Populärvermittlung sollte jedoch nicht auf ein Laisser-faire des Alles-hängt-mit-allem-zusammen hinauslaufen, sondern auf das narrative Potenzial musealer Einzelobjekte vertrauen. Neben Prunkstücken wie dem bronzezeitlichen „Berliner Goldhut“ oder der Himmelsscheibe von Nebra – in einer hervorragenden Kopie – zeigt die Ausstellung scheinbar Unscheinbares wie den fünftausend Jahre alten, bei Ketzin an der Havel gefundenen Schädel eines erfolgreich am Gehirn Operierten. Mit einer kreisförmigen Gravur markierte der Neurochirurg der Jungsteinzeit seine Operationsstelle. Die Knochen hatten nach dem Eingriff genügend Zeit, um zu verheilen.

Was für eine Geschichte auf ein paar Knochen! Mühelos überspringt sie den trennenden Horizont zu unseren Ahnen.

Pergamonmuseum, bis 30. September. Das Begleitbuch (Konrad Theiss Verlag) kostet in der Ausstellung 24,90 Euro, im Buchhandel 29,95 Euro.

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