Software erkennt Neben- und Wechselwirkungen von Arzneien

Seite 3 von 3
Computer sollen Behandlung personalisieren : Wegweiser zur besten Krebstherapie

Während Chemotherapien gegen Krebs bislang nur bei etwa 30 Prozent der Patienten anschlagen, hofft Bohlen, dass die Rate mit Systemen wie Molecular Health auf 75 Prozent steigt. Viel wichtiger könnte aber sein, dass maßgeschneiderte Therapien weniger Nebenwirkungen produzieren dürften. Seit 2012 kooperiert die Firma mit der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA und nutzt deren Datenbank für Nebenwirkungsmeldungen von Medikamenten, um Ärzte vor bestimmten Medikamentenkombinationen zu warnen. „Wenn drei Medikamente von ein und demselben Stoffwechselweg verarbeitet werden müssen, dann kann das einen Organismus überlasten und Nebenwirkungen auslösen“, sagt Bohlen. Ein Arzt könne unmöglich alle Kombinations- und Interaktionsmöglichkeiten im Kopf haben, der Computer schon.

Studien müssen Softwarenutzen erst noch belegen

Inwieweit Bohlens oder andere Navigationssysteme dem Patienten wirklich nutzen, werden Studien zeigen müssen. Das weiß auch Bohlen und hat mit dem MD-Anderson-Krebszentrum in Houston, Texas, und dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg solche Programme begonnen, in denen Krebspatienten über Jahre beobachtet werden. Bis Ergebnisse vorliegen und bis dann deutsche Krankenkassen bereit sein werden, jedem Krebspatienten eine Treatment Map zu erstatten, werden noch ein paar Jahre vergehen.

So lange will Bohlen nicht warten. Deshalb hat er sich das „Corporate Oncology Program for Employees“ (Cope) ausgedacht, mit dem Mitarbeitern von Dax-Unternehmen das System angeboten wird. SAP macht den Anfang, weitere folgen, versichert Bohlen. „Die Resonanz war überwältigend“, sagt SAP-Betriebsärztin Lotzmann. Wie viele Patienten das Programm schon genutzt haben, erfahre SAP zwar nicht, weil das Programm über ein „Trust Center Health“ abgewickelt wird, das keinerlei persönliche Daten wie Diagnosen oder Behandlungsergebnisse speichert oder weitergibt. Aber es hätten sich Hunderte von Mitarbeitern über das Programm erkundigt.

Software berät, Arzt entscheidet

Eine Bevormundung der Ärzte in ihrer Therapieentscheidung durch eine Maschine, die auf unübersehbare Daten zurückgreift, befürchtet Lotzmann nicht. „Das System erstellt ja keine Diagnose oder schreibt eine Therapie vor, sondern bereitet dem behandelnden Arzt nur alle zur Verfügung stehenden Daten so auf, dass er eine möglichst informierte Entscheidung fällen kann – nicht mehr aber auch nicht weniger.“ Wie relevant das am Ende für die Patienten ist, ob dadurch tatsächlich die besseren Therapien gewählt werden und die Patienten länger überleben, das werden erst die Studienergebnisse in der Zukunft zeigen.

Artikel auf einer Seite lesen

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: