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Update
Darmkeim : Gemüsehändlern drohen wegen EHEC massive Einnahmeausfälle
Julia Link

Was genau wissen die Forscher jetzt?

Die RKI-Experten haben Detektivarbeit im Zeitraffer geleistet. Noch am Freitag hatte ein vierköpfiges Team nach den ersten Berichten über eine Häufung von EHEC-Fällen begonnen, in Hamburg Patienten zu fragen, was sie in den vergangenen Tagen gegessen hatten. Mit Hilfe der Antworten war dann der Fragebogen verfeinert worden, um eine größere Gruppe von Menschen gezielt befragen zu können. Die zu Grunde liegende Idee ist simpel: Finde heraus, was die Kranken gegessen haben und die Gesunden nicht, und du hast die Quelle.

Ein Team aus 15 Mitarbeitern befragte dann am Dienstag an Hand des neuen Fragebogens 121 Frauen in Hamburg: 25 waren Patientinnen, die an EHEC erkrankt waren, die anderen 96 stammten aus denselben Wohngebieten, waren aber nicht erkrankt. Die Wissenschaftler befragten nur Frauen, weil diese besonders häufig betroffen waren. „Außerdem ist die Aussagekraft der Studie so stärker, weil die Unterschiede, die geschlechtsabhängig sind, wegfallen“, erklärt Gérard Krause, Leiter der Infektionsepidemiologie am RKI.

Während die Interviewer sich auf den Rückweg machten, wurden die ausgefüllten Fragebögen Blatt für Blatt an das RKI gefaxt und dort bis tief in die Nacht in die Computer eingegeben. Die rechneten dann gestern den Großteil des Tages die Daten durch, ehe das Ergebnis feststand: Kranke Frauen hatten deutlich häufiger rohe Tomaten, Salatgurken und Blattsalate gegessen als gesunde Frauen.

Am deutlichsten fiel das Ergebnis bei Tomaten aus: 92 Prozent der Infizierten hatten in den Tagen vor der Erkrankung rohe Tomaten gegessen. Unter den Gesunden waren es nur etwa 60 Prozent. „Für ein Lebensmittel, das so häufig gegessen wird, ist das ein großer Unterschied“, sagt RKI-Experte Klaus Stark.

Die Ergebnisse für Salatgurken und Blattsalate fielen jeweils etwas schwächer aus. Auch hier waren die Unterschiede aber so groß, dass sie höchstwahrscheinlich nicht durch Zufall zu erklären sind. Deshalb empfahlen RKI und Bundesanstalt für Risikobewertung (BfR) am Abend auf einer gemeinsamen Pressekonferenz, bis auf weiteres rohe Tomaten, Gurken und Salate von der Speisekarte zu streichen.

Wie sicher ist das Ergebnis?

Noch gibt es einige Fragezeichen. Es sei noch nicht klar, ob eines oder mehrere dieser Lebensmittel Ursache der Infektionen seien, sagte RKI-Präsident Burger. „Es ist auch nicht auszuschließen, dass auch andere Lebensmittel noch als Infektionsquelle infrage kommen.“ Da die Untersuchung in Hamburg durchgeführt wurde, ist es theoretisch außerdem denkbar, dass anderswo andere Lebensmittel den EHEC-Keim übertragen. Insgesamt ist sich das Institut aber sicher, auf der richtigen Spur zu sein.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Pressekonferenz war auch eine Art Staffelübergabe. Die Suche nach der Quelle der Infektion hänge jetzt an den Lebensmittelexperten, sagte RKI-Experte Stark. Damit rückt das BfR in den Mittelpunkt des Interesses, das für die Untersuchung von Lebensmitteln verantwortlich ist.

Erleichtern diese Erkenntnisse die Suche?

Lothar Beutin, EHEC-Experte am Bundesinstitut für Risikobewertung, glaubt, dass der seltene Erreger die Suche nach der Infektionsquelle zunächst erschweren könnte. „E.coli O104 ist sehr schwer von normalen E.coli-Bakterien zu unterscheiden“, sagte er. Es gelte jetzt, möglichst schnell einen guten Test für das Bakterium zu entwickeln. Gelingt das, könnte es die Untersuchung des EHEC-Ausbruches dann sogar erleichtern. Denn der seltene Erreger bedeutet auch, dass Ärzte gut unterscheiden können, welche Fälle zum aktuellen Ausbruch gehören und auf eine gemeinsame Quelle zurückzuführen sind und welche nur zufällig zur gleichen Zeit auftreten.

Sind Bio-Produkte besonders betroffen?

Der stellvertretende Geschäftsführer vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft, Peter Röhrig, weist Spekulationen zurück, wonach der Öko-Landbau wegen der Verwendung von Gülle-Dünger ein besonderes Risiko für EHEC-Infektionen berge. Zum einen werde grundsätzlich weder in der konventionellen noch in der ökologischen Landwirtschaft Gemüse in der Vegetationsphase mit Gülle oder Mist gedüngt. „Damit schaden sich Landwirte mehr, denn dadurch werden die Pflanzen verätzt und Schädlinge vermehren sich besser“, so Röhrig. Mit Gülle gedüngt werde höchstens vor der Aussaat. Darüber hinaus werde speziell in der ökologischen Landwirtschaft wenig mit Gülle gedüngt. Gülle entsteht, wenn Tiere auf Spaltenböden stehen, unter denen ihre Ausscheidungen gesammelt werden. Das komme eher in der konventionellen Landwirtschaft vor. (Mit dapd)

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