Die letzten ihrer Art : Der große Insektenkundlerschwund

Nicht nur Käferarten sind vom Aussterben bedroht. Auch die Expertenspezies, die sie kennt, wird rarer.

Käfer-Experten wie Hans Mühle (l.) und Franz Wachtel gibt es immer weniger.
Käfer-Experten wie Hans Mühle (l.) und Franz Wachtel gibt es immer weniger.Foto: Tobias Hase/dpa

Einmal im Urlaub, da hechtete Michael von Bressensdorf unten ohne auf einer Düne Käfern hinterher. Weil er sie mit der bloßen Hand nicht zu fassen kriegte, hatte er das Netz in seiner Badehose kurzerhand zum Kescher umfunktioniert. „Zum Glück hat das nur meine Frau gesehen“, erzählt er beim allmonatlichen „Käfer-Stammtisch“ – oder wie es offiziell heißt: Arbeitstreffen interessierter Coleopterologen an der Zoologischen Staatssammlung München (ZSM).

Nachwuchsmangel unter Taxonomen

Auch wenn es Stammtisch heißt: Statt Bier und Brez’n stehen Mikroskope auf den Tischen, und vor Regalreihen voll Kästen präparierter Käfer fachsimpeln sie, zu welcher Art das grüne Exemplar vor ihnen gehört, legen Datenbanken über Funde am Computer an und tauschen Fachliteratur.

Was auffällt: alles Männer, fast alle mit grauen Haaren. Mit 55 Jahren ist von Bressensdorf beinahe der jüngste unter den gut 15 Teilnehmern. „Wir haben einen, der ist 24“, sagt Hans Mühle, selbst 72 und Experte für Prachtkäfer. „Im Grunde sind wir graue Männer.“

Nachwuchsmangel bei Artenbestimmern, sogenannten Taxonomen, ist schon länger Thema – auch auf professioneller Ebene. Der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland etwa spricht von einer „Krise der Taxonomie“: „Die Ansprüche an einen Taxonomen, der den modernen Erfordernissen gerecht wird, sind hoch, die Ausbildungsmöglichkeiten an Hochschulen lassen aber meist zu wünschen übrig“, heißt es auf der Homepage. „Die Mehrheit der derzeit ausgebildeten Biologen hat keine gehobenen Anforderungen an genügende Artenkenntnisse mehr.“ Exakte Bestimmung sei aber auch wirtschaftlich wichtig – etwa bei einer invasiven Art, die in Deutschland nicht heimisch ist: „Je frühzeitiger diese erkannt und dann bekämpft werden kann, desto kostengünstiger fallen die Maßnahmen aus.“

Unbekannte Arten bestimmen? Dafür wird kaum Geld ausgegeben

Auch Steffen Pauls, Leiter der Sektion Entomologie III am Senckenberg-Forschungsinstitut Frankfurt, sagt, an Universitäten habe die Bestimmung von Arten während des Studiums an Bedeutung verloren. Und Geld in der Forschung werde eher für anderes ausgegeben. Dabei seien viele Arten noch unbekannt – gerade bei Bodenorganismen. Für einzelne Gruppen gebe es weltweit nur eine Handvoll Experten.

Hintergrund sei die demografische Entwicklung: „Da stirbt uns große Expertise weg“, sagt Pauls. Er sieht aber auch eine mögliche Trendwende: „Bis vor wenigen Jahren mussten wir in Museen noch erklären, was Biodiversität ist.“ Das sei heute anders. Spätestens die Krefelder Studie zum Insektensterben habe Politik und Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert.

So heißt es in einem Antrag der Bundestagsfraktionen von Union und SPD aus dem Jahr 2017, Taxonomie sei mehr als nur die Basis des Artenschutzes. „Sie ist die grundlegende Wissenschaft für weite Bereiche der Lebenswissenschaften, von der Biodiversitätsforschung über die Wirkstoffforschung bis zur Infektionsmedizin.“ Es sei aber schwierig, Forschungsmittel einzuwerben. Die Zahl entsprechender Lehrstühle habe deutlich abgenommen. Forschung sei immer mehr an außeruniversitäre Einrichtungen ausgelagert worden und somit von der Ausbildung getrennt. „Diesem Trend muss entgegengewirkt werden.“

Ohne Amateurforscher geht es nicht

Und das Bundesforschungsministerium erklärt, die Forschung zur Biodiversität erhalte noch stärkere Priorität im Förderportfolio. Um Auswirkungen auf Ökosysteme abzuschätzen, müssten der Zustand und Veränderungen von biologischer Vielfalt erfasst werden. „Gerade hier wird die Taxonomie wesentliche Erkenntnisse liefern können und demzufolge in entsprechende Förderprojekte auch zukünftig einbezogen werden.“ Wichtig seien zudem Netzwerke zwischen den relevanten Institutionen wie Hochschulen, Forschungsmuseen und Staatssammlungen.

Dabei sind es vor allem die Amateure, die ihr Fachwissen beisteuern. „Kein Staat bezahlt einen dafür, dass man den ganzen Tag Käfer sammelt“, sagt von Bressensdorf vom Münchner Käfer-Stammtisch. Sein Kollege Mühle fährt im Jahr für seine Leidenschaft an die 40 000 Kilometer. In zig Ländern war der ehemalige Förster schon unterwegs. Prachtkäfer aus aller Welt werden ihm zum Bestimmen geschickt.

Einfach sammeln? Nicht ohne Genehmigung!

Aber die Hürden für Einsteiger seien hoch, sagt Mühle: „Seit den 80er Jahren brauchen wir eine Genehmigung, dass wir sammeln dürfen.“ Je nach Schutzstatus des Gebiets seien andere Behörden zuständig. „Doch wenn man sich noch keinen Namen gemacht hat, bekommt man oft gar keine Antwort.“ Das gelte auch bei Ein- und Ausfuhren von Käfern.

Stachelkäferexperte Herbert Fuchs meint, ein weiteres Problem sei der verloren gegangene Bezug zur Natur. In den Schulen sei das kein Thema mehr. Gerade in der Stadt ekelten sich die Menschen eher vor Käfern, vor allem Erwachsene. „Wir müssen den Leuten die Scheu nehmen.“

Hinzu kommen die Kosten: Insektenschränke, Bestimmungsbücher, ein gutes Mikroskop – da kommen schnell einige tausend Euro zusammen. „Dafür sind die Käfer umsonst“, sagt von Bressensdorf. Marco Krefting (dpa)

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