Die Kriminalitätsrate bei Autisten sei geringer als in der Normalbevölkerung

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Bluttat an Sandy-Hook-Grundschule : Kann Autismus den Amoklauf verursacht haben?
Mitgefühl. Gedenken an die Opfer des Amoklaufs von Newtown.
Mitgefühl. Gedenken an die Opfer des Amoklaufs von Newtown.Foto: AFP

„Fürchten Sie sich nicht vor Menschen mit Autismus – sie sind keine eiskalten Mörder“ schreibt Amy Lutz, Präsidentin der Easi-Stiftung, die sich um Menschen mit Entwicklungsstörungen kümmert, ebenfalls im Magazin „Slate“. Wenn es bei Individuen mit einer autistischen Störung zu einem Gewaltausbruch komme, dann sei dieser meist gefühlsbeladen und eruptiv. Und demnach alles andere als geplant und kalkuliert. Das bestätigt auch Jürgen Müller, Chefarzt der Asklepios-Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie in Göttingen. „Geschieht eine Straftat, dann meist aus der Situation, aus dem Affekt heraus“, sagt Müller. „Natürlich kann man aus einer Tat heraus nicht auf eine Diagnose schließen, aber der Amoklauf von Newtown wäre nicht typisch für Asperger.“

Die Kriminalitätsrate bei Menschen mit autistischen Störungen sei geringer als in der Normalbevölkerung, schreibt Amy Lutz. Dennoch gebe es eine kleine Gruppe unter Autisten, die meist schon in sehr jungen Jahren zu Gewaltausbrüchen neigte und die dauerhaft untergebracht werden müsste.

2008 legten die amerikanischen Psychiater Stewart Newman und Mohammad Ghaziuddin eine Auswertung von Studien zu Gewaltverbrechen und Asperger-Syndrom vor. Sie kamen zu dem Schluss, dass in der überwältigenden Zahl der Fälle die Täter zusätzlich psychisch krank waren oder eine gestörte Persönlichkeit besaßen. Diese zusätzlichen Probleme hätten das Risiko einer Straftat erhöht.

Noch immer gibt es im Zusammenhang mit den Motiven des Amokläufers fast nur offene Fragen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Lanza, falls er autistisch war, durch weitere tiefgreifende Störungen zu seiner Tat getrieben wurde. Es könnte auch gut sein, dass die ihm zugeschriebene Asperger-Diagnose nur das Resultat von Gerüchten und Spekulationen ist. Oder es könnte sein, dass die Diagnose zu Unrecht gestellt wurde, denn die Kriterien für das Vorliegen einer Asperger-Störung sind nicht klar umrissen und werden immer wieder neu diskutiert. Es gibt keinen Asperger-Bluttest.

Trotzdem droht nun, wie Selbsthilfe- und Elternorganisationen in den USA warnen, eine Stigmatisierung von Menschen mit Asperger. Und vielleicht nicht nur von diesen. Schüchternen, stillen, in sich gekehrten Schülern wird man möglicherweise misstrauischer begegnen. Wer weiß, welch finstere Pläne sie in ihrem Herzen bewegen. Und mancher Kritiker merkt an, dass die ganze Diskussion ein Ablenkungsmanöver ist. Denn in Wahrheit müssten die Amerikaner über eine bessere Kontrolle ihrer Schusswaffen diskutieren.

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