• Depressionen im Alter: „Ärzte und Psychotherapeuten vernachlässigen ältere Patienten“

Depressionen im Alter : „Ärzte und Psychotherapeuten vernachlässigen ältere Patienten“

Alte Menschen mit Depressionen sind viel zu schlecht versorgt. Aber nicht, weil sie keine Hilfe wollen, sagt die Psychologin Eva-Marie Kessler. Ein Interview.

Bei älteren Menschen werden Depressionen häufig falsch oder gar nicht behandelt.
Bei älteren Menschen werden Depressionen häufig falsch oder gar nicht behandelt.Foto: mauritius images

Depression im Alter wird massiv unterschätzt. So lautet der Hauptbefund des kürzlich veröffentlichten Depressionsbarometers. Warum ist das so?

Ein typisches Vorurteil ist: Im Alter muss man ja depressiv werden. Wenn sich Ältere zurückziehen, nicht gut schlafen können, traurig und antriebslos sind, wird das von vielen nicht als psychische Erkrankung wahrgenommen. Sondern als normaler Zustand, der eben ganz typisch für das Alter ist. So ist auch der Befund aus dem Depressionsbarometer zu verstehen, dass viele Menschen glauben, Depressionen kämen im Alter seltener vor.

Stimmt das?

Nein. Tatsächlich ist es so, dass ältere Menschen ungefähr genauso häufig von einer schweren depressiven Episode betroffen sind wie jüngere. Leichtere depressive Beschwerden, die aber auch behandlungsbedürftig sind, kommen im Alter sogar häufiger vor. Vor allem ältere Menschen mit körperlichen Einschränkungen erkranken häufiger an Depressionen. Ist jemand pflegebedürftig, steigt das Erkrankungsrisiko sogar auf 25 bis 35 Prozent. Solche Menschen sind oft in ihrer Selbstständigkeit eingeschränkt, haben vielleicht auch Schmerzen. Aber auch soziale Faktoren wie ein Umzug oder der Einzug ins Pflegeheim spielen eine große Rolle.

Wie zeigen sich Depressionen im Alter?

Schlafstörungen, Appetitverlust, Kopf-, Bauch- und Gliederschmerzen können erste Anzeichen sein, treten aber auch im Rahmen von körperlichen Erkrankungen auf. Sie sind also nicht sehr spezifisch. Die wichtigsten Symptome der Depression im Alter sind sozialer Rückzug und der Verlust von Antrieb und Interesse.

Eva-Marie Kessler ist Professorin für Gerontopsychologie an der MSB Medical School Berlin.
Eva-Marie Kessler ist Professorin für Gerontopsychologie an der MSB Medical School Berlin.Foto: Jens Jeske

Wie äußert sich das konkret?

Die Menschen verfolgen die Neuigkeiten aus der Nachbarschaft nicht mehr, sie gehen morgens nicht mehr einkaufen. Manchmal haben sie nicht einmal mehr Lust, mit ihren Enkeln zu spielen. Dazu kommen Entscheidungsschwierigkeiten, auch bei kleinen Dingen: Soll ich diese oder jene Zahnpasta kaufen? Auch Konzentrations- oder Gedächtnisstörungen können auftreten. Man vergisst, den Müll runterzubringen oder den Geburtstag des Freundes, an den man bisher immer gedacht hatte. Solche Symptome gehören auch in jüngeren Jahren zu Depressionen dazu. Aber im Alter fallen sie eben mehr auf, weil man insgesamt weniger kognitive Ressourcen hat.

Neben einer medikamentösen Therapie gilt die Psychotherapie als wirkungsvollste Behandlung. Wie sind ältere Menschen damit versorgt?

Schlecht. Nach den Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung macht zwar etwa ein Drittel der jugendlichen Patienten mit Diagnose Depression eine Psychotherapie. Auch bei den jüngeren Erwachsenen sind es noch 20 bis 25 Prozent. Aber zwischen 65 und 69 Jahren gibt es einen richtigen Knick. In dieser Altersgruppe sind es nur noch fünf Prozent, und im noch höheren Alter kann man von einer Nichtversorgung sprechen. Ab 80 sind unter einem Prozent der Depressiven in einer Psychotherapie.

Woran liegt das? Erkennen Ärzte und Psychotherapeuten die Erkrankung nicht?
Ein wichtiger Grund sind tatsächlich die Behandler. Wir haben mehrere Studien durchgeführt, in denen wir Ärzten und Psychotherapeuten Fallbeschreibungen von Menschen mit Depressionen gegeben haben. Darauf stand, in welcher Lebenssituation sie sich befinden und welche Beschwerden sie haben. Dann haben wir die Behandler gefragt, welche Einstellung sie gegenüber den Patienten haben, und wie sie sie behandeln würden. Und jetzt kommt der Clou: Der einen Gruppe haben wir gesagt, der Patient sei 78 Jahre alt, und der anderen, der Patient sei 50. Gingen die Behandler davon aus, dass der Patient älter ist, hatten sie ihm gegenüber mehr negative Gefühle und gaben ihm eine schlechtere Prognose. Sie hielten ihn für weniger psychotherapiefähig, hatten weniger Interesse daran, ihn zu behandeln und hielten sich selbst gleichzeitig auch für weniger qualifiziert dafür. Und: Wenn sie die älteren Patienten behandeln wollten, dann meist medikamentös. Das zeigt, dass auch professionelle Behandler die negativen Altersbilder verinnerlicht haben. Das sind unbewusste Stereotype, die aktiviert werden, wenn man sieht: Da hat jemand graue Haare oder einen Rollator. Das führt dazu, dass Ärzte und Psychotherapeuten ältere Patienten vernachlässigen.

Was ist an dem Vorurteil dran, Psychotherapie bringe im Alter sowieso nichts mehr?

Lange hat man gedacht, mit Menschen über 50 kann man keine Therapie machen, weil das Gehirn sich nicht mehr verändern kann und sich im Laufe des Lebens schon zu viel biografisches Material angesammelt hat. Dabei ist inzwischen gut belegt, dass Psychotherapie auch im höheren Lebensalter wirksam ist. Trotzdem spukt im Jahr 2019 dieses Vorurteil immer noch in unseren Köpfen umher. Auch weil gerontologische Inhalte sowohl in der Psychotherapeuten- als auch in der Facharztausbildung fast keine Rolle spielen. Dann kommt es eben zu der Situation, dass der Hausarzt zwar die Depression erkennt, aber nur Medikamente verschreibt. Obwohl in der medizinischen Leitlinie ausdrücklich steht, dass Menschen über 65 Jahren eine Psychotherapie angeboten werden soll.

Wollen ältere Menschen das denn?

Ältere Menschen stehen einer Psychotherapie positiver gegenüber, als oft angenommen wird. Es gibt repräsentative Studien, dass viele gegenüber einer Psychotherapie genauso positiv eingestellt sind wie gegenüber Medikamenten. Das zeigen auch die neuen Befunde des Depressionsbarometers. Demnach wären 64 Prozent der Befragten über 70 bereit, eine Psychotherapie in Anspruch zu nehmen.

Trotzdem gibt es – wie auch bei Jüngeren – viele, die keine Therapie machen wollen. Aus welchen Gründen?

Eine zentrale Barriere ist die Annahme: Ich muss es alleine schaffen. Hilfe anzunehmen ist für viele mit Scham verbunden. Auch haben Ältere meist keine Erfahrung mit Psychotherapie, daher sind sie erst einmal skeptischer. Aber auch hier spielen internalisierte Altersbilder eine Rolle: „Dafür bin ich zu alt.“ „Ich kann mich nicht mehr verändern.“ In unseren eigenen Studien sehen wir: Wer solche negativen Altersbilder hat, ist gegenüber einer Psychotherapie negativer eingestellt. Und wer glaubt, Interessenverlust und Antriebslosigkeit gehören eben zum Alter dazu, der geht deshalb vielleicht auch nicht zum Arzt.

Wie sollte man sich als Angehöriger in so einer Situation verhalten?

Man sollte nicht gleich eine Psychotherapie anregen, sondern erst einmal schauen, was man selbst tun kann. Das ist oft schwer genug. Denn häufig strahlen Depressive einerseits aus, dass sie Hilfe brauchen, gleichzeitig aber: Lass mich in Ruhe, du kannst mir nicht helfen. Das tut Angehörigen leid, auf der anderen Seite merken sie aber, dass sie nichts richtig machen können, weshalb sie sich gelähmt und hilflos fühlen. Das spüren wiederum depressive Ältere sehr gut und schlussfolgern dann für sich: Ich belaste doch nur alle. Umso wichtiger ist es, Äußerungen wie „Du bist ja nie zufrieden“ oder Appelle wie „Jetzt raff dich doch mal auf“ zu vermeiden. Depression ist keine Willensfrage.

Wie kann man eine Psychotherapie thematisieren, ohne mit der Tür ins Haus zu fallen?

Erst sollte man als Angehöriger in einer ruhigen Minute die Dinge ansprechen, die man beobachtet. Dann empfehle ich, erst einmal vorzuschlagen, zum Hausarzt zu gehen. Wichtig ist, ganz konkrete Hilfe anzubieten, also Namen und auch Termine vorzuschlagen. Nicht einfach nur: Mach mal eine Psychotherapie.

Aber selbst wenn der Arzt die Depression richtig diagnostiziert: Die Wartezeiten für eine Psychotherapie sind lang, zudem sind viele Ältere nicht mehr mobil genug, um jede Woche zu einer Therapie zu gehen. Was müsste sich ändern?

Es müsste viel mehr Teamstrukturen geben. Am besten wären Tandems zwischen Hausärzten und Psychotherapeuten. Fast alle über 75 gehen einmal im Quartal zum Arzt. Wenn dieser einen festen psychotherapeutischen Ansprechpartner hat, kann er die Patienten viel besser vermitteln. Wir brauchen aber auch Strukturen, die es erlauben, dass der Therapeut bei Bedarf zum Beispiel ins Pflegeheim oder nach Hause kommt.

Gerade läuft in Berlin und den angrenzenden Gebieten Brandenburgs das von Ihnen geleitete Modellprojekt PSY-CARE. Mit welchem Ziel?

Wir wollen älteren Menschen mit Pflegebedarf den Zugang zu einer Psychotherapie ermöglichen. An der Studie können über 60-jährige Menschen mit Pflegegrad teilnehmen. Seit vergangenem Frühjahr haben wir schon 140 Teilnehmer in das Projekt aufgenommen. Die Hälfte davon bekommt eine ambulante Psychotherapie. Wenn Patienten stark in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, kommen die Therapeuten auch zu ihnen nach Hause. Das ist die erste Studie weltweit, die multimorbide hochaltrige Patienten untersucht. Ich setze sehr darauf, dass sich die Erfahrungen über das Projekt hinaus in die Regelversorgung tragen lassen. Weil wir als Psychotherapeuten auch älteren Patienten sehr viel anzubieten haben.

Die PSY-CARE-Studie wird von der Medical School Berlin in Zusammenarbeit mit der Charité durchgeführt und vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschuss gefördert. Noch bis März 2020 können Patienten aufgenommen werden. Interessierte können sich unter 030 766 8375 838 oder info@psy-care.de melden. Teilnehmen kann jeder, der älter als 60 Jahre ist, einen Pflegegrad hat und depressionstypische Beschwerden zeigt. Weitere Informationen finden sich unter www.psy-care.de.

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