Fruchtbarkeitsbehandlung außerhalb Deutschlands : Die soziale Kühltruhe

Im Ausland sind Fruchtbarkeitsbehandlungen bereits Firmenstrategie: Man übernimmt die hohen Kosten fürs Einfrieren von Eizellen, um Personal zu werben.

In-vitro-Fertilisation (IVF) unterm Mikroskop.
In-vitro-Fertilisation (IVF) unterm Mikroskop.Foto: imago/epd

Als die Internetriesen Apple und Facebook vor fünf Jahren öffentlich machten, dass sie die Kosten des sogenannten „Social Freezing“ für ihre Angestellten übernehmen wollten – also das Einfrieren von Eizellen, damit Frauen ihren Kinderwunsch auch nach dem 40. Lebensjahr noch erfüllen können –, folgte ein weltweites Echo.

"Deutsches Embryonenschutzgesetz in die Jahre gekommen"

Inzwischen, so ist im aktuellen „Economist“ zu lesen, hat das Beispiel Schule gemacht. Kürzlich entschied auch die Kaffeekette Starbucks, allen Frauen und Männern Fruchtbarkeitsbehandlungen zu bezahlen, die mindestens 20 Stunden pro Woche an ihren Kaffeetheken arbeiten. Von vier großen US-Konzernen bezahle mindestens einer solche Behandlungen, schreibt der „Economist“ – einige hätten damit auch die Negativschlagzeilen wegen sexueller Belästigung ausbalancieren wollen. Das Geld fließt wohl auch, weil in den USA Mutterschutz, Erziehungszeiten und finanzielle Hilfen per Gesetz auf niedrigstem Niveau sind. Zudem bietet das Silicon Valley, für weibliche Techies ohnehin quasi Sperrgebiet, kaum familienfreundliche Arbeitsplätze.

Womöglich ist das auch ein Grund, warum das Thema Reproduktionsmedizin und Arbeitsplatz in Deutschland (noch) keines ist. Weder aus ihrer Praxis noch aus ihrer Verbandsarbeit seien ihr Firmen bekannt, die ihren Angestellten anbieten, die Kosten für Fertilitätsbehandlungen zu übernehmen, sagt Daniela Wunderlich. Die Frauenärztin ist Medizinreferentin beim Bundesverband von Pro Familia. „Ich sehe diesen wirtschaftlichen Druck bei uns in Deutschland nicht.“ „Social Freezing“, das es in Deutschland durchaus gebe, werde von kommerziellen Kinderwunschzentren angeboten. Männer und Frauen, die die Leistung in Anspruch nehmen, täten dies meistens, wenn sie an Krebs erkrankt seien und noch Eltern werden wollten.

Die Initiative der FDP reiht sich aus Wunderlichs Sicht in die laufende Debatte über die Reform des Embryonenschutzgesetzes ein. „Das Gesetz ist tatsächlich in die Jahre gekommen, wir sind inzwischen europaweit Schlusslicht.“ Jetzt werde darüber gesprochen, aber die Debatte werde sich wohl noch hinziehen – schließlich beziehe sie sich auf heikle moralische Fragen und es handle sich auch um Straftatbestände, wenn Frauen mit Kinderwunsch oder Medizinerinnen und Mediziner gegen das Gesetz verstießen.

In China in zehn Jahren fünfmal mehr Kinderwunschkliniken

Wer Hilfe im Ausland sucht, ist zumindest nicht gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen. Das internationale Angebot wird in Deutschland massiv beworben, so auf jährlich mehrfach stattfindenden Kinderwunschmessen, etwa in Berlin. In Ländern mit weniger rigiden Regeln boomt der Markt rings um die Fruchtbarkeit, von Ei-Einfrierkliniken über In-vitro-Zentren bis zur Diagnose aktueller und späterer Zeugungsfähigkeit. Weltweit seien Investoren „verständlicherweise elektrisiert“, denn die Branche verspreche hohe Gewinne, schreibt der „Economist“: In Dänemark, Israel und Japan werde schon eins von 25 Kindern nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung seiner Eltern geboren, Tendenz steigend. In China stieg seit 2006 die Zahl der Kinderwunschkliniken in nur zehn Jahren von 88 auf 451, die Zahl der US-Bürgerinnen, die ihre Eizellen einfrieren ließen, wuchs von 2016 bis 2017 um fast ein Viertel.

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