Forschungsförderung : Millionenschwere EU-Projekte für Berlin und Potsdam

Von Europäischer Medizingeschichte bis zur Evolution der Erde: Der Europäische Forschungsrat vergibt Millionenprojekte nach Berlin und Potsdam.

Der Schriftzug Charité vor dem Bettenhaus in Berlin-Mitte.
An der Charité kann jetzt zu transeuropäischer Medizingeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg geforscht werden.Foto: picture alliance / Jörg Carstens

Vier der höchstdotierten europäischen Forschungspreise gehen in die Region Berlin-Brandenburg. Wie der Europäische Forschungsrat ERC am Freitag bekannt gab, sind Projektanträge der Charité, des Berliner Leibniz-Zentrums Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS) und des Potsdamer Geoforschungs-Zentrums (GFZ) für die ERC Synergy Grants bewilligt worden.

Mit Fördersummen von bis zu zehn Millionen Euro für sechs Jahre unterstützt der Forschungsrat Teams von jeweils zwei bis vier Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den Mitgliedsländern. Gemeinsam bearbeiten sie Projekte, die zu "Entdeckungen an den Schnittstellen zwischen Disziplinen und zu substantiellen Fortschritten an den Grenzen des Wissens führen" sollen.

Um ein wissenschaftshistorisches Thema geht es in dem Vorhaben unter der der Leitung der Charité: Im Projekt "Leviathan" wird die Geschichte der Gesundheitsvorsorge und des Wohlergehens der Menschen im Europa der Nachkriegszeit erforscht. Werde Europa für diese Zeit bisher entlang der ideologischen, politischen und wirtschaftlichen Gegensätze betrachtet, nehme das Verbundprojekt nun "das Gemeinsame" in den Blick, erklärt Volker Hess, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin und Ethik der Medizin an der Charité. Der medizinische Blickwinkel sei der Schlüssel dafür.

Partner der Berliner Universitätsmedizin bei "Leviathan" sind ein Historiker der Universität Kent (Großbritannien), eine Rechtswissenschaftlerin der Central European University in Budapest und eine Anthropologin der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften. Unterstützt wird das Projekt mit insgesamt knapp zehn Millionen Euro, von denen 2,7 Millionen an die Charité gehen.

Zurück zu Leibniz' Sprachphilosophie

Im zweiten Berliner Vorhaben geht es um "Leibniz' Traum" und damit um den Zusammenhang zwischen Sprache und Denken. Am Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft beteiligt sind Artemis Alexiadou, stellvertretende ZAS-Direktorin und Professorin für Englische Sprachwissenschaft an der Humboldt-Universität, sowie Uli Sauerland, der ebenfalls am ZAS forscht und an der Universität Potsdam lehrt. Sie kooperieren mit einer Kollegin von der Universität Mailand-Bicocca.

Das Team vom Projekt "Leibniz' Dream" mit Artemis Alexiadou, Uli Sauerland und Maria Teresa Guasti.
Das Team vom Projekt "Leibniz' Dream" mit Artemis Alexiadou, Uli Sauerland und Maria Teresa Guasti (v. li. n. re.).Foto: ZAS

Mithilfe von Sprachdaten von Kindern in 50 Sprachen will das Team beweisen, "dass unser Denken die Sprache bestimmt" - und nicht anders herum, wie in den vergangenen 100 Jahren angenommen wurde. Die drei Forschenden kehrten mit ihrem Projekt zu einer Idee des deutschen Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz zurück, erklärt das ZAS. Er sei davon überzeugt gewesen, "dass die menschliche Sprache der Schlüssel sei, um den menschlichen Geist zu verstehen". Ausgehen will das Team dabei von Fehlern, die Kinder in einem frühen Stadium der Sprachentwicklung machen. Gefördert wird das Projekt mit zehn Millionen Euro, sieben Millionen davon gehen ans ZAS.

Erfolg für die Zwillingsbrüder Sobolev

Gleich zwei Synergie-Preise gehen an das Geoforschungs-Zentrum in Potsdam - für zwei voneinander unabhängige Vorhaben. Für das Projekt "MEET - Monitoring Earth Evolution through Time" gewann GFZ-Forscher Stephan Sobolev die Förderung gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Alexander Sobolev, der am Institut des Sciences de la Terre der Universität Grenoble (Frankreich) forscht.

Eine Modelldarstellung des MEET-Projekts.
Eine Modelldarstellung des MEET-Projekts.Foto: GFZ

Für die Zeit von 4,4 Milliarden Jahren will das Brüderpaar - gemeinsam mit einem Kollegen von der Universität Wisconsin-Madison (USA) - herausfinden, wie sich die chemische Zusammensetzung der Erde entwickelt hat. Außerdem geht es um die Frage nach den physikalischen Prozessen hinter diesen Veränderungen, wie das GFZ mitteilt.

Um diese Fragen zu beantworten, sei es notwendig, die Bewegung von Masse und Energie zwischen dem tiefen Mantel der Erde, der Oberfläche und wieder zurück zu verstehen. Dieses geologische Recycling ist die Ursache für die dramatischen Veränderungen der Erdkruste in den letzten 4,5 Milliarden Jahren seit der Entstehung des Planeten - und damit für die Evolution der Erde.

Grönland-Eis mit unterschiedlicher Farbgebung und links im Bild ein Forscherteam.
Auf dem Grönlandeis. Bei den schwarz erscheinenden Partikeln im Eis handelt es sich meist um mikroskopisch kleine, tiefviolette...Foto: Laura Halbach/GFZ

Im zweiten GFZ-Projekt, "DEEP PURPLE", geht es um Schneealgen, die für die Eisschmelze auf Grönland mitverantwortlich sind. Dabei erkundet GFZ-Forscherin Liane K. Bennig mit ihrem Team anhand der zunehmenden Algenblüte auf arktischen Schnee- und Eisflächen den Zusammenhang zwischen Geologie, Geochemie, Biologie und Klima. Bennig kooperiert in dem Projekt mit Kollegen von den Universitäten in Bristol (Großbritannien) und Aarhus (Dänemark). MEET erhält vom ERC insgesamt 12,8 Millionen Euro, DEEP PURPLE bekommt elf Millionen Euro, jeweils drei Millionen davon fließen ans GFZ.

Insgesamt hat der Europäische Forschungsrat in dieser Runde der Synergy Grants 363 Millionen Euro für 37 Forschungsgruppen bewilligt.

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