Dramatische Lage in manchen Bundesstaaten : Die Überforderten Staaten von Amerika

Das Coronavirus breitet sich in den USA drastisch aus, Kliniken sind überfüllt. Doch Trump ist weiter gegen eine landesweite Maskenpflicht. Ein Überblick.

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Die Flagge der USA
Die Flagge der USAFoto: Frank May/dpa

Während sich die Pandemie in vielen Staaten weltweit abzuschwächen scheint, nehmen die USA gerade den umgekehrten Weg: Das Virus breitet sich dort seit Wochen wieder dramatisch aus. Die Vereinigten Staaten sind sowohl hinsichtlich der Ansteckungs- als auch der Totenzahlen das mit Abstand am härtesten von der Pandemie betroffene Land der Welt. Und jetzt noch der Nationalfeiertag am 4. Juli.

Zum 4. Juli zieht es die US-Bürger zu Familientreffen und Picknicks ins Freie, außerdem gibt es Feuerwerke. Dies schürt Sorgen, dass die Infektionsraten weiter hochschnellen könnten. Man fühlt sich an den Anfang des Jahres zurückversetzt als die Welt nach China blickte als Millionen Menschen dort - trotz Lockdown in Wuhan - zum Neujahrfest aufbrachen und das Virus im Land verteilten.

Was am Wochenende auf die USA zukommt, ist ungewiss. Präsident Trump lädt rund 7500 Anhänger zu den Präsidentenmonumenten am Mount Rushmore in South Dakota ein, Florida will seine Strände weitgehend offenhalten. Andere Bundesstaaten schließen Bars und führen eine Maskenpflicht ein. Hier ein Überblick über die Lage im Land.

Die Fallzahlen in den USA: Binnen eines Tages wurden in der Zählung der Nachrichtenagentur Reuters über 55.000 Neuinfektionen festgestellt. Das ist Reuters zufolge der weltweit höchste jemals gemeldete tägliche Anstieg. Am späten Donnerstag wurden 55.274 neue Fälle registriert. Bislang lag der Rekord in Brasilien, das am 19. Juni 54.771 Neuinfektionen bekanntgab.

Insgesamt wuchs die Zahl der Coronavirus-Infektionen in den USA nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität auf 2,735 Millionen an. Zuletzt wurden den Angaben zufolge weitere 649 Todesfälle verzeichnet, womit die Gesamtzahl der registrierten Covid-19-Toten auf 128.677 stieg.

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Und die Infektionszahlen in den USA steigen rasant: Noch vor zwei Wochen betrug die Zahl der täglichen Neuinfektionen etwa 22.000. Der Pionier in der HIV-Forschung und Regierungsberater Anthony S. Fauci hatte erst Anfang der Woche davor gewarnt, dass die Schwelle von 100.000 Neuinfektionen am Tag überschritten werden könnte, sollten keine flächendeckenden Maßnahmen wie das Tragen von Masken oder Abstandsregeln befolgt werden.

Reaktion des Präsidenten: US-Präsident Trump redete die Gefahr am Donnerstag (Ortszeit) bei einer Pressekonferenz klein und feierte zugleich die relativ guten Arbeitsmarktzahlen. Es gebe noch vereinzelte Corona-Brandherde, diese würden aber schnell bekämpft. „Wir löschen die Flammen oder Feuer“, sagte er nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa. „Wir verstehen diese schreckliche Krankheit jetzt.“ Die Öffnung des Landes gehe „viel schneller“ als erwartet.

Trump forderte zudem, dass auch die Kirchen in den Vereinigten Staaten wieder geöffnet werden sollten. Am Mittwoch hatte er dem Fernsehsender Fox Business noch gesagt, das Virus werde „irgendwann gewissermaßen einfach verschwinden“.

Trumps designierter Herausforderer bei der Präsidentschaftswahl im November, der Demokrat Joe Biden, widersprach Trump deutlich: „Das ist einfach keine ehrliche Bewertung von dem, was geschieht“, sagte Biden. Für ihn und viele Amerikaner sei die Entwicklung besorgniserregend, doch der Präsident weigere sich, das Thema anzusprechen. An einigen Orten im Land würden die Notfallbetten in den Krankenhäusern bereits knapp.

Mehrere demokratische Senatoren hatten bereits am Mittwoch angekündigt, das Verhalten der Regierung in einer parteiübergreifenden Kommission untersuchen lassen zu wollen.

„Von Anfang an wurde die Reaktion der Verwaltung auf die Covid-19-Pandemie durch Versorgungsengpässe, mangelnde Koordination und die Unfähigkeit, das Virus einzudämmen, erschwert“, sagte die kalifornische Senatorin Dianne Feinstein in einer Mitteilung. Es gehe jetzt darum, Lehren für kommende Pandemien zu ziehen.

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Entwicklung in einzelnen Bundesstaaten: War zu Beginn der Pandemie noch New York im Nordosten des Landes das Epizentrum, so breitet sich das Coronavirus nun nach Süden und Westen aus. Allein in Florida wurden am Donnerstag mehr als 10.000 neue Fälle registriert – so viele wie noch nie an einem Tag in dem Bundesstaat mit seinen 21 Millionen Einwohnern.

In Texas liegt die Zahl der Neuinfektionen momentan bei über 6000 pro Tag, drei mal so hoch wie noch im April.

Anfang April noch breitete sich das Virus vor allem in großen Städten aus. Zeitweise war beinahe die Hälfte der täglichen Neuinfektionen in den USA auf Fälle in New York City zurückzuführen, wie die „New York Times“ berichtet. Doch nun verlagern sich die Fälle stärker auf ländliche Regionen.

Um die Ansteckungswelle zu stoppen, setzten einige Bundesstaaten die bereits eingeleiteten Lockerungen von Auflagen aus. Bars und Strände wurden geschlossen, Feuerwerke zum bevorstehenden Unabhängigkeitstag am Samstag abgesagt.

Debatte über Maskenpflicht: Die US-Bundesstaaten gehen mit der Maskenpflicht unterschiedlich um. Vizepräsident Mike Pence erklärte vor einem Besuch in Florida, er sehe keine Notwendigkeit für eine landesweite Maskenpflicht. Zusammen mit Präsident Trump unterstütze er die Entscheidungen einiger Bundesstaaten, bei den schon angelaufenen Lockerungen zu pausieren. Zwischen Trump und den Gouverneuren herrscht nicht immer Einigkeit über das Vorgehen im Kampf gegen das Coronavirus.

Der Gouverneur des US-Bundesstaates Texas vollzog am Donnerstag (Ortszeit) eine Kehrtwende und führte eine Maskenpflicht ein. Diese gelte für alle Bezirke mit über 20 Fällen, kündigte der Republikaner Greg Abbott an. Führende demokratische Politiker aus den Ballungsräumen von Texas fordern diesen Schritt seit Monaten, Abbott hielt ihn aber wie viele Republikaner bislang nicht für nötig. Nun sei es aber unbedingt erforderlich, sagte er in einer Videobotschaft.

Er folgte damit der Linie von mehr als einem Dutzend Bundesstaaten. Der Schritt war dennoch bemerkenswert. Abbott hatte im Juni noch gesagt: „Die Regierung kann nicht vorschreiben, dass Einzelpersonen Gesichtsmasken tragen müssen.“

Weiter sagte Abbott: „Wir müssen uns wieder darauf konzentrieren, die Ausbreitung zu stoppen. Aber dieses Mal wollen wir Texas nicht wieder schließen.“ Abbott ordnete allerdings zudem ein Verbot von Versammlungen mit mehr als zehn Teilnehmern an. Zudem gelten ab sofort Abstandsregeln.

In Florida führte der bevölkerungsreichste Bezirk Miami-Wade als Reaktion auf die Infektionszahlen eine Maskenpflicht im öffentlichen Raum ein.

Trump dagegen hält weiter nichts von einer landesweiten Maskenpflicht und zeigt sich auch selbst nicht mit Mund- und Nasenbedeckung. Im Interview mit dem Sender Fox betonte er, in den USA gebe es genug Orte, an denen ausreichend Abstand eingehalten werden könne.

Er habe persönlich aber keine Probleme damit, eine Maske zu tragen. „Ich hatte sogar eine Maske auf (und) ich mochte irgendwie, wie ich ausgesehen habe“, sagte er. „Es war eine dunkle, schwarze Maske und ich fand, es sah in Ordnung aus.“ Er habe ausgesehen wie „Lone Ranger“, eine fiktive Figur, die unter anderem aus Westernfilmen bekannt ist – und eine Augenmaske trägt. Die Äußerung löste in den sozialen Netzwerken Häme aus.

Lage in den Krankenhäusern: Die steigenden Zahlen wirken sich momentan drastisch auf die Situation der Krankenhäuser in Texas aus. In der texanischen Metropole Houston sind die Krankenhäuser so überfüllt, dass Patienten in Einrichtungen in anderen Städten verlegt werden müssen. Manche Krankenhäuser beklagen Medikamentenknappheit, Personalmangel ist in den meisten Krankenhäusern mittlerweile an der Tagesordnung. Vor den Testzentren reihen sich lange Warteschlangen, Notaufnahmen können nicht alle Patienten aufnehmen.

Auch in den Bundesstaaten Mississippi, Tennesee, Nevada und Arizona füllen sich die medizinischen Einrichtungen in rekordartiger Schnelligkeit. „Ich glaube, es ist ziemlich offensichtlich, dass wir nicht in die richtige Richtung steuern“, sagte der renommierte Immunologe Anthony S. Fauchi der „Washington Post“ zufolge.

Zeichnungen von Kindern an der Tür eines Covid-Patienten im United Memorial Medical Center Anfang Juli.
Zeichnungen von Kindern an der Tür eines Covid-Patienten im United Memorial Medical Center Anfang Juli.Foto: AFP

Im Bundesstaat Arizona, wo sich das Virus momentan nahezu unkontrolliert ausbreitet, ergriffen Krankenhäuser Maßnahmen, um ihre Kapazitäten auszuweiten. Die Zahl der Betten auf den Stationen wurde verdoppelt, planbare Operationen verschoben und Personalverstärkung aus anderen Bundesstaaten gerufen. Das Vorgehen der Einrichtungen ähnelt der Strategie in New York City und auch in Italien, als sich die Pandemie dort in der Hochphase befand.

Dennoch: nicht überall steigen die Patientenzahlen in Krankenhäusern. Dies sei jedoch kein Grund zur Beruhigung. Wie die Epidemiologin Saskia Popescu von der University of Arizona erklärt, steigen die Patienten- sowie die Todeszahlen erst mit einer Verzögerung an. „Wenn man sich die Zahlen ansieht, kann man absehen, dass die Kapazitäten der Krankenhäuser in den kommenden Wochen schnell schwinden könnten."

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Und überlastete Krankenhäuser führen zum Anstieg von Todeszahlen - nicht nur unter Covid-19-Patienten, die nicht bedarfsgerecht behandelt werden können. Auch andere Patienten, die vielleicht gar keine medizinische Hilfe suchen oder erhalten, sind so indirekt betroffen. Seit Februar sind bis zu 49.000 mehr Todesfälle von Nicht-Covid-Patienten registriert worden als erwartet, wie das Center for Disease Control and Prevention ausgewertet hat.

Situation und Reaktion der Wirtschaft: Führende Wirtschaftsvertreter appellierten an das Weiße Haus, es müsse in Zusammenarbeit mit den Gouverneuren Regelungen für das verpflichtende Tragen von Masken in der Öffentlichkeit ausarbeiten.

Die vergangenen Wochen hätten bewiesen, dass auf Freiwilligkeit basierende Richtlinien nicht ausreichten, um die Gesundheit der Menschen zu schützen, hieß es in einem offenen Brief, der unter anderem vom Vorstandsvorsitzenden der US-Handelskammer unterzeichnet wurde, wie die dpa berichtet.

Ohne stärkere Maßnahmen zur Eindämmung der Virusausbreitung drohe Amerika eine „weitere Runde an Shutdowns, weitreichenden Beschränkungen für nicht essenzielle Betriebe und irreparablen wirtschaftlichen Schaden“.

Die Wirtschaft des Landes, die empfindlich von der Pandemie getroffen wurde, ist Trump wenige Monate vor der Wahl im November ein wichtiges Anliegen. Am Donnerstag bejubelte er im Weißen Haus die rasche Verbesserung der Lage am Arbeitsmarkt, die „alle Erwartungen übertroffen“ habe.

Die am Donnerstag veröffentlichte Arbeitslosenquote fiel stärker als erwartet von 13,3 Prozent im Mai auf 11,1 Prozent im Juni. Fast fünf Millionen Amerikaner haben im Juni wieder Arbeit gefunden.

Doch die positiven Nachrichten sind mit Vorsicht zu genießen - denn wegen der Zuspitzung der Lage im Süden des Landes droht neues Unheil. Die Arbeitslosenquote für Juni beruhte auf Daten, die nur die Situation bis zur Mitte des Monats abbildeten. Mögliche Auswirkungen der jüngsten Zuspitzung spiegelten sich darin deshalb noch nicht wider.

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