Digitalisierung im Museum : Von Mammuts und Mondfahrten

Mit digitaler Technik werden Bestände dokumentiert, bevor sie verloren gehen könnten – und Besucher ins All geschickt.

Rasante Tour über die Mondoberfläche mit dem "Lunar Rover".
Rasante Tour über die Mondoberfläche mit dem "Lunar Rover".Grafik: Deutsches Museum/Time in the Box GmbH

Die Räder des offenen Zweisitzers schleudern Steinchen vom staubigen Boden auf, immer wieder neigt sich das Gefährt bedenklich zur Seite. Einer der Insassen verträgt die holprige Fahrt nicht. Auch der spektakuläre Blick ins All kann das flaue Gefühl im Magen nicht vertreiben. „Mir wird schon nach einer Minute schlecht“, gesteht Helmuth Trischler, Forschungschef des Deutschen Museums in München. Dabei rumpelt der Historiker nicht wirklich mit dem „Lunar Rover“ über die staubige Mondoberfläche – eine Datenbrille gaukelt ihm die Szenerie vor. Das Rütteln übernimmt eine Apparatur, auf der der Nachbau des Rovers steht, mit dem die Astronauten von Apollo 15, Apollo 16 und Apollo 17 in den Jahren 1971 und 1972 tatsächlich über den Mond fuhren.

Dank digitaler Technologien kann der Besucher des Deutschen Museums nicht nur den „Rover“ steuern. Er kann auch neben Bertha Benz Platz nehmen, die im August 1888 den dreirädrigen, motorgetriebenen Wagen ihres Mannes Carl auf der ersten Langstreckenautofahrt der Weltgeschichte lenkte. Oder via Datenbrille Otto Lilienthal beobachten, der 1891 im brandenburgischen Derwitz als erster Mensch in einem Gleitflugzeug stolze 15 Meter durch die Luft segelte.

Moderne Datentechnik aber kann noch mehr. Sie macht der Öffentlichkeit auch die unzähligen in Depots und Magazinen gelagerten Schätze zugänglich, die – zum Beispiel aus Platzgründen – bisher nur Forscher zu Gesicht bekamen. „Im Depot sollen diese Sammlungen auch bleiben“, erklärt Helmuth Trischler. Gleichzeitig sollen sie aber fotografiert und in allen drei Dimensionen gescannt werden. „Dadurch erhalten wir ,digitale Zwillinge’ der Originale“, beschreibt der Historiker. Um ergänzende Daten erweitert, sind diese anschließend für alle Interessierten frei im Internet zugänglich.

In Rio ging ein großer Teil des kulturellen Erbes von Brasilien verloren

Das Deutsche Museum arbeitet dabei mit weiteren Einrichtungen wie dem Deutschen Bergbau-Museum in Bochum, dem Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven, dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, dem Römisch- Germanischen Zentralmuseum in Mainz sowie verschiedenen Einrichtungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin zusammen. Hinzu kommt die Expertise der Universität Göttingen und des FIZ (früher Fachinformationszentrum) Karlsruhe – Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur; beide forschen seit Jahrzehnten auf diesem Gebiet. Ab 2021 soll es losgehen mit der Digitalisierung der deutschen Kulturgeschichte – unter dem Namen „Kulturhistorische Sammlungen als digitaler Wissensspeicher für Forschung, Lehre und öffentliche Vermittlung“ oder kurz „KultSam“.

Die digitalen Daten sind gleichzeitig eine Rückversicherung: „Als in Rio de Janeiro am 2. September 2018 das brasilianische Nationalmuseum abbrannte, ging ein großer Teil des kulturellen Erbes der Nation verloren“, bedauert Helmuth Trischler. So wurden zum Beispiel Tonaufnahmen der Sprachen indigener Völker zerstört, die längst niemand mehr spricht. „Gegen solche Katastrophen sind auch etliche Einrichtungen in Mitteleuropa schlecht geschützt“, weiß Christoph Häuser vom Museum für Naturkunde (MfN) in Berlin. So warten nicht nur beim MfN, sondern auch bei etlichen anderen Museen und Sammlungen im Land Gebäude seit Jahren auf Gelder für eine Grundsanierung.

Die naturwissenschaftlichen Sammlungen Deutschlands beginnen 2019 mit der Digitalisierung

Vielen alten Funden lassen sich mit modernen Verfahren erstaunliche Geheimnisse entlocken. So können Forscher zum Beispiel aus einer Mumie oder den Überbleibseln eines vor zehntausend Jahren gestorbenen Tieres Teile oder sogar das gesamte Erbgut isolieren. Dadurch wiederum erfahren sie, welche Fellfarbe ein Mammut hatte oder welche Infektionskrankheiten die Menschen der Steinzeit dahinrafften. Solch detaillierte Erbgutanalysen gibt es erst seit Kurzem. Wären die Objekte vorher einer Katastrophe zum Opfer gefallen, wären die Informationen für immer verloren gegangen.

Immerhin beginnen die naturwissenschaftlichen Sammlungen Deutschlands gerade, ihre rund 150 Millionen Sammlungsobjekte digital zu erfassen. Allein 30 Millionen davon befinden sich im Berliner Naturkundemuseum, das auch die Federführung für das Projekt „DCOLL“ – „Deutsche naturwissenschaftliche Sammlungen als integrierte Forschungsinfrastruktur“ – übernimmt. Unter diesem Namen sollen von 2019 bis 2026 mindestens die Hälfte der Sammlungsobjekte im MfN, im Botanischen Garten und Museum Berlin, in der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlung Bayerns, im Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart, bei der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung, im Zoologischen Forschungsmuseum Alexander König und in der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen digital erschlossen werden.

„Die Daten stehen dann Wissenschaftlern aus aller Welt zur Verfügung, beschleunigen ihre Forschung und ermöglichen neue Ansätze und Fragestellungen“, sagt „DCOLL“-Projektleiter Christoph Häuser. Dafür werden 360 Millionen Euro veranschlagt. Das Geld dürfte gut angelegt sein.

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