Bildungspolitik : Damit die guten Schüler nicht vergessen werden

An Programmen zur Förderung schlechter Schüler mangelt es nicht. Jetzt will man sich um die guten kümmern. Gute Idee. Möge sie mit viel Personal alsbald umgesetzt werden! Ein Kommentar.

Paul Schwenn
Herr Lehrer, ich weiß es!
Herr Lehrer, ich weiß es!Foto: picture alliance / Daniel Karman

Klassenbester zu sein, hat einige Vorteile. Bei der Ausgabe von Klausuren gibt es ein Extralob des Lehrers. Kann auch der Primus eine knifflige Frage nicht beantworten, nehmen die Mitschüler automatisch an, er schweige aus vornehmer Bescheidenheit. Nun hat die geschäftsführende Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) die Initiative „Leistung macht Schule“ vorgestellt, von der vor allem Spitzenschüler profitieren sollen.

Die Kollaboration von Bund und Ländern setzt sich zum Ziel, „den leistungsstarken und talentierten jungen Menschen die bestmöglichen Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten anbieten zu können“.125 Millionen Euro fließen in den nächsten zehn Jahren in das Vorhaben der Bundesbildungsministerin. Bekommen nun ausgerechnet die dicksten Fische im Teich eine Extrafütterung, während der Rest leer ausgeht?

Nein, denn „Leistung macht Schule“ richtet sich an 300 unterschiedliche Bildungseinrichtungen im gesamten Bundesgebiet, auch die Schule im sozialen Brennpunkt mit hohem Migrantenanteil ist dabei. Im Fokus der Initiative stehen nicht nur die Musterschüler. Auch „verschüttete Potenziale“ sollen geborgen werden, wenn es nach Stefanie Hubig (SPD) geht, Bildungsministerin in Rheinland-Pfalz.

Jeder nach seinen Möglichkeiten - so sollte es sein

Beim Talentscouting stehen den Lehrern Wissenschaftler zur Seite, ihre Aufgabe: die Unterrichtsqualität und Motivation der Pädagogen und ihrer Schützlinge zu verbessern. Das Vorhaben ließe sich wahrscheinlich auch ohne die Forscher realisieren, mit kleineren Klassen und mehr Personal. Trotzdem ist jede Maßnahme sinnvoll, bei der die heterogene Schülerschar nicht als einheitliche Masse behandelt wird, der man das gleiche Unterrichtsprogramm vorsetzen kann.

Auf die verschiedenen Wissensstände und Leistungsmöglichkeiten innerhalb einer Klasse muss adäquat reagiert werden. Mit Arbeitsaufträgen, die Schüler in dem von ihnen bestimmten Tempo bearbeiten können. So plant es die Initiative. Dass die Leistungsstarken dabei nicht von ihren Mitschülern getrennt werden, ist mit Hinblick auf das Ergebnis einer Pisa-Sonderauswertung besonders wichtig. Bei der Studie kam heraus, dass ein durchmischtes Umfeld den Bildungserfolg sozial benachteiligter und leistungsschwächerer Schüler begünstigt.

„Leistung macht Schule“ verspricht präzise Analysen des Lernverhaltens unserer Schüler, neue didaktische Methoden und qualifiziertere Lehrkräfte. Damit der erhoffte „bildungspolitische Schub“ tatsächlich eintritt, bräuchte es weitreichendere Investitionen in Lehrkräfte und Schulen. Für den Klassenbesten und alle anderen.

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