Deutsches Forschungsschiff : Die Polarstern erreicht fast eisfreien Nordpol

Durch brüchiges Eis und offenes Wasser: Was die Crew des Forschungsschiffs Polarstern auf dem Weg zum Nordpol beobachtet, beunruhigt die Forschenden.

Das Forschungsschiff Polarstern ist inmitten von tauenden Eisschollen zu sehen.
Die Polarstern auf dem Weg zum Nordpol. Handout des Alfred-Wegener-Instituts (Aufnahme vom 17. August 2020).Foto: Steffen Graupner/Alfred-Wegener-Institut/dpa

Das Forschungsschiff Polarstern hat auf dem letzten Fahrtabschnitt seiner Arktis-Expedition Mosaic den nördlichsten Punkt der Erde erreicht. „Es war ein unglaublich schneller Ritt“, sagt Expeditionsleiter Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremen.

„Wir hatten einen breiten Bereich mit geringer Eiskonzentration und dünnem Eis.“ Gestartet war die Polarstern auf der Nordseite Grönlands. Normalerweise sei das Seegebiet dort so dicht bedeckt mit teilweise mehrjährigem Meereis, dass eine Fahrt dort nicht empfehlenswert sei, erklärt Rex.

„Es ist erschreckend zu sehen, wie dünn das Meereis ist und wie schnell es schmilzt. Es muss dringend etwas passieren. Die Arktis kann nicht lange warten.“ Das AWI hatte bereits im Juli mitgeteilt, dass die arktische Meereisausdehnung so gering ist, wie es seit Beginn der Satellitenmessungen für den Monat Juli noch nie beobachtet wurde.

[Lesen Sie hier, wie die Polarstern Anfang August zum Nordpol aufbrach: Mit einem lauten Knall]

"Wir sind größtenteils im offenen Wasser bis 87 Grad 30 Nord gelangt, oft mit Wasserflächen bis zum Horizont", beschreibt Markus Rex laut AWI diesen Teil der Reise. Das Meereis sei in dieser Region wegen der hohen Temperaturen großflächig geschmolzen.

Er sei sehr erstaunt, wie sehr das Eis dieses Jahr bis 88 Grad Nord angetaut sei "und dementsprechend weich und löchrig", berichtet auch Polarstern-Kapitän Thomas Wunderlich. "Sogar nördlich von 88 Grad Nord sind wir meist mit fünf bis sieben Knoten unterwegs, das habe ich soweit im Norden noch nicht erlebt."

Ausgedehnte Flächen offenen Wassers bis fast zum Pol

Das sei eine Veränderung von historischem Ausmaß. "Jetzt finden wir hier erstmals ausgedehnte Flächen offenen Wassers fast bis zum Pol vor."

Das arktische Eis erreicht gewöhnlich im März seine größte und im September seine geringste Ausdehnung. Im September 2012 war mit 3,4 Millionen Quadratkilometern die bislang kleinste Eisfläche seit 1979 beobachtet worden, im September 2019 die zweitgeringste Ausdehnung. Ob die Negativ-Rekorde in diesem Jahr noch einmal getoppt werden, werde sich im September zeigen, so Rex.

Wissenschaftler hantieren vor einem Forschungsschiff mit Messgeräten, die sie deinstallieren.
Seit Oktober 2019 hatte die Crew der Polarstern rund 550 Kilometer vom Nordpol entfernt an einer Eisscholle angedockt.Foto: Lisa Grosfeld/Alfred-Wegener-Institut/dpa

Die Polarstern ist seit elf Monaten auf ihrer Mosaic-Mission in der Arktis unterwegs. Zunächst driftete sie mit einer riesigen Scholle mit, Ende Juli zerbrach diese. Seitdem fährt der Eisbrecher unter Motor wieder Richtung Norden.

„Wir werden über den Nordpol hinaus Richtung Sibirien fahren, um uns eine neue Eisscholle zu suchen“, sagt Rex. Dort wollen die Wissenschaftler den beginnenden Gefrierprozess beobachten. Es ist das letzte Puzzlestück, das den Forschern in der Beobachtung des Jahreszyklus des Eises in der Arktis fehlt.

Mosaic soll neue Erkenntnisse über die komplexen Umweltprozesse in der Region in bislang unbekannter Detailtiefe liefern. Sie gilt als das bislang aufwändigste und größte Forschungsvorhaben, das in der Arktis bisher gestartet wurde. Beteiligt sind Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus zahlreichen Ländern, die Teams auf der Polarstern wurden mehrfach ausgetauscht. Die Ergebnisse sollen etwa dabei helfen, Klimamodelle zu verbessern. (dpa; AFP)

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