Grönlands Eisschild taut ab : Rekordverlust von Grönlandeis

Der Eisschild in Grönland hat 2019 so viel an Masse verloren, wie noch nie seit Messbeginn. Forscher sehen Häufung von Verlustjahren. 

In Grönland gehen immer größere Mengen Eis verloren. 
In Grönland gehen immer größere Mengen Eis verloren. Foto: Steffen M. Olsen/Danmarks Meteorologiske Institut/dpa


Das grönländische Inlandeis taut weiter ab. Wie eine Untersuchung von Satellitendaten nun ergab, ist am Eisschild Grönlands im vergangenen Jahr ein neuer Negativrekord erreicht worden. Der Massenverlust fiel demnach mit 532 Milliarden Tonnen noch höher aus als im bisherigen Rekordjahr 2012 mit 464 Milliarden Tonnen. Ein Eisverlust dieser Größenordnung verursacht einen Anstieg des globalen Meeresspiegels um 1,5 Millimeter. Wissenschaftler des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts (AWI) und des Deutschen Geoforschungszentrums in Potsdam (GFZ) hatten den Eisverlust für eine Studie ermittelt, Grundlage waren Satellitendaten der ersten und zweiten Grace-Satellitenmission. Die Studie ist im Fachmagazin, Communications Earth and Environment erschienen. 

Eisverlust erneut stark angestiegen

„Nach zwei Jahren Atempause, sind in 2019 die Massenverluste wieder stark angestiegen und übertreffen alle Jahresverluste seit 1948, wahrscheinlich sogar seit über 100 Jahren“, sagt Ingo Sasgen, Glaziologe am AWI in Bremerhaven und Leitautor der Studie. 2017 und 2018 waren die Massenverluste nach Angaben der Forscher vergleichsweise gering ausgefallen. Die Massenbilanz eines Jahres ergibt sich aus der Differenz zwischen Eiszunahme durch Schneefall und Eisverlusten durch Schmelzen und Eisausstoß am Rande des Eisschilds. 

Durch den Vergleich von Satellitendaten mit regionalen Klimamodellen konnten die Forscher sehen, welcher Prozess wie stark beteiligt und welche Großwetterlagen bestimmend waren. „Immer häufiger haben wir stabile Hochdruckgebiete über dem Eisschild, die den Einstrom von wärmerer Luft aus den mittleren Breiten und damit das Schmelzen begünstigen", erklärt Sasgen.

Ein ähnliches Muster hatten die Wissenschaftler im bisherigen Rekordjahr 2012 gesehen. Erst Mitte August hatten Forscher von der Ohio State University berichtet, der Eisverlust von Grönland beschleunige sich und sei nicht mehr zu stoppen, selbst wenn die Erderwärmung sofort ende. Der jährliche Schneefall reiche nicht mehr, um ihn aufzuwiegen. „2019 war der Schneefall geringer als im langjährigen Mittel; auch das hat zu dem Rekordwert beigetragen“, erläutert Marco Tedesco, Professor an der Columbia University und Mitautor der Studie.

Stärkste Verluste im vergangenen Jahrzehnt

Die Arktis erwärmt sich im Sommer etwa eineinhalbmal so schnell wie andere Regionen im globalen Durchschnitt. Hinzu kämen verschiedene Rückopplungseffekte, erklären die Forscher. Und auch die kalten Jahre tragen zur Negativbilanz bei. „In den Jahren  2017 und 2018 hatten wir sehr kalte und schneereiche Jahre in Grönland“, sagt Sasgen. Den Daten der Grace-Satellitenmissionen  konnte die Wissenschaftler nun aber entnehmen, dass auch in diesen Jahren die Massenbilanz durch den starken Ausstoß im Meer endender Gletscher negativ war. Die Forscher sehen zwar eine starke Variation von Jahr zu Jahr. Die fünf stärksten Verlustjahre seit 1948 seien aber dennoch in den vergangenen zehn Jahren zu verzeichnen.

Die Satelliten-Zwillinge Grace (Gravity Recovery and Climate Experiment) vermessen das Erdschwerefeld. 
Die Satelliten-Zwillinge Grace (Gravity Recovery and Climate Experiment) vermessen das Erdschwerefeld. Foto: Promo/GFZ

Satelliten entscheidend für Quantifizierung

Die beiden Grace-Satellitenmissionen zur Beobachtung des Erdschwerefeldes, an denen das Potsdamer GFZ federführend beteiligt ist, sind für die Wissenschaftler entscheidend für die kontinuierliche Beobachtung der grönländischen Eismassen. Die Messungen der ermöglichen es, Massenänderungen des Eisschilds in monatlicher Auflösung zu quantifizieren.

Für die Mission  fliegen zwei rund drei Meter lange Satelliten in einem Abstand von rund 250 Kilometer um die Erde und vermessen sie. Einmal pro Monat entsteht so eine Karte des Schwerefelds der Erde entstehen. Aus den Daten sind Rückschlüsse beispielsweise auf die Veränderung des Meeresspiegels oder des Klimas möglich. 

„Die Satellitenmission Grace, die im Sommer 2017 endete, lieferte uns über 15 Jahre hinweg essentielle Beobachtungen zu den Eisverlusten in Polargebieten“, erklärt Christoph Dahle, verantwortlich für die Berechnung der Schwerefelder aus den Rohdaten beider Missionen am Potsdamer Geoforschungszentrum. 2018 wurde das Monitoring mit der zweiten Grace-Mission fortgesetzt.  (mit dpa)

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