Neue Perspektive der Rassismusforschung - von den Opfern zu den Tätern

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"Critical Whiteness" : Die unsichtbare weiße Norm

Analog zu dieser Perspektive nahm auch die herkömmliche Rassismusforschung lange die Opfer der Ausgrenzung in den Blick, anstatt sich mit den Tätern zu befassen. Die Critical Whiteness, zu deren Pionieren auch Denker der Entkolonialisierung wie Frantz Fanon gezählt werden, veränderte dann die Perspektive. Fortan schaute man nicht mehr auf die marginalisierten Schwarzen, sondern auf die als „normal“ daherkommenden Weißen, die sich ihrer gesellschaftlichen Privilegien häufig nicht einmal bewusst sind.

Denn vom „racial profiling“, von der Diskriminierung auf der Straße, bei der Ausbildungs-, Arbeits- und Wohnungssuche, bekommt der Nutznießer der Herrschaftsverhältnisse selten etwas mit. Ein als „weiß“ wahrgenommener Mensch hat nie erlebt, dass ihm die Unterzeichnung eines Mietvertrags aufgrund der „falschen“ Haut- oder Haarfarbe verweigert wird; dass auf die bloße Nennung des eigenen Namens am Telefon ein Tuten in der Leitung folgt; dass sein Phänotyp den Türsteher eines vermeintlich weltoffenen Großstadtclubs zu einem „du heute leider nicht“ veranlasst. Für einen als weiß markierten Menschen ist die Hautfarbe schlicht unsichtbar, sie spielt im Alltag keine Rolle. Eine Weiße kann mit ihrem ureigenen Antlitz erscheinen, eine Schwarze wird zunächst auf ihre Hautpigmentierung zurückgeworfen und zum Abstraktum gestempelt, bevor man ihr erlaubt, ein Individuum zu sein.

Toni Morrison begründete Critical Whiteness als akademische Disziplin

Toni Morrison, eine maßgebliche Begründerin der Critical Whiteness als akademischer Disziplin, hat den Ansatz in ihrem bahnbrechenden Werk „Playing in the Dark“ wie folgt beschrieben: „Mein Projekt ist das Bemühen darum, den kritischen Blick vom rassischen Objekt zum rassischen Subjekt zu wenden; von den Beschriebenen und Imaginierten zu den Beschreibenden und Imaginierenden; von den Dienenden zu den Bedienten.“

Auch wenn die Kritische Weißseinsforschung als ein Konzept erscheine, das ohne die amerikanische Geschichte der Rassentrennung kaum vorstellbar sei, lasse sich der Ansatz auch auf Länder übertragen, in denen die Sklaverei und ihre Folgen keine direkte Rolle spielten und wo eine verhältnismäßig geringe Anzahl von Menschen mit schwarzer Hautfarbe lebten, erklärt die in Bayreuth praktizierende Anglistin und Afrikawissenschaftlerin Susan Arndt: „Rassismus ist ein paneuropäisch-westliches Narrativ mit globaler Wirkung und immenser struktureller Macht. Weißsein ist auf der ganzen Welt eine Währung, an der ökonomische, gesellschaftliche und politische Privilegien hängen.“

Harsche Identitätspolitik und penible Sprachregelungen

Wie andere emanzipatorische Projekte auch, ist die „Critical Whiteness“ jedoch nicht davor gefeit, übers Ziel hinauszuschießen und die eigenen Anliegen zu hintertreiben. Wenn die Tugend radikal wird, bildet sie nicht selten jakobinische Züge aus, die Revolution schickt sich an, ihre Kinder zu fressen. Nicht zuletzt in Deutschland haben einige Vertreter der Theorie durch harsche Identitätspolitik, penible Sprachregelung und angemaßte Diskurshoheit selbst Formen von Diskriminierung geschaffen.

So gaben radikale Critical-Whiteness-Aktivisten unter anderem bei einem 2012 in Köln veranstalteten „No-Border-Camp“, das sich eigentlich mit den Bedürfnissen von Geflüchteten befassen sollte, wortwörtlich den Ton an. Die Kommunikation wurde durch aufgestellte Redeverbote gesteuert, „weiße“ Sprecher durften von People of Colour jederzeit ohne Angabe von Gründen in ihren Redebeiträgen unterbrochen werden, Träger von Dreadlocks wurden aufgefordert diese abzuschneiden, da die weiße Adaption dieser schwarzen Haartracht eine Form des „kulturellen Kannibalismus“ sei.

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