Digitale Geisteswissenschaften : Freiheit für das kulturelle Welterbe

Digitalisierung macht Kulturerbe global verfügbar. Doch politische Zensur und die Macht von Google stehen dagegen. Ein Gastbeitrag.

Gerhard Lauer
Besuchermassen stehen im Louvre vor dem Bildnis der Mona Lisa.
Gefühlte Nähe. Obwohl die „Mona Lisa“ hochauflösend im Internet studiert werden kann, nimmt der Andrang auf das Original im Louvre...Foto: imago stock and people

Wer diesen Sommer im Urlaub ist, hat gute Chancen, in seiner Nähe einen Ort des Weltkulturerbes besuchen zu können. Mehr als tausend dieser Orte gibt es auf der Welt, sehr viele davon in Europa. Was die kleine blau-weiße Plakette anzeigt, ist mehr als nur ein unverbindlicher Hinweis auf eine Sehenswürdigkeit. Die Plakette ist vielmehr das Ergebnis einer gewachsenen Überzeugung, dass es ein allen Menschen gemeinsames kulturelles Erbe gibt. Das klingt einleuchtend und doch hat es eines jahrhundertelangen Prozesses bedurft, dieser Idee zum Durchbruch zu verhelfen. Im Zeitalter einer digitalen Weltgesellschaft könnte das kulturelle Erbe wie niemals zuvor das Erbe der Menschheit sein. Aber das ist es entgegen aller Verträge und Konventionen noch nicht.

Schon die Antike hatte Orte wie die Pyramiden von Gizeh oder den Koloss von Rhodos im kulturellen Gedächtnis herausgehoben und als sieben Weltwunder für Jahrhunderte kanonisiert. Doch zeichnet es die europäische Tradition nicht bloß aus, solche Orte im kulturellen Gedächtnis verankert zu haben. Was die europäische Tradition besonders macht, ist die Verknüpfung der Erinnerung mit Kritik.

Kulturerbe, Kritik und Menschenrechte gehören zusammen

Als sich im 16. und 17. Jahrhundert die modernen Wissenschaften herauszubilden begannen, gehörte der kritische Umgang mit dem eigenen Erbe zu den Anforderungen an die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Quellen. Das wird wohl nirgends so deutlich wie am bisher größten Editionsprojekt, den „Acta Sanctorum“, ein Vorhaben, das über mehr als drei Jahrhunderte die Taten der Heiligen geprüft hat. Um zu beurteilen, ob etwa der Hl. Bruno wirklich die Wunder vollbracht hat, die ihm die Kartäuser zuschreiben, mussten Dokumente untersucht und Siegel auf ihr wahres Alter analysiert werden.

Neue Fächer wie die Diplomatik und Sphragistik, die Urkundenkunde und Siegelkunde, wurden von Gelehrten wie dem Jesuiten Daniel Papebroch oder dem Benediktiner Jean Mabillion entwickelt. Hier hat die Religion die Kritik angetrieben. Kein Zufall, dass die erste kritische Edition, die mit einem Computer schon 1949 erstellt wurde, von einem Jesuiten, Pater Roberto Busa, erarbeitet wurde. Kritik und kulturelles Erbe gehören daher in Europa schon historisch eng zusammen. Und das stört heute nicht wenige.

Noch etwas provoziert an dem Konzept des kulturellen Erbes: die Idee der Menschenrechte. Das liegt vor allem an der Aufklärung und ihrer Vorstellung, es gäbe ein allen Menschen gemeinsames kulturelles Erbe, die am wirkmächtigsten der Abbé Gregoire formuliert hat. Die Gemälde Nicolas Poussins gehören nicht nur dem König und die Musik Giorgio Allegris, sein berühmtes „Miserere“, das Mozart nach einmaligem Hören aus dem Kopf niedergeschrieben haben soll, gehört nicht nur dem Papst, sondern allen Menschen. Daher müsse das Urheberrecht an jedem Werk nach einer Frist wieder an die Gesellschaft zurückfallen. Wenn alle Menschen ein Recht an der Kultur haben, dann deshalb, so der Abbé, weil alle Menschen Kultur haben.

Grégoire forderte die Sklavenhaltergesellschaft heraus

Das zu behaupten, war in feudalen Zeiten und ihrer Überzeugung, dass Menschen von Geburt an ungleich seien, schlicht revolutionär. Grégoire forderte die Sklavenhaltergesellschaft heraus, als er mit seiner Sammlung „De la littérature des nègres“ demonstriert hat, dass auch die versklavten Schwarzen eine Literatur haben und auch deshalb Sklaverei ein abzuschaffendes Unrecht ist. Kultur ist unteilbar, Kultur macht gleich, gerade in ihrer Unterschiedlichkeit. Sie ist auf das Engste mit der Idee der Menschenrechte verknüpft. In dem Konzept des kulturellen Erbes kommen Antike, Christentum und Aufklärung zusammen.

Die Haager Konvention von 1954 formuliert diesen Zusammenhang sehr deutlich: „Beschädigung des kulturellen Eigentums eines Volkes bedeutet die Beschädigung des kulturellen Erbes der Menschheit, da jedes Volk seinen Beitrag zur Kultur der Welt leistet.“ Weitere Verträge sichern heute auch die immaterielle Überlieferung wie Lieder oder Tänze. Immer ist der Zusammenhang, der in der europäische Kulturerbe-Konvention von Faro 2005 formulierte: „... dass Rechte in Bezug auf das Kulturerbe dem Recht zur Teilnahme am kulturellen Leben innewohnen, so wie es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte definiert wird“. Kulturelles Erbe, Kritik und Menschenrechte gehören untrennbar zusammen.

Die radikalen Islamisten haben daher zielgenau den Konsens der Weltgemeinschaft attackiert, als sie 2001 die Buddha-Statuen von Bamiyan oder 2015 die antike Oasenstadt Palmyra gesprengt haben. Aber nicht nur der politische Fanatismus fordert den so mühsam über die Jahrhunderte erworbenen Konsens über den Umgang mit der Kultur heraus.

20.000 Lohnschreiber arbeiten in China an einer neuen "Wikipedia"

Verfahren der intelligenten Zensur tun das nicht weniger, prominent derzeit in der Volksrepublik China. 20.000 Lohnschreiber der Regierung haben 2018 begonnen, eine parteikonforme Wikipedia zu schreiben, damit die größte Bevölkerung der Welt nur das weiß, was ihre Regierung für richtig hält. Gezielt wird unter Xi Jinping das kulturelle Erbe von Kritik und Menschenrecht abgekoppelt. Andere Entwicklungen sind nicht weniger besorgniserregend. Google verfügt heute über die meisten im Volltext lesbaren Bücher, vermutlich mehr als 40 Millionen. Das Vorhaben verdankt sich dem Bücherenthusiasmus der Google-Gründer Sergey Brin, Larry Page und Marissa Mayer. Das ist großartig. Aber auch Google ist nicht unsterblich und ein Unternehmen mit zuerst wirtschaftlichen Interessen.

Das Wissen der Welt, das sich in den Büchern findet, gehört so immer weniger Menschen. Es ist damit kein kulturelles Erbe mehr, das allen gehört. Und das gilt noch mehr für das Wissen der Wissenschaften, das sich heute vier große Verlagskonsortien teilen, Reed-Elsevier, Springer Taylor & Francis, Wiley and Blackwell. Damit gehört der Gesellschaft immer weniger das Wissen, das Kultur und Wissenschaften erbringen. Kulturelles Erbe, Kritik und Menschenrechte driften auseinander – ausgerechnet im digitalen Zeitalter, das nicht unerheblich von dem Versprechen angetrieben wird, durch das Internet die Welt zu einem weniger zentralisierten Ort zu machen.

Genau hier entstehen Oligopole, wird Zensur vereinfacht und das kulturelle Erbe viel weniger geteilt als digital möglich. Denn Computer und Internet ermöglichen ein historisch einmaliges Teilen der Kultur, etwa von Filmen und Musik über Netflix und Spotify. Auf Plattformen wie Wattpad werden jeden Tag mehr 100 000 Geschichten geschrieben, kommentiert und gelesen. Bestsellererfolge wie „Fifty Shades of Grey“ wurden auf sozialen Plattformen publiziert, bevor sie den globalen Buchmarkt angetrieben haben.

Ein schmaler Kanon der Kultur zieht die Aufmerksamkeit der Welt auf sich

Kultur ist längst digital geworden und die Digitalisierung treibt die Ästhetisierung unserer Lebenswelt weiter voran. Autoren wie John Green schreiben nicht nur herausragend gute Jugendbücher wie zuletzt „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“. Er versucht auch mit Videoblogs der Jugend zu erklären, was gerade in Syrien passiert, und warum es wichtig ist, in die Schule zu gehen. Die „Nerdfighters“, wie sich John Greens Weltpublikum nennt, darunter Benedict Cumberbatch, sind die Aufklärer der Gegenwart mit digitalen Mitteln.

Digitales Teilen von Kultur ist heute eine Selbstverständlichkeit. Immer mehr Museen und Archive machen ihre Sammlungen im Netz zugänglich, erlauben die Reproduktion ihrer Schätze selbst in 3-D-Druckern. Anfangs hatten viele befürchtet, dass das Kunstwerk im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit das Original entwerte und keiner mehr ins Museum gehen würde. Das Gegenteil ist eingetreten.

Die Auratisierung des Originals nimmt im digitalen Zeitalter exponentiell zu. Das Louvre-Museum muss immer größere Absperrungen errichten, weil immer mehr Menschen die „Mona Lisa“ im Original sehen wollen, obwohl sie das Bild im Internet hochauflösend studieren können. Man kann diese Entwicklung eines Weltkulturerbes auch die Popindustrialisierung der Kultur nennen, weil ein schmaler Kanon der Kultur fast alle Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich zieht.

All das spricht für die Möglichkeit einer Demokratisierung der Kultur in einem weltgeschichtlich einmaligen Ausmaß. Schon heute können Manuskriptblätter, die auf verschiedene Bibliotheken der Welt verteilt werden, virtuell wieder zu dem Gesamtmanuskript zusammengeführt, das es einmal war. Man kann in 3-D wieder ausdrucken, was der Fanatismus zerstört hat.

Aber das kulturelle Erbe kann nur geteilt werden, wenn nicht Gesetze wie das geplante Upload-Filtergesetz der EU solches Teilen weitgehend unterbinden, sich die Gesellschaften darauf verständigen, welche Datenstandards weltweit genutzt werden sollten, wie das kulturelle Wissen nicht nur Oligopolen gehören könnte und wie wir die Zensurierung durch die Politik verhindern können. Von kulturellem Erbe kann nur dort gesprochen werden, wo es mit Kritik und mit Menschenrechten verbunden ist. Alles andere wäre bloße Ideologie oder bestenfalls simple Tourismusförderung. Kulturelles Erbe ist mehr.

Gerhard Lauer lehrt Digital Humanities an der Universität Basel. Sein Text basiert auf einem Vortrag beim Berliner Akademientag "Geisteswissenschaften 3.0 – Weltkulturerbe bewahren".

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