Biotech-Boom in Berlin : „Berlin hat beste Chancen aufzuschließen“

Als Medizinmetropolen Europas gelten bislang eher London, Paris oder Stockholm. Das könnte sich ändern. Ein Gastbeitrag.

Axel Ekkernkamp
Wo ist der Nutzen? Die Grünen fordern mehr Mitsprache für Patienten bei der Digitalisierung.
Wo ist der Nutzen? Die Grünen fordern mehr Mitsprache für Patienten bei der Digitalisierung.Foto: imago/Westend61

Wenn es um Städte geht, die in Europa einen Ruf als Medizinmetropole haben, fallen in der Regel Namen wie London, Paris, Zürich oder Stockholm. Aber die Region Berlin hat mit ihrer Infrastruktur im Bereich Gesundheitswirtschaft mit 360.000 Beschäftigten und 21 000 Firmen beste Chancen aufzuschließen.

Mit dem Ergebnisbericht „Gesundheitsstadt Berlin 2030“ der sogenannten Lauterbach-Kommission und dem Impulspapier „Digital Health City Berlin“ der Senatswirtschaftsverwaltung liegen zwei tragfähige Konzepte dafür vor. In ihrer Kombination können sie Berlin deutlich voranbringen. Sie müssen nur zeitnah umgesetzt werden.

Auf die Hochleitungsmedizin konzentrieren

Die Empfehlungsliste der Zukunftskommission ist lang und präzise: Mehr Kooperation und strategische Abstimmung bei Patienten-Versorgung und Forschung, eine Verzahnung von Charité und Vivantes unter Einbindung weiterer Krankenhäuser und mit abgestimmten Aufgaben, gemeinsame Ausbildung bei akademischen Gesundheitsberufen und eine gemeinsame elektronische Patientenakte. Dank der beiden Institutionen kann Berlin tatsächlich die zukünftige Versorgungslandschaft in großen Teilen gestalten, fast die Hälfte aller stationären Patienten in Berlin wird in den landeseigenen Häusern behandelt.

Biomedizin in Berlin.
Biomedizin in Berlin.Foto: Tsp/Julia Schneider/Manuel Kostrzynski

Um noch effizienter zu werden empfiehlt die Kommission, dass sich die Charité langfristig auf die Hochleistungsmedizin konzentrieren und Vivantes die übrige Versorgung übernehmen soll. Spezialkrankenhäuser wie etwa das Deutsche Herzzentrum oder das BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin können mit ihrer Erfahrung und ihrer Fachkompetenz dieses Angebot vorbildhaft ergänzen. Dazu gehört sicherlich auch das Bundeswehrkrankenhaus Berlin.

Digitale Kompetenz fördern

Zweiter wichtiger Baustein auf dem Weg zur Medizinmetropole ist die Förderung digitaler Kompetenz. Mit dem Berlin Institute of Health (BIH) und dem Hasso-Plattner-Institut für Digital Engineering (HPI) mit seinem kürzlich gegründeten Institut für Digital Health verfügt die Region über zwei Institute mit hervorragendem Ruf. Insbesondere im Bereich Biomedizin-Forschung, der für die zukünftige Versorgung und Therapie eine immer wichtigere Funktion einnehmen wird, gehört Berlin schon jetzt zu den weltweit führenden Regionen.

Mehr zum Thema: Wie kann Berlin zum Boston Europas werden? Ein Aufruf, Berlin zur „Zellklinik“ nach dem Vorbild Virchows zu entwickeln.

Gerade aber für diese Art von Forschung sind Big-Data-Anwendungen wie sie in Potsdam entwickelt werden, unerlässlich. Auch die in der Region vertretene Pharmaindustrie und die Medizintechnik setzen auf digitalisierte Anwendungen wie etwa beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI).

Axel Ekkernkamp ist Universitätsprofessor in Greifswald, Geschäftsführer der BG Kliniken , Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer und Mitglied des Ayinger Gesprächskreises.
Axel Ekkernkamp ist Universitätsprofessor in Greifswald, Geschäftsführer der BG Kliniken , Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer...Foto: Promo

Fakt ist: Die digitale Transformation wird sowohl die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen als auch das Angebot von Gesundheitsversorgern verbessern. Digitalisierung, Virtualisierung und dezentrale Versorgung durch E-Health-Anwendungen bieten unbestritten viele Vorteile: von Kostensenkungen über Synergien bis hin zu Kompetenzgewinnen. KI wird in der Diagnose, Therapie und Prävention zunehmend eine Rolle spielen – etwa 20 Prozent der ärztlichen Leistungen könnten durch KI ersetzt werden.

Für ein besseres Arzt-Patienten-Verhältnis bliebe mehr Zeit, da intelligente, mitdenkende Systeme die Arbeit von medizinischen Fachkräften erheblich entlasten und verbessern. Prozesse, die nicht notwendigerweise von Menschen durchgeführt werden müssen, sollten digitale Systeme erledigen. Die Implementierung von intelligenten Lösungen ist bereits jetzt in vollem Gange, mobile Applikationen strukturieren und erleichtern den „work-flow“.

Digitale Medizinhauptstadt

Um Digital Health in Berlin aber wirklich voranzubringen gehört eine übergreifende Vernetzung zu den Forderungen, die im Impulspapier der Wirtschaftsverwaltung aufgeführt werden. So sollen eine Plattform für Datenaustausch geschaffen, ein Campus für digitale Gesundheit gegründet, Wissenschaft und Lehre gestärkt sowie eine zentrale Organisation für Kommunikation und Koordination aufgebaut werden. Die Chancen, Berlin auch zur digitalen Medizinhauptstadt zu machen stehen gut, gerade auch wegen der innovativen Startup-Szene und einem Netz von Akzeleratoren und Inkubatoren wie etwa „Flying Health“.

Natürlich gilt es, die zur Marktreife gebrachten Entwicklungen dann auch umzusetzen. Hier bietet sich die Region Berlin-Brandenburg als ideales Modellprojekt an: So könnten ein Universitätsklinikum, eine nichtuniversitäre Klinik der Maximalversorgung und ein ländliches Krankenhaus mit staatlicher Hilfe und Expertenbegleitung die digitale Gesundheitswelt erproben. Andere Krankenhäuser profitierten später von den Erfolgen und vermieden von vorneherein falsche Abzweigungen und Sackgassen.

In einem ersten Schritt ist dafür allerdings auch ein gemeinsamer Krankenhausplan Berlin-Brandenburg erforderlich, der jetzt hoffentlich mit der neuen Landesregierung in Potsdam umsetzbar wird. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat ja Berlin-Brandenburg ohnedies zur „Zukunftsregion digitale Gesundheit“ erklärt, um neue Anwendungen zu testen. Bestes Beispiel ist das Ende 2019 vom Bundestag beschlossene Digitale-Versorgungs-Gesetz (DVG), was unter anderem den Einsatz von ärztlich verordneten Gesundheits-Apps regelt und pseudonymisierte Daten für die Forschung zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung zur Verfügung stellt.

Corona-Epidemie wird den ökonomischen Druck verstärken

Doch allen Beteiligten ist klar: Die Förderung von digitaler Ausstattung und Medizin in allen Facetten wird viel Geld kosten. Viele Kliniken, viele Arztpraxen haben da erheblichen Nachholbedarf, ohne staatliche Unterstützung wird sich dort nicht viel tun.

Die aktuelle Corona-Epidemie wird den ökonomischen Druck noch weiter verstärken. Auch die Zusammenführung von Daten aus Versorgung und Forschung, wie sie das neue DVG erlaubt, gibt es nicht zum Nulltarif, allein schon deshalb, weil komplexe Sicherungssysteme zum Einsatz kommen müssen, die größtmöglichen Datenschutz sicherstellen.

Aber gerade auf dem Gebiet von Forschung und Entwicklung kann eine großzügige Anschubfinanzierung, gerne gespeist aus mehreren Quellen, dafür sorgen, dass Berlin für Firmen und Wissenschaftler aus aller Welt eine größere Anziehungskraft entfaltet, und dass die schon hier arbeitenden Experten dem Standort treu bleiben und nicht in den nächsten Jahren an einen anderen Digital-Health-Hotspot abwandern, von dem sie sich mehr Perspektiven erwarten. Dass Berlin damit in die erste Reihe europäischer Medizinmetropolen aufrückt oder zum neuen Boston werden kann, ist da eigentlich nur ein Nebeneffekt. Viel bedeutsamer ist, dass sich Berlin hohe Ziele setzt und die Menschen von einer qualitativ immer hochwertigeren Versorgung profitieren können.

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