Bauen für die Wissenschaft : Frischer Wind in den Studierstuben

Die drei großen Berliner Unis untersuchen Geschichte und Gegenwart der Wissenschaftsarchitektur. Mitzuerleben ist das in einer öffentlichen Vorlesungsreihe.

Das 1996/97 erbaute Photonikzentrum I in Berlin-Adlershof.
Das 1996/97 erbaute Photonikzentrum I in Adlershof ist zum Wahrzeichen des Wissenschaftscampus geworden.Foto: IMAGO STOCK And PEOPLE

Spitzenforscher gelten gemeinhin als eine besondere Spezies mit ausgeprägten Scheuklappen, die sich für nichts anderes als ihre Arbeit interessieren. Auch nicht für das Ambiente, in dem sie ihrer Arbeit nachgehen. Doch immer wieder gibt es Bauten für die Forschung, die als große Baukunst Anerkennung finden oder gar Architekturgeschichte geschrieben haben. Man denke an Erich Mendelsohns Einsteinturm, das leuchtende Fanal des Expressionismus, oder an Louis Kahns Medical Research Building in Philadelphia, mit dem er 1957 das grundlegende Organisationsprinzip der „dienenden und bedienten Räume“ erstmals formulierte.

Ikonische Wissenschaftsbauten im heutigen Berlin sind vor allem die in der Nachfolge Scharouns 1971-74 von den Architekten Fehling und Gogel entworfenen Gebäude des FU-Instituts für Hygiene und Mikrobiologie in Lichterfelde sowie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Wilmersdorf. Und natürlich Ludwig Leos Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau der Technischen Universität im Tiergarten, der spektakuläre Umlauftank in Pink und Bleu. Erst kürzlich wurde er von HG Merz und der Wüstenrot-Stiftung denkmalpflegerisch vorbildlich saniert.

Was hat das Züchten von Kristallen mit Architektur zu tun?

Ist Forschen eine Funktion wie Wohnen, Büroarbeit, Beten oder Musizieren, die typologisch zu bestimmten Gebäuden führt? Solchen Fragen geht das Projekt der drei großen Berliner Universitäten „Wissenschaft in der Stadt. Europäische Metropolen und Architekturen der Wissenschaft vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ nach. HU-Historikerin Gabriele Metzler und Wissenschaftshistoriker Arne Schirrmacher haben es anlässlich des European Cultural Heritage Summit 2018 ins Leben gerufen. Interdisziplinär ausgeleuchtet wird das Thema mit der Ausstellung „Architekturen der Wissenschaft – Die Universitäten Berlins in europäischer Perspektive“ inklusive Dokumentationsmagazin und der Vortragsreihe „Bauen für die Wissenschaft“. Hinzu kommen unter anderem ein Architekturführer und die Website wissenschaft-in-der-stadt.hu-berlin.de.

Was mag wissenschaftliche Forschung, was mag das Züchten von Kristallen, von Bakterien oder komplexen mathematischen Formeln oder die Untersuchung von Quantensprüngen oder Kulturströmungen mit Architektur zu tun haben?

In jüngerer Zeit haben die Labor- und Lehrgebäude des Rudolf-Virchow-Klinikums von Deubzer König, sowie einige Anlagen auf dem Forschungscampus in Adlershof und in Buch in architektonischer Hinsicht von sich reden gemacht. Besonders das von Sauerbruch Hutton entworfene Photonikzentrum I in Adlershof, dieser vielfarbige, rundum verglaste, im Grundriss amöbenhafte Doppelbau ist bereits jetzt als emblematische Architektur der Jahrtausendwende in die Annalen eingegangen.

Photonikzentrum: Flexible Strukturen für die Nutzer

Speziell an diesem Bauwerk erläuterte Architekt Matthias Sauerbruch in der Auftaktveranstaltung der Vortragsreihe die Zusammenhänge zwischen den Anforderungen der Wissenschaftler und der gebauten Hülle. Er zeigte, wie durch ein innovatives Konstruktionssystem flexibel nutzbare Laborräume entstehen, bei denen in jeder Nutzungseinheit umfangreichste Installationen der Versorgung mit Medien, Gasen, Wasser und Chemikalien in kurzen Zyklen umgerüstet werden können, ohne die Nachbarlabors zu stören.

Das Photonikzentrum macht noch immer Schule als ausgeprägtes Beispiel der allgemeinen Tendenz im Gewerbebau, den Nutzern flexible Strukturen zur Verfügung zu stellen, die rasche Reaktion auf Veränderungen ermöglichen und deshalb nachhaltiger sind als häufiger Neubau. Zudem bereitet es den Architekten sichtlich Freude, die oft spezifischen Nutzungsanforderungen in signifikante Architektur zu gießen. Oft genug verhilft deren Erfindungskraft den Nutzern zu praktischen, effektiven Lösungen.

Wie geht es mit der Forschungsarchitektur weiter? Für die Einhausung von Großgeräten und großen Versuchsanordnungen, Computertomographen, Teilchenbeschleuniger, Zuchtbetriebe oder Reaktoren werden Architekten nach wie vor architektonische Sonderlösungen zu entwickeln haben, die die Chance bieten, aus der Aufgabe gestalterisch Funken zu schlagen. Im Laborbau geht es, im Gleichschritt mit der allgemeinen Entwicklung der Bautechnik, darum, universell nutzbare und umrüstbare und darum Kosten und Ressourcen schonende Grundstrukturen bereit zu stellen.

Noch keine Büronomaden in der Wissenschaft

Nicht unbedingt an der Spitze der Entwicklung steht die Forschung indes bei ihren Schreibtisch-Arbeitsplätzen. Die von der Privatwirtschaft forcierte Entwicklung hin zum „Nomadenbüro“ wird sich in der Wissenschaft, vor allem in den Geisteswissenschaften, nach der Einschätzung von Matthias Sauerbruch nur schleppend durchsetzen. Im Nomadenbüro holen sich die Mitarbeiter morgens ihren Container und Laptop aus der Parkbox und besetzen einen der freien Schreibtische. Manche Firmen – etwa Finanzdienstleister und Wirtschaftsprüfer im Umgang mit sensiblen Daten – denken das Prinzip des entindividualisierten, papierlosen Büros konsequent weiter. Deren Mitarbeiter kommen nur mit dem persönlichen Passwort ins Büro, setzen sich an ein Terminal und loggen sich im System ein. Da permanent Mitarbeiter unterwegs sind, im Urlaub, krank oder im Homeoffice arbeiten, spart man 40 Prozent Arbeitsplätze und damit erheblich an Kosten.

In der Wissenschaft ist derlei Büroorganisation kaum denkbar, etwa bei labornahen Büros, in der literaturbezogenen Forschung oder im medizinischen Bereich. Auch sind Wissenschaftler diesbezüglich eher konservativ, lieben ihr Studierstübchen. Es gibt in Universitäten und Forschungsverbünden – noch – nicht den ökonomischen Druck, der permanent tiefgreifende Innovationen der Arbeitsorganisation forcieren würde. Auch sähe sich kaum einer der Forschungsdirektoren in der Lage, Bauherrenfunktion auszufüllen oder gar Baumaßnahmen zu beauftragen, zu kontrollieren und abzurechnen.

Die zentrale Verwaltung hält ihnen den Rücken frei, konzipiert die Bauten, handhabt die Genehmigungsverfahren, legt Rechenschaft ab gegenüber den Geldgebern, beauftragt Planer, Projektsteuerer und Kontrolleure – ein insgesamt träges System ohne internen Innovationsantrieb.

Woher die vielen Berliner Highlights?

Dieses System der fürsorglichen, aber fremdbestimmten Bereitstellung von Gebäudehardware bremst auch eine andere Tendenz. Die kameralistische Zuteilung von Büroflächen bezogen auf Planstellen, Dienstgrad und Besoldungsstufen verhindert – anders als in der Privatwirtschaft – flexible Raumprogramme. Wenn heute kommunikative Flächen für Treffpunkte, Lounges, offene Treppenhäuser, Café-Ecken gebraucht werden, an denen die Mitarbeiter informell ins Gespräch kommen, ist dies mit behördlich strukturierten Bauherren nicht zu machen.

Woran liegt es, dass die Wissenschaftsarchitektur etwa in Berlin mit bemerkenswerten, in Fachkreisen wahrgenommenen und vielfach publizierten Highlights hervortritt? Die Bauaufträge werden in aller Regel durch Architektenwettbewerbe vergeben. So konnten aus dem Einerlei herausstechende Bauten wie das Johann von Neumann-Haus der Humboldt-Universität (Architekten: Dörr Ludolf Wimmer Architekten) oder das Zentrum für Informations- und Medientechnologie (Architekten Cepezed B.V., Delft) sowie das Physikinstitut (Augustin und Frank Architekten, Berlin) in Adlershof entstehen.

Ganz eigene Typologien und somit charaktervolle Architektur entwickelten die Architekten Glass Kramer Löbbert für das MRT-Gebäude sowie Heide & von Beckerath für die Bio-Bank in Berlin-Buch. Ebenfalls in Buch hat Volker Staab das Laborgebäude für Medizinische Genomforschung errichtet und dabei sehr logisch und anschaulich die Dualität und Symbiose zwischen Labor- und Schreibtischarbeit der Forscher organisiert und architektonisch thematisiert.

Architektur für die Wissenschaft kann also durchaus zur Baukunst werden. Und sie ist so vielfältig wie die Forschung selbst. Dass die drei großen Berliner Universitäten jetzt den Blick auf ihre Ausprägungen, Geschichte und Episoden – und auf ihre Instrumentalisierung im Dritten Reich – lenken, verdient die Aufmerksamkeit nicht nur der scientific community.

Die Vortragsreihe wird donnerstags im wöchentlichen Turnus fortgesetzt (Infos: www.wissenschaft-in-der-stadt.hu-berlin.de). Der nächste Termin ist am heutigen Donnerstag, 09.05.: Universitätsbauten und Stadt. Historische und theoretische Perspektiven, Vortrag von Prof. Dr. Gabriele Metzler (HU Berlin), Prof. Dr. Jörg Gleiter (TU Berlin), PD. Dr. Arne Schirrmacher (HU Berlin), 18 bis 20 Uhr; Technische Universität Berlin, IfA - Institut für Architektur, Straße des 17. Juni 152, 10623 Berlin, Raum A151.

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