• Die Berliner Unis starten ins digitale Semester: „Die ersten Wochen haben die meisten Dozenten im Kasten“

Die Berliner Unis starten ins digitale Semester : „Die ersten Wochen haben die meisten Dozenten im Kasten“

Wie klappt das digitale Semester? Der Vizepräsident der TU Berlin über Dozierende vor der Kamera, Studierende ohne Computer und Online-Prüfungen.

Gestreamte Vorlesung - so wird das jetzt beginnenden Semester für viele Studierende aussehen.
Gestreamte Vorlesung - so wird das jetzt beginnenden Semester für viele Studierende aussehen.Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa

Hans-Ulrich Heiß ist Professor für Kommunikations- und Betriebssysteme und seit 2012 Vizepräsident für Lehre und Digitalisierung der Technischen Universität Berlin.

Am Montag startet das digitale Semester. Wie wird das Lehrangebot der TU im Vergleich zu einem „normalen“ Semester aussehen?
Es wird einen Großteil der Lehrveranstaltungen geben. Wir liegen im Moment bei einer Abdeckungsquote von 80 bis 90 Prozent. Das ist natürlich auch von den jeweiligen Studiengängen abhängig. In der Chemie, wo viele Laborpraktika stattfinden, die wir so unter diesen Bedingungen nicht durchführen können, sind es eher 70 Prozent, bei anderen Studiengängen sind es 90 Prozent. Insgesamt werden wir jetzt 1500 Lehrveranstaltungen digital an den Start bringen.

Was ist neu, auf welche bestehenden digitalen Kurse können Sie zurückgreifen?
Zu 95 Prozent sind die neu für die digitale Lehre vorbereitet worden, übrigens auch weitgehend aus dem Homeoffice der Dozierenden. Die grundsätzlichen didaktischen Konzepte und Inhalte sind in den meisten Fällen allerdings beibehalten worden. Wir unterscheiden dabei zwischen asynchronen und synchronen Lehrveranstaltungen.

Was bedeutet das?
Asynchron heißt: Die Lehrveranstaltung wird vorher aufgezeichnet und steht dann als Lehrvideo auf unserer Plattform zur Verfügung. Da ist natürlich noch nicht alles fürs Sommersemester vorproduziert. Die meisten haben aber die ersten Wochen schon im Kasten und werden die restlichen Wochen zu Hause weiter produzieren.

Was ist mit dem direkten Kontakt zu den Studierenden?
Den wollen wir natürlich auch haben: Wenn man sich direkt im digitalen Raum austauscht, sind das synchrone Veranstaltungen. Deswegen folgen wir dem Prinzip des Flipped Classrooms. Man hat die Lehrvideos, von denen erwartet wird, dass die Studierenden sich das vorher zu Hause anschauen und verstehen.

Dann gibt es eine Frage- und Antwort-Sitzung online mit einem Videokonferenz-Tool, wo Fragen gestellt werden können. Wir wollen in den meisten Bachelor-Vorlesungen begleitende Tutorien durchführen, Übungsblätter sollen bearbeitet werden. Auch dafür kommen Videokonferenz-Tools ins Spiel.

Werden Sie große Einführungsvorlesungen in Kooperation mit anderen Unis anbieten, sodass nicht jede Uni in Deutschland dieselbe Vorlesung aufzeichnen muss?
Das haben wir in der Kürze nicht geschafft. Da gibt es jetzt zwar eine Initiative auf der Ebene der TU9….

… das ist der Zusammenschluss von neun großen Technischen Universitäten in Deutschland.
Da haben wir die einzelnen Lehrveranstaltungen identifiziert, von denen wir glauben, dass sie bei allen Universitäten in gleicher Form und ähnlichem Inhalt durchgeführt werden. Aber das ließ sich organisatorisch nicht innerhalb von vier Wochen umsetzen.

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Gibt es eine Kooperation mit FU und HU, den beiden anderen großen Berliner Unis?
Nicht dass ich wüsste. Es kann sein, dass auf der Ebene der kollegialen Zusammenarbeit etwa bei den Mathematikern oder Physikern das eine oder andere gemeinsam auf die Beine gestellt wurde. Aber im Großen und Ganzen war auch hier die Zeit zu knapp für ein koordiniertes Vorgehen. Wir tauschen uns aber ständig aus, wie läuft es bei der einen Uni, wie bei der anderen Hochschule. Da stehen wir in Kontakt.

Für digitale Lehre brauchen Studierende zu Hause einen Computer, der entsprechend ausgerüstet ist. Was passiert mit Studierenden, die nicht darüber verfügen?
Wir haben einzelne Anfragen bekommen, aktuell rund 40. Wir haben glücklicherweise gerade rund 100 Notebooks bestellt, die wir für den Einsatz von E-Klausuren vorgesehen hatten, also digitale Klausuren im Hörsaal. Das ist nun auch nicht möglich. Wir werden diese Notebooks also bedürftigen Studierenden zur Verfügung stellen.

Hans-Ulrich Heiß, Vizepräsident der TU Berlin
Hans-Ulrich Heiß, Vizepräsident der TU BerlinFoto: TU/David Ausserhofer

In gleicher Weise sind wir auch dabei eine Lösung zu finden für Studierende, die zu Hause keinen Internetzugang haben. Auch da wird es Geräte geben, die man ausleihen kann, ohne gleich einen 24-Monate-Vertrag abschließen zu müssen.

Wenn Tausende Studierende gleichzeitig auf Streams zugreifen – wie stellen Sie sicher, dass die Übertragungen nicht zusammenbrechen?
Bisher haben wir die Systeme bei uns im Rechenzentrum gehostet. Das werden wir jetzt ändern und eine Cloudlösung installieren. Die Studierenden wählen sich nicht bei uns an der TU ein, sondern bei einem Cloudanbieter, wo die Kapazitäten in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen. Aber auch wir haben unsere Bandbreite und unsere Serverkapazitäten erhöht. Denken Sie an die ganzen Videos, die da abgelegt werden müssen – die sind ganz schön speicherfressend.

Wie waren die Dozenten darauf vorbereitet, so spontan Vorlesungen zu Hause aufzunehmen? Nehmen die das eigene Handy?
Ganz so primitiv geht es dann doch nicht. Einige wenige machen es mit ganz professionellen Kamerasystemen vor der Tafel. Die sind dann auch im Ganzkörperbild zu sehen.

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wBei den meisten läuft es aber so ab: Sie sitzen zu Hause, haben eine von uns zur Verfügung gestellte Schwanenhalskamera, die auf ein Tablet gerichtet ist. Darauf sieht man die Folien. Per Hand kann man Annotationen machen, gleichzeitig wird ein Audio aufgezeichnet. In vielen Fällen sieht man die Dozentin also gar nicht, sondern hört sie nur.

Was können Sie an interaktiven Seminaren anbieten, die für Studierende mehr bieten als sich nur eine aufgezeichnete Vorlesung anzuschauen?
Praktisch alle unsere Seminare werden in Form von Videokonferenzen stattfinden. Da können die Studierenden Materialien einblenden – wenn jemand einen Vortrag hält, kann man dem also die Vortragsleitung übertragen, man sieht die Person auch. Es kann eine Gruppendiskussion stattfinden, es gibt sogar Möglichkeiten, dass sich Untergruppen zu einer eigenen Diskussion zurückziehen. Das läuft praktisch eins zu eins wie bei einem physisch stattfindenden Seminar ab.

Muss man bei solchen interaktiven Veranstaltungen den Datenschutz zurückstellen? Bei vielen der Anbieter gibt es dabei Lücken.
Das war in der Tat ein Problem. Die Nachfrage nach dem Programm Zoom war bei uns groß. Viele Hochschullehrer haben gesagt, sie kommen mit unserem bisher verwendeten Programm nicht klar, mit Zoom dagegen phantastisch. Auch Kollegen in den USA würden das einsetzen. Es gab wenig Verständnis dafür, warum das an der TU nicht möglich sein soll, weil die Datenschutzbeauftragte Probleme bei Zoom sieht.

Wir haben das dann alles gut recherchiert und geprüft. In der Business-Version von Zoom sind die Datenschutzaspekte konfigurierbar. Man kann das datenschutzkonform ausgestalten, und das werden wir jetzt auch für die Lehre freigeben.

Wie wollen Sie am Ende des Semesters Prüfungen organisieren? Bei „Fernprüfungen“ können Sie kaum sicherstellen, dass Studierende allein arbeiten.
Bei mündlichen Prüfungen ist das relativ einfach: Die finden normalerweise mit drei Personen statt: Prüfer, Beisitzer, Prüfling. Das machen wir mit den Videokonferenz-Tools, da sieht man die Leute, und die können auch den Studentenausweis in die Kamera halten zur Identitätsprüfung. Wichtig sind die großen Klausuren mit mehreren Hundert Teilnehmenden. Wir haben etwa zehn Systeme identifiziert, die behaupten, die Authentifizierung der Prüflinge sicherzustellen und zu verhindern, dass unzulässige Hilfsmittel benutzt werden.

Interaktive Karte

Wie wird das verhindert?
Man muss schon Abstriche machen. Wir unterscheiden zwischen Koffer-Klausuren und Nicht-Koffer-Klausuren. Bei Koffer-Klausuren kann man alle Lehrmittel heranziehen und alles nachschlagen. Die Nicht-Koffer-Klausuren sind so konzipiert, dass es gar nicht erforderlich ist, Hilfsmittel zu benutzen. Also wird man jetzt wohl eher letztere nehmen.

Sie haben es bereits angesprochen: Es gibt Fächer, wo Praktika nötig sind. Werden diese ausfallen?
Bei einigen wenigen Praktika gibt es schlaue Software, die die sogar ermöglichen könnte. Aber im Großen und Ganzen ist das ein digital nicht lösbares Problem. Wir schieben das nach hinten und hoffen, dass wir irgendwann am Ende des Semesters, in den Semesterferien oder im Herbst eine Gelegenheit finden, diese Laborpraktika nachzuholen.

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Was wird die TU von den neuen digitalen Vorlesungen für die Nach-Corona-Zeit behalten?
Ich denke schon, dass viele ihre Lehrvideos im kommenden Sommersemester wieder verwenden werden. Und vielleicht haben manche Gefallen daran gefunden und wollen das Wintersemester ähnlich gestalten und die dortigen Veranstaltungen ebenfalls aufzeichnen. Wir bieten da ja meistens etwas anderes an als im Sommer. Die digitale Lehre wird auf jeden Fall einen Riesenschub bekommen.

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