"Gender" löst die Frau auf - für den Feminismus ein Problem

Seite 2 von 2
Feminismus und Gender : „Werd’ Feministin!“
Punk-Gebet. Die feministische Band Pussy Riot im Januar 2012.
Punk-Gebet. Die feministische Band Pussy Riot im Januar 2012.Foto: Reuters

Denn zwar wird die Genderforschung von antifeministischen Herrenrechtlern als theoretische Speerspitze des Feminismus wütend bekämpft. Doch viele feministische Wissenschaftlerinnen befürchten im Gegenteil, dass die Genderforschung feministische Kraft in luftigen theoretischen Höhen verloren hat. Während „die Gender Studies bisweilen ein Auskommen an den Universitäten gefunden haben“, will „keine_r mehr so recht feministische Theorie betreiben“ (Hark).

Zwei Ursachen sehen die Autorinnen des Hefts: Im Streben nach akademischer Anerkennung hat sich die Geschlechterforschung darum bemüht, „den Geruch des Politischen, einer kritischen Gesellschaftstheorie abzustreifen“ (Ute Gerhard, Frankfurt/M.) – und ist damit zu ihrem Nachteil den scheinobjektiven normal sciences ähnlicher geworden.

Schwerer aber noch wiegt es nach Meinung einer Reihe von Autorinnen der „Studien“, dass „Gender“ den Gegenstand feministischer Forschung, nämlich die Frau, zum Verschwinden gebracht hat. Dass es „die Frau“ nicht gibt, sondern dass Frauen sehr verschieden sind und vor allem als Projektionsflächen für allerlei (männliche) Wünsche dienen, hatte schon die Frauenbewegung bemerkt.

Die poststrukturalistische Gendertheorie lenkte zu Beginn der neunziger Jahre das Augenmerk aber immer radikaler darauf, wie „Frauen“ und „Männer“ in performativen Akten erst kulturell hervorgebracht werden, vergleichbar einem Auto, das am Fließband zusammengesetzt wird. Von dieser Erkenntnis wurde nicht nur das soziale Geschlecht (gender), sondern sogar das biologische (sex) erfasst, das ebenfalls als kulturelles Konstrukt entlarvt wurde – schließlich realisiert sich auch der Körper erst im kulturellen Akt seiner Wahrnehmung.

Geschlecht soll gesellschaftlich keine Rolle mehr spielen

Die Einsicht, dass es einheitliche Subjekte wie „Frauen“ oder „Männer“ gar nicht gibt, hat plumpe Annahmen als solche entlarvt. Doch in Zweigen der Gender-, Diversity- und Queer-Studies gilt es nun in der Konsequenz als politisch unerwünschter Akt, geschlossene Identitäten zu erzeugen – etwa, indem die „Frauen“-Beauftragte mit ihrem noch so gut gemeinten Engagement Personen auf einen Minderheitenstatus festlegt und damit auch noch Hierarchisierungen gegenüber anderen Minderheiten schafft. An diesem Punkt kann sich Genderforschung aber ungewollt mit den neoliberalen Vorstellungen einer Kristina Schröder verbinden: Man sollte nicht versuchen, einer Person eine „Frau“ überzuhelfen, Geschlecht soll gesellschaftlich keine Rolle mehr spielen.

Für den Feminismus ist das ein Problem: „Die dekonstruktivistische Infragestellung der Geschlechter hat es vielleicht noch mehr als männliche Machtmonopole, Kleidervorschriften und Diskreditierungen des Weiblichen vermocht, die Existenz von Frauen als erkennbare Subjekte, als soziale und politische Kategorie zu vernichten“ (Gabriele Kämper, Berlin).

In der Wissenschaft ist Gender eher ein stumpfes Schwert: „So hat Gender beispielsweise bisher kaum dazu geführt, Literaturgeschichte als Geschichte von Geschlechterbeziehungen wirksam zu hinterfragen oder gar neu zu schreiben. (…) Männlichkeitskonstruktionen in der Literatur sind immer noch wenig erforscht, Autoren geschlechtslose Wesen. Gleichzeitig wurden historische Untersuchungen zu Frauen und insbesondere zu Leben und Werk von Autorinnen unter Ideologieverdacht gestellt. So führte der Erfolg der Gender Studies zum (erneuten) Verschwinden der Frauen aus der Literaturgeschichte“ (Anne Fleig, Berlin).

Wie geht es weiter? „Mehr Empirie, mehr Bezug auf Praxis, mehr Adressierung an die alteingesessenen Disziplinen“, fordert Hilge Landweer (Berlin). Glaubt auch niemand mehr daran, dass es die Frau in ihrer Essenz gibt, so empfiehlt sich doch ein „strategischer Essentialismus“, um einen „Weltbegriff feministischer Kritik“ zu ermöglichen (Gudrun-Axeli Knapp, Hannover). Die feministische Forschung, die im Neoliberalismus und in der Gendertheorie ihr „Bewusstsein verlor“, soll wieder zu sich kommen (Fleig). Oder in den Worten von Mechthild Veil (Frankfurt): Die Wissenschaft soll wieder „mehr Feminismus wagen“.

Artikel auf einer Seite lesen

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: 

13 Kommentare

Neuester Kommentar