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Ein junger Mann sitzt im Zug an einem Laptop und schaut nachdenklich aus dem Fenster.
© Getty Images
Update

Befristete Jobs in der Wissenschaft: Durch ständiges Pendeln erschöpft, Partnerschaften leiden

Noch immer sind 81 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen befristet beschäftigt. Zwei neue Evaluationen loten aus, was das für Betroffene bedeutet.

Sie arbeiten in ihrem Traumjob an der Uni, folgen ihren wissenschaftlichen Interessen, forschen und lehren. Und wenn sie ein gutes Jahrzehnt lang dranbleiben, haben sie die Chance, sich dauerhaft in der scientific community zu etablieren.

Doch genau dieses Dranbleiben ist für sehr viele junge Wissenschaftler:innen eine quälende Hängepartie. Zumal die von der Mehrheit angestrebte Professur ein Nadelöhr bleibt: Rund 270.000 wissenschaftlichen Mitarbeiterstellen stehen nur gut 36.000 hauptberufliche Professuren gegenüber.

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Über die Situation der befristet in der Wissenschaft Beschäftigten geben jetzt zwei Evaluationen Auskunft – eine im Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) vorgeschriebene im Auftrag des BMBF und eine Art Gegenevaluation aus Sicht der Betroffenen vom Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss). Beide wurden am Freitag veröffentlicht.

„Nach oben kommt, wer lange durchhält. Und vor allem: Wer sich das Prekariat auf Dauer leisten kann“, hat Amrei Bahr soeben im Tagesspiegel-Interview gesagt. Heute ist die Philosophin Juniorprofessorin an der Universität Stuttgart. In ihrer Promotions- und Postdoc-Zeit aber hatte sie insgesamt acht Verträge und musste zwischenzeitlich von ALG1 leben.

[Das ganze Interview von Joana Nietfeld mit Amrei Bahr lesen Sie hier bei Tagesspiegel-Plus.]

Auch wer nicht absolut mobil sei und bereit, alle paar Jahre umzuziehen, schaffe es kaum, durchzuhalten, sagte Bahr. Sie ist Mitinitiatorin des Twitter-Aufschreis #IchbinHanna, unter dem Tausende seit April 2021 die Zumutungen des Wissenschaftsbetriebs geschildert haben. Bestätigt wird vieles davon durch die repräsentative Umfrage des NGAWiss, an der sich 4620 junge Forschende von 23 Universitäten bundesweit beteiligten (hier ein Factsheet zur Studie).

38 Prozent stellen ihren Kinderwunsch zurück

Die Aussage, dass Freundschaften und Partnerschaften unter befristeten Arbeitsverhältnissen nach der Promotion leiden und sie durch ständiges Pendeln erschöpft sind, bezeichnen 90 Prozent als zutreffend oder eher zutreffend. Für die Zeit vor der Promotion bejahen dies 72 Prozent. „Auslaufende Verträge und unklare Entfristungsperspektiven erzeugen enorme Unsicherheit“, stellen die Autoren Mathias Kuhnt, Patrick Wöhrle (TU Dresden) und Tilman Reitz (Universität Jena) fest.

Das wirkt sich auch auf den Kinderwunsch aus: Zwar sagen zwölf Prozent der befragten Frauen und Männer, dass sie nie einen hatten, aber 38 Prozent haben ihn schon einmal „aufgrund ihrer Arbeit an der Hochschule zurückgestellt“. Die restlichen 50 Prozent sehen sich nicht in der Familienplanung behindert.

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Auch die wissenschaftliche Qualität akademischer Arbeit werde durch die Befristungspraxis beeinträchtigt, betont das Team vom NGAWiss: So halten sich 72 Prozent der befristet Beschäftigten zumindest manchmal mit wissenschaftlicher Kritik zurück, weil sie sich Karrierechancen nicht verbauen wollen.

Bei den unbefristet Beschäftigten sind es 59 Prozent. Zu Qualitätseinbußen führe ebenfalls, dass nichtwissenschaftliche Tätigkeiten einen Großteil des Arbeitsalltags ausmachen und dies durch die Abhängigkeit von Vorgesetzten noch verstärkt wird, heißt es.

Knapp die Hälfte hat kein Qualifikationsziel

Bei der Kernfrage, ob die Befristungsdauer dem Qualifikationsziel im aktuellen Arbeitsvertrag angemessen ist, ergibt sich ein gespaltenes Bild: Weniger als die Hälfte der Promovierenden (46 Prozent) beklagt, dass dies bei ihnen nicht der Fall sei, 40 Prozent reicht die Zeit und 14 Prozent wissen es noch nicht.

Bei der Habilitation ist die Unzufriedenheit größer: 56 Prozent halten ihre Vertragslaufzeit für nicht angemessen. Aufschlussreich ist auch, dass gut ein Viertel der laut Arbeitsvertrag Habilitierenden ihr Ziel schon aufgegeben hat. Und 49 Prozent geben an, laut Vertrag kein Qualifikationsziel zu haben.

Viele Dozierende haben befristete Verträge.
Viele Dozierende haben befristete Verträge.
© Vincent Schlenner

Auch die Evaluatoren im Auftrag des BMBF – die InterVal GmbH in Kooperation mit dem HIS-Institut für Hochschulentwicklung – haben junge Wissenschaftler:innen gefragt, ob ihre Vertragslaufzeiten ihrem Qualifikationsziel angemessen seien. Mit ähnlichen Ergebnissen wie das NGAWiss: 40 Prozent aller Befragten in der Qualifizierungsbefristung nach WissZeitVG halten es für realistisch, das vereinbarte Ziel zu erreichen, rund 50 Prozent halten die Zeit für zu kurz bemessen.

Die BMBF-Evaluation beruht auf Befragungen von Personalverwaltungen, Daten aus Arbeitsverträgen, Interviews mit "Akteursgruppen" und mit Expert:innen. Während das NGAWiss insbesondere die menschliche Dimension der Befristungen unterhalb der Professur auslotet, liefern die Hochschulforschenden dem Bund vor allem Schlüsselzahlen, um die Wirkung des seit 2007 geltenden Gesetzes zu ermessen.

Immer noch Kettenverträge in der Wissenschaft

Grundsätzlich regelt das WissZeitVG seitdem ein Sonderbefristungsrecht für den akademischen und künstlerischen Mittelbau, also für Angestellte unterhalb der Professur: Sie können vor und nach der Promotion für jeweils insgesamt sechs Jahre befristet angestellt werden, bei Mediziner:innen sind es wegen der langen fachärztlichen Ausbildung nach der Promotion neun Jahre.

Diese 12- beziehungsweise 15-Jahres-Regel für die Höchstbefristungsdauer wurde in der Pandemie 2020 für Promotionen, Habilitationen und andere Qualifizierungen um jeweils sechs Monate verlängert.

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Mit der im März 2016 in Kraft getretenen Gesetzesnovelle muss die Laufzeit von Arbeitsverträgen wissenschaftlicher Mitarbeiter:innen an Hochschulen oder außeruniversitären Forschungsinstituten der angestrebten Qualifizierung „angemessen“ sein. Bei der Definition des Qualifizierungsziels haben die Hochschulen aber große Spielräume.

Geht es um Beschäftigte in Drittmittelprojekten, soll sich die Laufzeit ihrer Verträge am bewilligten Projektzeitraum orientieren. Das sind im Wesentlichen die Neuerungen des Gesetzes, die dem seit Jahrzehnten kritisierten „Befristungsunwesen“ mit klareren Regeln begegnen sollten.

Der BMBF-Evaluation zufolge ist dies bislang nur in Ansätzen gelungen. So sind nach den neuesten verfügbaren Zahlen noch immer 81 Prozent des hauptberuflichen wissenschaftlichen Personals an Hochschulen unterhalb der Professur befristet beschäftigt. Bei Nichtpromovierten beträgt die Quote 93 Prozent, nach der Promotion 63 Prozent. 2013 waren es im Schnitt 83 Prozent.

Besser sieht es bei der Drittmittel-Befristung aus, sagte Chefevaluator Jörn Sommer von der InterVal GmbH bei der Präsentation der Ergebnisse im BMBF: Hier stimmten die Laufzeiten der Verträge in 70 Prozent der Fälle mit der Projektdauer überein.

Unbefristete Stellen könnten die Lage verbessern

Ein Fortschritt ist zweifellos, dass rund die Hälfte der 16 Bundesländer inzwischen hochschulgesetzliche Regelungen getroffen haben, nach denen Arbeitsverträge vor der Promotion mindestens für drei Jahre geschlossen werden müssen. Für Postdocs bleibt dies allerdings die Ausnahme. Gleichzeitig existieren heute in drei Viertel der Länder Leitlinien für „gute Arbeit“ in der Wissenschaft.

All dies führe dazu, dass der Anteil der Verträge, die kürzer als ein Jahr laufen, nur noch bei einem Drittel bis einem Viertel liege, sagte Sommer. 2015 war dies beim ersten Vertrag noch bei mehr als der Hälfte der WiMis der Fall.

Nach der Gesetzesnovelle verlängerten sich die Vertragslaufzeiten zunächst erkennbar: Hatten wissenschaftliche Mitarbeiter:innen an Unis 2015 noch mittlere Laufzeiten von 15 Monaten (nicht promoviert) und 17 Monaten (promoviert), stiegen sie bis 2017 auf 21 beziehungsweise 22 Monate.

„Die Befristungsquote ist nach wie vor viel zu hoch“

Doch ab 2019 ist wieder ein Absinken zu beobachten: 2019 lag der Mittelwert bei 20 Monaten und 2020 ist er um ganze 2,7 Monate gesunken. Dieser Rückgang könnte allerdings auf die Pandemie zurückzuführen sein, schreiben die Experten von InterVal und HIS-HE.

„Die Befristungsquote der wissenschaftlichen Mitarbeiter ist nach wie vor viel zu hoch“, erklärte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP). „Wir wollen, dass sie vor allem bei den Promovierten sinkt.“ Die Ministerin kündigte eine erneute Novelle des WissZeitVG auf der Grundlage der Evaluationsergebnisse an - und eine Konferenz darüber mit allen betroffenen Gruppen am 27. Juni im BMBF.

Das NGAWiss hat die Betroffenen bereits gefragt, was ihre Situation verbessern könnte. 84 Prozent sagen, unbefristete Stellen spätestens ab der Promotion könnten die Lage (sehr) verbessern. Drei Viertel fordern längere Mindestlaufzeiten für befristete Verträge – und ebenso viele eine Abschaffung des Sonderbefristungsrechts im WissZeitVG.

Die GEW fordert ein „Entfristungsgesetz“

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisierte unter anderem, dass „Kurzzeitverträge dominieren, die im Durchschnitt eineinhalb Jahre laufen“. Dieser Befund sei „nicht nur dramatisch für die betroffenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, auch die Kontinuität und damit die Qualität der Forschung und Lehre werden unterminiert“, erklärte der stellvertretende GEW-Vorsitzende und Hochschulexperte, Andreas Keller.

Der GEW-Vize forderte den Bundesgesetzgeber auf, das Wissenschaftszeitvertrags- zu einem „Wissenschaftsentfristungsgesetz“ weiterzuentwickeln. „Es muss klipp und klar geregelt werden, dass Befristungen nur zulässig sind, wenn sie eine wissenschaftliche Qualifizierung wie die Promotion fördern.“

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