• Diskussion über Masern-Impfpflicht: "Es ist falsch, nur mit dem Finger auf die Impfgegner zu zeigen"

Diskussion über Masern-Impfpflicht : "Es ist falsch, nur mit dem Finger auf die Impfgegner zu zeigen"

Braucht es eine Impfpflicht? Nicht unbedingt, sagen Forscher. Sie verweisen darauf, dass Impflücken auch durch andere Maßnahmen geschlossen werden könnten.

Kleine Kanüle, große Diskussion: Nicht alle sehen in der Impfpflicht eine sinnvolle Maßnahme.
Kleine Kanüle, große Diskussion: Nicht alle sehen in der Impfpflicht eine sinnvolle Maßnahme.Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Kommt die Impfpflicht für Masern in Deutschland? Darüber diskutieren gerade der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Lauterbach hatte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland gesagt, er sei "zuversichtlich, dass wir demnächst einen entsprechenden Vorschlag machen können". Auslöser waren Meldungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sowie des Kinderhilfswerks Unicef über einen weltweiten Anstieg von Masernfällen. Zusätzlich an Fahrt gewonnen hatte die Debatte nach einem Masernausbruch an einer Schule im niedersächsischen Hildesheim vor zwei Wochen.

Die Pflicht beeinflusste Impfskeptiker negativ

Damit geht die Debatte um die Impfpflicht in die nächste Runde. Dabei gibt es bisher wenig wissenschaftliche Evidenz, was eine solche Pflicht bringen würde. Eine der wenigen Studien zum Thema führten im Jahr 2015 Wissenschaftler der Universität Erfurt und der RWTH Aachen durch. Sie versuchten herauszufinden, was die Einführung einer teilweisen Impfpflicht – wie sie jetzt für die Masern diskutiert wird – für das restliche Impfprogramm bedeuten würde, unter der Annahme, dass diese anderen Impfungen freiwillig bleiben würden.

In der Studie wurde eine Gruppe zu einer ersten (fiktiven) Impfung verpflichtet und durfte sich dann bei der zweiten frei entscheiden, ob sie diese wahrnehmen wollte oder nicht. In der anderen Testgruppe setzten die Forscher von vornherein auf Freiwilligkeit.

Es zeigte sich, dass die Impfpflicht vor allem die Einstellung von impfskeptischen Personen negativ beeinflusste: Deren Impfbereitschaft sank um 39 Prozent gegenüber der Gruppe, in der beide Entscheidungen freiwillig waren. "Sie holen sich ihre eingeschränkte Entscheidungsfreiheit zurück, indem sie sich aktiv gegen die anderen Impfungen entscheiden", sagte Cornelia Betsch von der Uni Erfurt dem Tagesspiegel.

Die Psychologin erforscht, warum sich Menschen nicht impfen lassen und leitete die damalige Studie gemeinsam mit Robert Böhm von der RWTH Aachen. Ihre Schlussfolgerung: Impflücken sollten anders geschlossen werden als mit einer – zumal teilweisen – Impfpflicht. Andere Staaten seien in den vergangenen Jahren wieder von einer Impfpflicht abgekommen. Die Gründe, warum Menschen sich nicht impfen lassen, müssten genauer untersucht werden.

Es gibt keine zentrale Stelle, die Impfungen erfasst

"Es ist falsch, nur mit dem Finger auf die Impfgegner zu zeigen", sagte Betsch. Die hartnäckigen Verweigerer seien in Deutschland nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung. "Wir müssen uns um den Rest kümmern." Dass zu viele nicht gegen Masern geimpft seien, habe auch mit strukturellen Hürden im Impfsystem zu tun. Dort müsse man ansetzen, lange bevor man über eine Impfpflicht nachdenke.

Viele Menschen entschieden sich nicht absichtlich gegen das Impfen, sondern sie vergäßen es einfach oder wüssten nicht, wann die nächste Impfung fällig sei. Das könne man etwa dadurch verhindern, indem man Impfungen in Kitas und zur Schuleingangsuntersuchung anbiete. Aktuell werde dort zwar der Impfpass geprüft, häufig jedoch nur darauf verwiesen, welche Impfungen noch fehlten. Effektiver sei es, die fehlenden Impfungen direkt vor Ort nachholen zu können.

Ein solches Aufsuchen der Impflinge gab es etwa in der DDR. Die Ärzte kamen in Krippen, Kindergärten und Schulen, verbunden mit einer generellen Impfpflicht. Bis zum 18. Lebensjahr hatte jeder DDR-Bewohner insgesamt 17 Impfungen über sich ergehen zu lassen. Man wurde angeschrieben, wenn die nächste Impfung fällig war. Für eine solche Lösung – allerdings ohne die Impfpflicht dahinter – plädiert auch Betsch. "Dafür braucht es dringend eine zentrale Stelle, die Informationen darüber sammelt, wer wann gegen welche Krankheit geimpft wird."

Diese Aspekte würden bei der aktuellen Diskussion um die Impfpflicht viel zu wenig beachtet, so Betsch. "Wenn man das deutsche Impfsystem anschaut, kann man sich eigentlich wundern, dass die Impfraten so hoch sind."

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