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Digitale Bildung „besorgniserregend“ : Jeder dritte Schüler kann mal gerade E-Mails öffnen

Die IT-Ausstattung ist teils katastrophal, digitale Kompetenzen der Schüler sind mau: Das zeigt die neue ICILS-Schulstudie. Aber es gibt auch positive Trends.

Barbara Gillmann
Auf einem Schularbeitstisch liegen ein Tablet-Computer und Stifte auf einem Schulheft.
Der Tablet-Computer gehört noch lange nicht für alle Kinder zur selbstverständlichen Ausstattung für den Unterricht.Foto: Wolfram Kastl/picture alliance/dpa

Die Schulen in Deutschland haben sich bei der digitalen Bildung zwar auf den Weg gemacht, Schulleitungen und Lehrkräfte schätzen das Thema als viel wichtiger ein als noch vor fünf Jahren. Wegen der schlechten IT-Ausstattung wirkt sich das aber immer noch kaum auf die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler aus, diese liegen im internationalen Vergleich weiterhin im Mittelfeld.

Das sind die zentralen Ergebnisse der internationalen ICILS-Studie, die Medienkompetenzen von Achtklässlerinnen und Achtklässlern untersucht. Die Studie wurde am Dienstag veröffentlicht. Die Potenziale digitaler Bildung „werden in Deutschland weiterhin längst nicht ausgeschöpft“, heißt es in der Studie. Wie schon bei der Vorgängeruntersuchung vor fünf Jahren liegt Deutschland im Mittelfeld der getesteten Länder.

In die Studie flossen Testergebnisse von 3655 Schülerinnen und Schülern aus 210 Schulen in Deutschland ein. Über die Ausstattung ihrer Einrichtung wurden zudem 2386 Lehrkräfte befragt. Die Studie wurde vor dem Abschluss des Digitalpakts in Deutschland erhoben.

Dänemark – das als einziges europäisches Land ebenfalls an beiden ICILS-Studien teilnahm – schneidet erneut deutlich besser ab als Deutschland und hat seinen Vorsprung sogar ausgebaut. Höhere Werte als Deutschland erzielen im Bereich „Computational Thinking“ auch Südkorea, Finnland, Frankreich und die USA. Insgesamt beteiligt waren 14 Länder, die Untersuchung wurde von der IEA organisiert, einer internationalen Bildungsvereinigung; teilweise auch nur bestimmte Regionen von Ländern.

Ein Drittel erreicht nur basale Medienkompetenzen

„Besorgniserregend“ sei, dass ein Drittel der Jugendlichen in Deutschland nur die unteren Kompetenzstufen erreicht, heißt es in der Studie. Diese Schüler verfügen lediglich über sehr rudimentäre und basale computer- und informationsbezogene Kompetenzen.

„Sie können gerade mal E-Mails öffnen, Links anklicken oder ein Wort in einen Text einfügen", sagte die deutsche Studienleiterin Birgit Eickelmann, Pädagogik-Professorin von der Uni Paderborn, bei der Vorstellung. Dass die Achtklässler in Deutschland gegenüber der ersten Studie kaum dazu gelernt hätten, sei auch gesellschaftspolitisch höchst bedenklich: „Die allermeisten können Informationen im Netz nicht so einordnen, dass sie beurteilen können, ob es sich dabei um Propaganda handelt oder nicht.“

"Engagement der Lehrkräfte ist gestiegen"

Umgekehrt schaffen nur 1,9 Prozent die höchste Kompetenzstufe 5, was in anderen Ländern allerdings ähnlich ist. Der größte Teil (42,9 Prozent) erreicht die Kompetenzstufe 3: Sie sind in der Lage, unter Anleitung Informationen zu ermitteln oder Dokumente mit Hilfestellungen zu bearbeiten.

Trotz der ernüchternden Ergebnisse hält Eickelmann fest: „Das Engagement der Lehrkräfte und Schulleitungen ist gestiegen." Sie macht das zum Beispiel daran fest, dass inzwischen 23,1 Prozent der Lehrkräfte täglich digitale Medien im Unterricht nutzen. Vor fünf Jahren waren das nur 9,1 Prozent. Schulleitungen halten wesentlich häufiger das Lernen mit digitalen Medien für relevanter als zuvor.

[Lesen Sie hier ein Interview mit der Studienleiterin: Wie digitales Lernen in der Schule gelingen kann]

Warum kommen diese Bemühungen aber nicht bei den Schülerinnen und Schülern an, warum haben sich die Kompetenzen seit 2013 nicht verbessert? Eickelmann erklärte das zum einen mit einem „sehr lehrkräftezentrierten Einsatz von digitalen Medien“. Diese würden vor allem genutzt, um Informationen im Frontalunterricht zu präsentieren, nicht aber für individualisiertes Lernen, wie es etwa in Dänemark viel stärker verbreitet sei.

Nur ein Viertel der Schulen verfügt über WLAN

In vielen Fächern gebe es zudem Leerstellen: So berichten zwei Drittel der Schüler, dass digitale Medien nicht in Deutsch, Fremdsprachen und Mathematik genutzt werden.

Dazu kommt, dass es bei der Ausstattung der Schulen noch immer gravierende Mängel gibt – „was immer mehr Lehrkräfte selber als sehr kritisch einschätzen“, wie Eickelmann sagt. Nur 26,2 Prozent der Jugendlichen besuchen eine Schule, in der sowohl die Lehrkräfte als auch die Schüler Zugang zu einem schulischen WLAN haben. International ist Deutschland damit weit abgeschlagen, im internationalen Schnitt verfügen 64,9 Prozent der Schulen über WLAN. „Die von digitalen Medien geprägte Lebenswirklichkeit der Schüler trifft also auf Schulen, die ausstattungsmäßig immer noch in der Kreidezeit sind“, sagt Eickelmann.

In Dänemark können Schüler und Lehrkräfte sogar an allen Schulen ins W-Lan. Das Land hatte vor wenigen Jahren eine Milliarde Euro in einen Digitalpakt für die Schulen gesteckt, flächendeckende Internetzugänge ermöglicht und Endgeräte für nahezu alle Schüler. Zudem entwickelte es digitale Werkzeuge für die wichtigsten Fächer.

Der deutsche Digitalpakt für die Schulen wirkt eher bescheiden

Der gerade anlaufende deutsche Digitalpakt mit seinen 5,5 Milliarden Euro wirkt da eher bescheiden, bedenkt man, dass Deutschland mehr als zehnmal so viele Einwohner hat wie Dänemark. Der Pakt könne „nur eine Anschubfinanzierung“ sein, sagte Eickelmann. Es dürfe nicht passieren, dass die Ausstattung schon in wenigen Jahren veraltet sei und „dann nur für Frust sorgt“. Insgesamt kommt in Deutschland ein Computer auf fast zehn Schüler, vor fünf Jahren waren es elf. Bei Tablets und Laptops ist das Verhältnis bedeutend schlechter.

Andere Beispiele, wie Deutschland teilweise hinterhinkt: An nur 3,2 Prozent der Schulen statten alle Lehrkräfte mit einem eigenen tragbaren digitalen Endgerät aus. International sind das im Schnitt 24,1 Prozent, in Dänemark sogar 91,1 Prozent. Auch gebe es in Deutschland unter den Lehrkräften zwar eine große Nachfrage nach Weiterbildungen zu digitalen Medien, sagte Eickelmann – in der Fläche seien die Angebote dafür aber bei weitem nicht ausreichend.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sprach von einem „vernichtenden Zeugnis“, ähnlich äußerte sich der Verband Bildung und Erziehung (VBE). Der VBE hob die besorgniserregend enge Kopplung des sozio-ökonomischen Hintergrunds der Schüler und ihrer Ergebnissen hervor – auch das seit langem ein Problem des deutschen Bildungssystems. Die GEW forderte, der kritische Umgang mit Medien müsse endlich Kern des Bildungsauftrags werden.

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