Total-Buy-out-Praxis in der Wissenschaft

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Boykott von Fachzeitschriften : Geknebelte Wissenschaft

Eine massive wirtschaftliche Fehlentwicklung, finden mittlerweile viele Wissenschaftler. Die Universität Harvard hat deshalb vor einigen Wochen an ihren wissenschaftlichen Stab appelliert, zukünftig vor allem in frei zugänglichen Open- Access-Journalen zu veröffentlichen. Die Elite-Universität greift damit eine Debatte auf, die ein bekannter britischer Mathematiker vor Monaten neu angeheizt hatte: Im Januar rief der Cambridge-Professor Timothy Gowers auf seinem privaten Blog zu einem generellen Elsevier-Boykott auf. Über 11 000 Wissenschaftler sind seitdem seinem Beispiel gefolgt und haben auf der Webseite TheCostofKnowledge.com bekannt gegeben, zukünftig weder bei Elsevier publizieren noch sonst in irgendeiner Form für den Verlag tätig sein zu wollen.

„Wir greifen jetzt den an, den wir für den Hauptsünder in dieser Branche halten“, sagt Martin Grötschel, Professor für Mathematik an der TU Berlin und Vizepräsident des Konrad-Zuse-Zentrums. Er hat den Aufruf ebenfalls unterzeichnet und bereits alle Elsevier-Abonnements des Konrad-Zuse-Zentrums gekündigt. „Wir wehren uns dagegen, dass mit öffentlichem Geld Wissen erzeugt wird, dass dann wiederum mit öffentlichem Geld zurückgekauft werden muss – ohne dass von Verlagen ein den hohen Kosten entsprechender Mehrwert erbracht wird.“

Der Konflikt ist nicht neu, das Aktionsbündnis „Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft“ weist seit Jahren auf die Missstände der gängigen Total-Buy-out- Praxis hin, bei der die Wissenschaftler alle Nutzungsrechte an die Fachverlage abtreten müssen, um ihre Aufsätze überhaupt veröffentlichen zu dürfen. Dringend müsse ein Zweitverwertungsrecht im Urheberrecht verankert werden, fordert das Bündnis in einer aktuellen Stellungnahme. „Es geht darum, dass wissenschaftliche Urheber nach der kommerziellen Erstveröffentlichung ihre Verwertungsrechte zur nicht kommerziellen Nutzung wiederbekommen“, erklärt Bündnis-Sprecher Harald Müller, der die Bibliothek des Max-Planck-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg leitet. Es müsse den Urhebern erlaubt werden, ihre Publikationen zeitversetzt auch auf Plattformen der Universitäten oder auf ihren eigenen Homepages zu veröffentlichen. Nur so könnten Forschungsergebnisse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. „Und das ist nicht nur das erklärte politische Ziel der Max-Planck-Gesellschaft“, sagt Müller, „das wird in der Wissenschaft von einer breiten Front mitgetragen.“

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