Der kleinste Urvogel oder nur eine Art Eidechse? : Mini-Dino in Bernstein entdeckt

Rätselhafter Fund aus Myanmar: Der fossile Schädel eines „Augenzahnvogels“ hat Merkmale von Dinosauriern, Vögeln und Eidechsen.

Kleiner als der kleinste lebende Kolibri: Ein 99 Millionen Jahre altes Fossil könnte ein Mini-Urvogel gewesen sein.
Kleiner als der kleinste lebende Kolibri: Ein 99 Millionen Jahre altes Fossil könnte ein Mini-Urvogel gewesen sein.Bild: Han Zhixin/Nature

„Als ich dieses Exemplar zum ersten Mal sah, war ich baff“, erinnert sich Jingmai O’Connor von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking: „Man sieht einen schönen, winzig kleinen Vogelschädel, der in einem Stück Bernstein erhalten geblieben ist.“

Er ist nur 7,1 Millimeter groß, etwas kleiner als der 8,8 Millimeter große Schädel des kleinsten Kolibris der Welt, des Zwergelfen, und stammt mit 99 Millionen Jahren Alter aus der Zeit der Dinosaurier. Offenbar handelt es sich beim „Augenzahnvogel“ Oculudentavis khaungraae, so nennt das Forschungsteam um O’Connor das Tier im Fachblatt „Nature“, um einen Mini-Urvogel.

So kleine Fossilien sind selten

Vögel entwickelten sich vor etwa 160 Millionen Jahren aus einer Gruppe dinosaurierartiger Reptilien. Die von O’Connor in einem Bernsteinklotz entdeckte Art wäre der kleinste bisher bekannte Dinosaurier. Dass es neben dem bekannten riesigen Tyranno- oder Bronchiosaurus auch sehr kleine Dinos gab, ist wahrscheinlich, obwohl es kaum Fossilien gibt, die davon zeugen könnten.

Das liegt daran, dass die Überreste kleiner Tiere leichter zerbrechen und zermahlen werden, wenn sie nach dem Tod in Sand, Schlamm und Lehm eingebettet werden und versteinern, erklärt Roger Benson von der Universität Oxford ebenfalls in „Nature“.

Der „Augenzahnvogel“. :Seit 99 Millionen Jahren in Bernstein eingeschlossen.
Der „Augenzahnvogel“. :Seit 99 Millionen Jahren in Bernstein eingeschlossen.Foto: Lida Xing

Ein besonderer Zufall sorgte für die Konservierung von Oculudentavis khaungraae: Als vor 99 Millionen Jahren im heutigen Myanmar das Harz von Nadelbäumen auf den Schädel des Urvogels tropfte, bettete es diesen ein und bewahrte so auch feine Strukturen, als es langsam zu Bernstein erstarrte. Ähnlich blieben dort auch die Überreste von Insekten und sogar von Eidechsen erhalten.

Schon zuvor hatten die Forscher um Jingmai O’Connor in Bernstein eingebetteten Überreste von acht Vögeln der urtümlichen Enantiornithes-Gruppe gefunden, die vor rund 130 bis 66 Millionen Jahren lebten. Auch diese Tiere waren klein, nur war von keinem von ihnen ein ganzer Schädel oder ein Teil davon erhalten geblieben. Umso größer war die Freude über den aktuellen Fund. 

Irgendwas zwischen Dino, Eidechse und Vogel

„Allerdings passt dieses Fossil kaum zu den anderen Vögeln der Enantiornithes-Gruppe“, erklärt Gerald Mayr vom Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main, Spezialist für ausgestorbene Vögel und an den Untersuchungen nicht beteiligt. Jingmai O’Connor und ihre Kollegen halten eine deutlich nähere Verwandtschaft zu den Dinosauriern für wahrscheinlich, weil der gefundene Schädel einige recht ungewöhnliche Eigenschaften hat.

So hatte Oculudentavis khaungraae sehr große Augenhöhlen mit einer jeweils relativ kleinen Öffnung in den Schädeln. Diese Eigenschaften sind typisch für Vögel, die am hellen Tag aktiv sind. „Allerdings ist die Form der kleinen Knochen, die einen Ring um die Augen bilden, typisch für Eidechsen, aber nicht für Vögel und Dinosaurier“, sagt Mayr.

Zähne bis unters Auge

Andererseits hat der fossile Schädel eine lange Schnauze, die kaum zu einer Eidechse passt. In den Kiefern des Tieres saßen offensichtlich mehr als hundert winzige Zähne – wie die Urvögel der Enantiornithes-Gruppe. Jingmai O’Connor und ihre Kollegen vermuten daher, dass Oculudentavis khaungraae nicht wie heutige Kolibris Nektar aus Pflanzen saugte, sondern Insekten und andere kleine Tiere jagte.

Dass sich die Zähne aber „bis unter die Augenhöhle“ und damit „viel weiter nach hinten als bei anderen urtümlichen Vögeln“ ziehen, wundert Mayr. Außerdem seien die Zähne mit den Kieferknochen verwachsen, „was bei vielen Eidechsen üblich ist“. Ausgerechnet die beiden Eigenschaften, nach denen „Oculudentavis“, der „Augenzahnvogel“, benannt ist, passen daher eher zu einer Eidechse als zu einem Dinosaurier oder einem Vogel.

Wie so oft beim Fund von Fossilien scheint also das letzte Wort noch nicht gesprochen zu sein: Ob Oculudentavis khaungraae tatsächlich ein urtümlicher Vogel war oder vielleicht doch etwas ganz anderes, lässt sich wohl erst entscheiden, wenn weitere Funde auftauchen, die Teile vom Skelett dieses seltsamen Tieres zeigen.

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