Evolution des Menschen : Fingerzeig nach Asien

Reste einer menschlichen Hand in der Wüste Saudi-Arabiens deuten auf einen frühen Exodus aus Afrika.

Handlich. Der Mensch brach früh nach Asien auf, zeigen fossile Finger.
Handlich. Der Mensch brach früh nach Asien auf, zeigen fossile Finger.Foto: Ian Cartwright

Es ist nur ein einzelner Fingerknochen von drei Zentimetern Länge – aber das Alter von etwa 88.000 Jahren und der Fundort in der Wüste Nefud in Saudi-Arabien sind außergewöhnlich: Es sei der bislang älteste direkte Beleg für den Homo sapiens jenseits von Afrika und der östlichen Mittelmeerküste, folgert das Team um Huw Groucutt und Michael Petraglia vom Jenaer Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte im Fachblatt „Nature Ecology and Evolution“. Der moderne Mensch habe Afrika also früher verlassen als bisher angenommen – wenn die Knochen tatsächlich von einem modernen Menschen stammen, was ein Berliner Experte als nicht eindeutig gesichert ansieht.

Zweifel an der These der Spätauswanderer

Vor mindestens 300.000 Jahren entwickelte sich Homo sapiens in Afrika. Aber wann verließ die neue Spezies den Kontinent? Die ältesten Belege für eine Antwort auf diese Frage stammen bisher aus dem Hinterland der östlichen Mittelmeerküste, der Levante. Demnach lebte der Mensch in der Region des heutigen Israels und Libanons schon vor mindestens 177.000 Jahren. Asien erreichte er erst vor 65.000 bis 70.000 Jahren, so die gängige Lehrmeinung. Doch in den letzten Jahren weckten etliche Funde Zweifel daran: Fossilien aus jener Zeit – teilweise sogar aus noch früherer – wurden in Südostasien entdeckt. Umstritten ist, ob die Überreste vom Homo sapiens stammen und nicht von anderen Menschenarten. Unstrittig ist aber, dass moderne Menschen schon vor 65.000 Jahren in Australien lebten – sie hätten also ganz Asien im Eiltempo durchqueren müssen.

Die Entdeckung in der Al Wusta-Wüste könnte nun verschiedene Theorien miteinander versöhnen. Das Fingermittelglied, 32,3 Millimeter lang und etwa 8,5 Millimeter dick, stamme eindeutig von einem modernen Menschen, schreibt das Team. Für einen Neandertaler sei es zu grazil.

Finger nicht eindeutig vom Homo sapiens

Der Berliner Paläontologe Faysal Bibi hingegen widerspricht dieser Interpretation. Der Fingerknochen könne auch von einer anderen Menschenart stammen, sagt der Forscher vom Berliner Museum für Naturkunde. Ein klarer Nachweis für die Präsenz des Homo sapiens sei er nicht. „Es ist wahrscheinlich so, aber wir können nicht ganz sicher sein.“ Gleichwohl geht der Experte davon aus, dass moderne Menschen damals schon auf der Arabischen Halbinsel lebten. Eine enge Verbindung zu Afrika habe es damals definitiv gegeben – das zeige schon die Ähnlichkeit der Tierwelt.

Die Forscher hatten am Fundort Al Wusta, der nur 650 Kilometer von der Levante entfernt ist, neben 380 Steinwerkzeugen aus Feuerstein und Quarzit auch 860 Fossilien von Wirbeltieren entdeckt: Fische, Reptilien und Säugetiere wie Flusspferde, Rinder und Wasserböcke. Offenbar gab es an der Fundstelle einst einen Süßwassersee in einer Graslandschaft, die Menschen gute Lebensbedingungen bot.

Für Groucett ist das Beleg genug, dass Homo sapiens frühzeitig über die Levante hinaus in Südwestasien ein ausgedehntes Gebiet besiedelte: „Die Fähigkeit dieser frühen Menschen, diese Region zu kolonisieren, weckt Zweifel an der seit Langem bestehenden Meinung, dass frühe Ausbreitungsversuche des Menschen aus Afrika heraus lokal begrenzt und erfolglos waren.“ (Walter Willems/dpa)

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