Exzellenzwettbewerb der Universitäten : Drei Schwestern und ein Antrag

Die drei großen Berliner Unis planen einen Exzellenzverbund: Wie gut passen sie wirklich zusammen?

Individuell. Die Berliner Unis haben eigene Traditionen. Im Bild die Humboldt-Universität – die Mutter der modernen Universität und neuerdings auch die Schwester von FU<TH>und TU – beim Festival of Lights im vergangenen Oktober.
Individuell. Die Berliner Unis haben eigene Traditionen. Im Bild die Humboldt-Universität – die Mutter der modernen Universität...Foto: imago/Rolf Zöllner

Als „unsere Schwesterunis“ bezeichnen Berlins Unipräsidenten die jeweils anderen beiden großen Berliner Unis neuerdings. Seit klar ist, dass man zu dritt im Verbund in den nächsten Exzellenzwettbewerb startet, will man einander nicht mehr wie früher als Konkurrentinnen um Geld und Ruhm sehen, sondern als Familienmitglieder. Aber wie gut passen die drei Schwestern FU, TU und HU wirklich zusammen?

Psyche

Die drei Berliner Unis haben unterschiedliche Charaktere. Sie sind geprägt durch ihre Geschichte, ihren Ort in der Stadt und ihre akademischen Traditionen. Ihre aktuelle psychische Verfassung hängt nicht zuletzt von ihrem aktuellen Standing in der Wissenschaft und der Öffentlichkeit ab.

Die Gekränkte

Die Humboldt-Universität strotzte in den Jahren nach dem Mauerfall nur so vor Selbstbewusstsein, bis hin zur Überheblichkeit. Der damalige Wissenschaftssenator Manfred Erhardt wollte sie zu Berlins Elite-Uni ausbauen. Zwar versiegten die Mittel nach zehn Jahren, auch die HU wurde zum Sparen herangezogen. Trotzdem betrachtete sie sich weiter als erstes Haus am Platze.

Doch im Jahr 2007 kam der Schock. Völlig überraschend siegte nicht sie in der Exzellenzinitiative, sondern die FU! Seitdem ist das Selbstbewusstsein der HU erschüttert – auch wenn sie 2012 ja doch noch Exzellenzuni wurde. Die HU fühlt sich jetzt manchmal zu kurz gekommen, etwa gegenüber der FU, wenn es um die Finanzen geht (siehe unten).

Die Ängstliche

Zum Leben der FU gehörte es jahrzehntelang, durch landespolitische Entscheidungen Verluste zu erleiden – bis hin zur existenziellen Bedrohung. Nach dem Mauerfall drohte sie „zu einem Zweitcampus der Humboldt-Universität zu werden oder auf den Status einer armen Landesuniversität abzurutschen“, wie der FU-Historiker Paul Nolte im vergangenen Jahr zum siebzigjährigen Jubiläum der FU schrieb.

Mitte der neunziger Jahre verlor die FU ihre Zahnklinik Nord und ihren Medizincampus Rudolf Virchow an die Humboldt-Universität. Im Jahr 2002 wollte der Berliner Senat dann sogar das Uniklinikum Benjamin Franklin der FU zu einem städtischen Krankenhaus herabstufen und der FU damit ihre medizinische Fakultät nehmen. Nur nach heftigen Protesten gelang ein – für die FU schmerzhafter – Kompromiss: Das Klinikum Franklin wurde der Charité zugeordnet, die nun die gemeinsame medizinische Fakultät von HU und FU ist. Bei der großen Sparrunde im Jahr 2004 verlor die FU dann fast die Hälfte ihrer Professuren.

Auf die Lieblosigkeiten der Berliner Politik reagiert die FU bis heute durch Überkompensation. Sie möchte stets makellos funktionieren. Kontroverse Debatten im Innern sollen nicht nach außen dringen. Zutiefst misstrauisch wie die FU ist, strebt sie nach kompletter Kontrolle über sich selbst. Journalisten dürfen selbst kleine Routineanfragen nur schriftlich stellen – und bekommen sie dann schriftlich beantwortet. Damit will die Freie Universität offenbar ausschließen, dass sie sich in einem Gespräch übertölpeln lässt und versehentlich ihr Betriebsgeheimnis preisgibt.

Die Coole

Auch die TU hatte ihre Tiefen. Die große Sparrunde von 2004 führte

zum Verlust ihrer fast ganzen Geisteswissenschaften. Zeitweise sackte die TU bei der Zahl ihrer Sonderforschungsbereiche im bundesweiten Vergleich gefährlich ab. Und dass die TU sich in den vorherigen Runden des Wettbewerbs als Exzellenz uni gegen die besser finanzierten technischen Unis an anderen Standorten durchsetzen könnte, haben Hochschulexperten nicht geglaubt. Zu einer Neurose hat das alles aber nicht geführt. Die TU ist immer ganz bei sich geblieben. Anders als die FU war sie in ihrer Existenz nach der Wiedervereinigung auch nie bedroht – als einzige technische Universität Berlins verfügt sie über allerlei existenzsichernde Alleinstellungsmerkmale. So durchweht die TU manchmal noch ein Hauch des alten West-Berlin und der damals ausgeprägten Gruppenuniversität.

An der TU gibt es schon mal Streit – wenn eine Präsidentenwahl ansteht oder die Viertelparität eingeführt werden soll. Dafür geniert sich die TU aber nicht, das gehört nun mal zur Demokratie. Die vielen jüngsten Erfolge beim Einwerben von Drittmitteln machen die TU nur noch souveräner. Also dürfen Journalisten Sachfragen auch im Telefonat mit Experten aus der Verwaltung klären – wie es auch an der HU üblich ist.

Umgang mit Geld

Geht es um den Haushalt, kann die FU als die schwäbische Hausfrau unter den drei Berliner Unis gelten. Ist sie auch – wie andere deutsche Universitäten – unterfinanziert: Die sparsame FU kommt schon länger ohne Haushaltsloch über die Runden und schockiert ihre Mitarbeiter auch nicht mit überraschenden Sparmaßnahmen.

Ganz anders die Humboldt-Universität. Aktuell fehlen in ihrem Haushalt alleine fürs Personal 12 Millionen Euro. Im Dezember empörten sich Fakultäten deshalb darüber, anders als erwartet zahlreiche Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter nicht besetzen zu dürfen. Schon in den Jahren 2017 und 2014 hatten sich die Fachbereiche gegen überraschende Sparvorgaben des HU-Präsidiums gewehrt. HU-Präsidentin Sabine Kunst erklärte die neue Deckungslücke mit „temporären Belastungen“ wie Stellen im Überhang, der Einführung von SAP und den Folgekosten der Exzellenzinitiative. Doch weiß die HU nicht seit langem von diesen Belastungen? Warum bekommen die Fakultäten immer wieder weniger als der Stellenplan verspricht? Und warum passiert das der FU nicht?

Die HU verliert leichter den Überblick, weil die drei Vizepräsidenten über eigene große Budgets verfügen, ist aus der scientific community mehrfach zu hören. Doch das weist die HU auf Nachfrage zurück: Die Vizepräsidenten verteilten ihre Budgets nicht selbstständig, die Fäden liefen letztlich beim Vizepräsidenten für Haushalt zusammen. Auch dass die HU ihr Geld auf dem Wege der Stellenkontingentierung an die Fakultäten verteilt, die FU aber seit 2006 über die Personalkostenbudgetierung macht nach Ansicht der HU keinen Unterschied: Ihre Fachbereiche könnten genauso flexibel wirtschaften wie die der FU.

Wechselnde HU-Leitungen haben das Haushaltsloch der Uni damit erklärt, dass das Land Berlin die HU gegenüber der FU finanziell benachteiligt. Doch rechnet man etwa die höheren Pensionslasten der FU heraus, werden beide Unis gleich behandelt. So sieht das jedenfalls die Senatsverwaltung für Wissenschaft und verweist auf ihre „akribischen Berechnungen“.

Offenbar lebt die HU also manchmal etwas über ihre Verhältnisse, weil sie sich verplant hat. Hinzu kommt, dass die HU anders als die FU in der Exzellenzinitiative erfolgreichen Clustern zahlreiche neue Professuren versprochen hat. Fakultäten müssen nun Professuren hergeben oder umwidmen, was als schmerzhafter Einschnitt empfunden wird.

Auch die TU hatte zwar jahrelang ein Haushaltsloch von zehn Millionen Euro. Doch inzwischen hat sie es halbiert, so dass es kaum noch Auswirkungen auf den Betrieb hat.

Verwaltung

Die FU hat Anfang des Jahrtausends auf SAP umgestellt. Damit die Abläufe effizient über die Software gemanagt werden können, müssen sie komplett neu durchdacht und vereinheitlicht werden – ein aufwendiger und konfliktträchtiger Prozess. Die TU arbeitet seit Jahresanfang mit SAP, die HU befindet sich erst in der Vorbereitung. Die Einführung von SAP werde den Austausch von Daten zwischen den drei Universitäten vermutlich erleichtern, sagt Lars Oeverdieck, der Leiter des Präsidialamts der TU Berlin. Schon jetzt seien die Uni-Verwaltungen daran gewöhnt, beim Abrechnen hochschulübergreifender Projekte die Eigenarten der Partnerhochschulen zu berücksichtigen: „Aber die Intensivierung der Beziehungen im Verbund wird eine Herausforderung.“

Mitbestimmung

An der TU ist Mitbestimmung traditionell ein großes Thema, entsprechend stark ist der Personalrat. Dass die TU seit Mai 2013 über die Entmachtung der Professorinnen und Professoren in den Gremien diskutiert, wäre aber nicht möglich, wenn es in der Gruppe der Hochschullehrer nicht starke Sympathien dafür gäbe. In einer Kampfabstimmung im Erweiterten Akademischen Senat erreichten sie mit ihrer (knappen) Mehrheit im Dezember 2017 schließlich, dass die Professoren bei der Präsidiumswahl fortan keine Mehrheit mehr haben sollen. Eine Entscheidung des Kuratoriums und der Senatsverwaltung steht noch aus.

Dass die Professoren sich im Dienste der Mitbestimmung selbst entmachten, scheint an der Humboldt-Universität und der Freien Universität ausgeschlossen. Auch gehören politische Gräben zwischen Professoren, wie es sie an der TU gibt, im Akademischen Senat der FU längst der Vergangenheit an, an der HU hat es sie so nie gegeben. Die FU-Professorinnen und -Professoren rücken sogar nur noch enger zusammen: Die größte Liste, die den Ausschlag bei der Präsidentenwahl gibt, die „Vereinte Mitte“, wuchs zuletzt weiter. Kritische Fragen von Professorenseite an das Präsidium werden darum leider immer seltener, sagt ein FU-Professor.

Auch sonst gibt es Unterschiede. So müssen Berufungen an der FU den Akademischen Senat nicht passieren, an der TU und der HU aber schon. Der Verbund regt dazu an, über solche und andere Unterschiede nachzudenken, sagt TU-Präsidialamtsleiter Oeverdieck.

Insgesamt passen HU und FU mit ihrer Gremienkultur besser zueinander als zur nach Viertelparität strebenden TU. Für den Fall, dass die drei Universitäten im Exzellenzwettbewerb siegen und dann den Verbund umsetzen, wird jedoch damit gerechnet, dass noch mehr Entscheidungen als bislang schon gleich auf der Leitungsebene ohne Beteiligung der Gremien fallen.

Fazit

Die drei Berliner Schwestern streben mit individuellen Persönlichkeiten in den Exzellenzverbund. Entsprechend ist aus den Arbeitsgruppen unterhalb der Präsidiumsebene auch von allerlei Spannungen zu hören. Die drei Unis haben eben weiter eigene Interessen. Dass die Charité – formal nur als medizinische Fakultät von FU und HU am Verbund beteiligt und eben nicht als eigenständige medizinische Hochschule – sich dem Vernehmen nach als dominante vierte Schwester gerieren soll, dürfte die Sache nicht leichter machen. Sollten die Universitäten im Juli mit ihrem Exzellenzantrag Erfolg haben, werden sie auch über die genaue Aufteilung der eingeworbenen Mittel untereinander – 28 Millionen Euro – diskutieren müssen.

Reibungen kommen aber in jeder Familie vor. Dass die drei Unis alles in allem bestens harmonieren, haben sie oft genug in zahlreichen gemeinsamen großen Forschungsprojekten bewiesen.

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